Gerechtigkeit

Gina-Lisa Lohfink: Warum bestraft das deutsche Recht Opfer und schützt Vergewaltiger?

11.06.2016, 09:00 · Aktualisiert: 24.06.2016, 15:21

Triggerwarnung: Beschreibungen sexueller Gewalt gegen Frauen

Juni 2012 in Berlin. Eine junge Frau in einer Wohnung. Ein Mann hat mit ihr Sex, der andere filmt. Dann wechseln sie sich ab. Die junge Frau scheint währenddessen bewusstlos, machtlos. Als sie zu sich kommt, ruft sie: "Hör auf." Einmal, zweimal. Dreimal. Die beiden machen weiter. (Edition F) Wer dieses Video sieht, das auf diversen Porno-Plattformen kursiert, denkt sofort: Hier geschieht etwas gegen den Willen der Frau, hier geschieht ein Verbrechen. Hier wird eine Frau vergewaltigt.

Der Polizei wird die junge Frau später erzählen, sie sei am nächsten Morgen aufgewacht und habe nicht gewusst, was mit ihr passiert sei. "Ich hab schon zweimal K.O.-Tropfen gekriegt, mit 18 und mit 23, das fühlte sich genauso an wie damals", sagt sie. Nach Hause zu gehen erlauben ihr die beiden Männer demnach nur nach einer langen Diskussion. "Wenn du Ärger machst, wirst du schon sehen, was passiert" soll einer der beiden noch gedroht haben. (stern)

Am Nachmittag klingelt das Telefon ununterbrochen. Journalisten versuchen, sie zu erreichen. Ihnen sei ein Sex-Video angeboten worden, auf dem sie zu sehen sei. So schildert es die Frau später vor Gericht. Warum die Medien bei ihr anrufen? Weil sie aus dem Fernsehen bekannt ist: Ihr Name ist Gina-Lisa Lohfink, sie war unter anderem bei "Germany’s Next Topmodel" und „Big Brother“ zu sehen.

Lohfink sagt: Erst als sie selbst das Video aus der vergangenen Nacht zu Augen bekam, habe sie verstanden, was ihr angetan wurde.

Die 29-Jährige erstattet Anzeige wegen der Weitergabe des Clips und später auch wegen Vergewaltigung. Viele, die das Video sehen, gehen von einem Verbrechen aus. Die Männer waren sich offenbar keiner Schuld bewusst. Dass sie selbst zu erkennen sind, scheint sie nicht zu kümmern. Aber das muss es auch nicht:

Denn nachdem ein Medienanwalt die Verbreitung des Videos eindämmen wollte, nachdem Gina-Lisa Lohfink bei der Polizei von einer möglichen Vergewaltigung berichtete, nachdem die Festplatten und Handys der Männer sichergestellt wurden, nachdem Gina-Lisa Lohfink Monate nach der Tat das erste Mal vor Gericht aussagte, nachdem die beiden Männer vom Verdacht der Vergewaltigung freigesprochen wurden, steht sie heute wieder vor Gericht.

Allerdings als Angeklagte.

Sie soll die Männer fälschlicherweise der Vergewaltigung und der Verabreichung von K.O.-Tropfen verdächtigt haben und deshalb 24.000 Euro Strafe zahlen.

Wie bitte?

Das Video, also der für den juristisch unbedarften Zuschauer eindeutige Beweis der Tat, in dem sie mehrfach deutlich "Hör auf" zu den Männern sagt, hat für eine Verurteilung der beiden nicht ausgereicht. Weil das deutsche Sexualstrafrecht kaputt ist.

Eine "Nein-heißt-Nein"-Regelung, wie sie in anderen Ländern existiert, gibt es in Deutschland noch nicht. Obwohl Deutschland bereits 2011 ein völkerrechtliches Abkommen unterzeichnet hat, das genau dies fordert. Der Maßstab, mit dem Richter bei Prozessen abwägen müssen, ob ein Opfer vergewaltigt wurde, ist: Gegenwehr.

Wer sich beim Akt nicht deutlich und körperlich wehrt, wird nach deutschem Recht also auch nicht vergewaltigt. Ausnahmen gibt es, aber die gelten nur für Menschen, die sich nicht wehren können. Etwa wegen Behinderungen oder Angst um Leib und Leben.

Gina-Lisa Lohfink war aber anscheinend, trotz Alkohol- und Drogeneinfluss, nicht weggetreten genug. Nach der aktuellen Rechtslage könnte der Sex also einvernehmlich gewesen sein. Die Richterin schätzte ein, dass das geäußerte "Hör auf" nicht dem sexuellen Akt an sich, sondern nur einzelnen Teilen wie dem Oralverkehr gegolten haben könnte. Ein externer Gutachter stellte zudem fest, dass Gina-Lisa Lohfink im Video nicht den Eindruck mache, unter dem Einfluss von K.O.-Tropfen zu stehen.

Nicht einmal ein selbst gedrehtes Video einer "Vergewaltigung" reicht also nach deutschem Recht aus, um verurteilt zu werden. (Man muss das Wort hier in Anführungszeichen setzen, weil das Gericht ja entschieden hat, dass es in diesem Fall keine Vergewaltigung war.)

Um diesen wahnwitzigen Missstand zu verdeutlichen, wird gerne ein Vergleich vorgebracht: Wer gegen deinen Willen mit deinem Auto fährt, macht sich strafbar. Wer gegen deinen Willen mit dir schläft, macht sich nur strafbar, wenn du dich stark wehrst. (Spiegel Online) Dass dies aus Angst, Schock, Überraschung und Entsetzen, gesellschaftlichem Druck, Erwartungen, Erziehung und so vielen anderen Gründen aber oft nicht passiert, wird vom Recht nicht abgedeckt. Es ist zum Schreien.

Eines weiß ich genau. Ich würde niemals wieder in meinem Leben, auch als Geschädigte, ohne einen Strafverteidiger zur Polizei gehen.
Gina-Lisa Lohfink

Was macht so ein Gesetz mit den Opfern?

  • Es ist offensichtlich: Wer nicht einmal darauf hoffen kann, dass der Täter bestraft wird, geht nicht zur Polizei.
  • Wer Angst haben muss, für das Anzeigen eines sexuellen Übergriffs selbst bestraft zu werden, geht nicht zur Polizei.
  • Wer begreift, dass nicht einmal ein Video der Tat als Beweis ausreicht, geht ohne Beweise erst recht nicht zur Polizei.

Die breite Medienberichterstattung wird diesen Zustand noch weiter verschärfen. Denn dadurch wird jedem Opfer klar: Mir wird im deutschen Rechtssystem nicht geholfen.

Jede dritte Frau in Deutschland wird in ihrem Leben mindestens einmal Opfer sexueller oder körperlicher Gewalt. (Handelsblatt) Solange das Gesetz nicht angepasst wird, werden die Opfer weiterhin schweigen müssen. Nur 5 bis 15 Prozent aller Vergewaltigungsopfer gehen heute überhaupt zur Polizei. Und von diesen Anzeigen enden nur 8 Prozent in Verurteilungen. (Frauen gegen Gewalt/ Zeit)

Übrigens: Viele Leute antworten auf diese Zahlen gerne mit den wenigen, aber medial überproportional abgebildeten Fällen von falschen Vergewaltigungsvorwürfen. Tatsächlich liegt das Verhältnis bei ungefähr 135:1, also: Auf jeden Fall von falschen Vergewaltigungsvorwürfen kommen 135 reale Vergewaltigungen.*

Bedauerlicherweise verstehe ich heute auch, dass viele Frauen [...] aus Angst vor Konsequenzen in Bezug auf die eigene Person den Weg zur Polizei nicht mehr gehen.
Gina-Lisa Lohfink

Passiert da etwas?

Justizminister Maas sieht zwar den Verbesserungsbedarf und arbeitet zurzeit daran, diesen Missstand zu beheben. Aber: Der neue Gesetzentwurf in seiner jetzigen Form würde es Gerichten nur in sehr wenigen Fällen leichter machen, die Täter zu belangen. Nach den Übergriffen von Köln sind jetzt zum Beispiel alle scharf darauf, "Grapschen" endlich auch als Straftat zu definieren. Ein wichtiger Ansatz, aber ein "Nein-heißt-Nein"-Prinzip ist im Gesetz trotzdem noch nicht im Entwurf enthalten.

Der Bundesrat, einige Fraktionen und Abgeordnete im Bundestag sowie zahlreiche Frauen- und Opferverbände haben deshalb schon Beschwerde eingelegt und eine Nachbesserung gefordert. Die Regierung sagte vor einigen Tagen, sie sei "offen" für eine Integration der "Nein-ist-Nein"-Regelung in das Gesetz. Ob und wann das passiert, ist nicht klar. (Bundestag)

Der Hass der Männer

In den sozialen Medien entlädt sich derweil der Hohn und Hass von Kommentatoren, die die üblichen ausgelutschten Phrasen wiedergeben. Es ist, als wäre der gesellschaftliche Fortschritt im Netz beendet, zurückgedreht. Der Prominentenstatus und das negative Image von Gina-Lisa machen es nur noch extremer.

"Soll sie halt nicht so viel trinken." "Warum ist sie auch immer so nuttig angezogen." "Sie ist ja auch bei der Sexmesse Venus aufgetreten." "Sie hat doch auch selber mal Nacktvideos gedreht". Man kann kaum glauben, das viele immer noch so denken.

Es ist traurig, dass man das im Jahr 2016 immer noch wiederholen muss: Jede Frau (und jeder Mann) hat das Recht, zu jedem Zeitpunkt ihres Lebens, "Nein" zu Sex zu sagen. Selbst, wenn sie Pornostar ist, Sexarbeiterin oder deine Ehefrau. Selbst, wenn sie nackt durch den Park läuft. Selbst, wenn du vorher schon einmal mit ihr geschlafen hast. Oder wenn du in diesem Moment mit ihr schläfst. Es ist ihr Körper, ihr Wille, ihre Entscheidung. Nein heißt Nein.

Die Männer können mit Frauen machen was sie wollen. Wie weit gehts denn noch? Haben wir Frauen überhaupt keine Rechte mehr?
Gina-Lisa Lohfink

Und jetzt?

So lange Männer noch glauben, dass ihr Wille wichtiger ist als das Einverständnis der Frau, und so lange das deutsche Sexualstrafrecht ihnen dabei auch noch den Rücken freihält, kann man Frauen leider nur einen Tipp geben: Wehrt euch. Nehmt Pfefferspray mit zum Feiern und in die Uni. Lernt einen Kampfsport, der euch die Hemmungen nimmt, im Notfall zurückzuschlagen. Kratzt den Arschlöchern die Augen aus, wenn es sein muss.

Denn sonst glaubt euch am Ende vielleicht keiner. Das ist Deutschland im Jahr 2016.


Nachtrag, 24.6.16:
Recherchen des Magazins "Der Spiegel" haben neue Informationen über den Prozess und die Indizien offenbart, die zur Entscheidung des Gerichtes geführt haben. Daher ist die in diesem Kommentar getätigte Argumentation nicht mehr zu halten, dass nur das kaputte Sexualstrafrecht für den Freispruch der beiden Männer verantwortlich sei. Das vorliegende Material lässt die hier kritisierte Entscheidung des Gerichts in einem anderen Licht erscheinen. Das von Frau Lohfink geäußerte "Hör auf" könnte demnach sehr wohl auch dem Filmen und nicht dem Geschlechtsverkehr gegolten haben. Zudem ist einer der beiden Männer für die unerlaubte Verbreitung des Videomaterials verurteilt worden.

Nach wie vor steht der Autor aber zu seiner Aussage, dass das deutsche Sexualstrafrecht verschärft werden muss, um Täter nach sexuellen Übergriffen juristisch besser belangen zu können.

*Das Zahlenverhältnis wurde aus zwei Statistiken berechnet. Grundlage waren die Daten der NGO "Frauen gegen Gewalt" zur Anzahl der Frauen, die nach einer Vergewaltigung zur Polizei gehen (zwischen 5 und 15 je 100 Fälle) und die Zahlen des LKA Bayern über den Anteil an nachweisbaren Falschbeschuldigungen (7,4% der gemachten Aussagen).

Musik

Usher ist zurück. Nice

10.06.2016, 17:55 · Aktualisiert: 11.06.2016, 10:44

U remind me of a boy, that I once knew.

Usher ist der größte R&B-Star der vergangenen 20 Jahre. Zuletzt konnte man das leicht vergessen. Usher, das waren Songs mit David Guetta, Pitbull und Enrique Iglesias. Alles Radio-Hits. Trotzdem: Autsch. Jetzt ist er zurück. Also der Usher, den wir mögen. Nicht bloß irgendein Typ, der über die ewig gleichen EDM-Beats 'rübersingt.

Zwei Songs stehen seit Donnerstag im Netz: "No Limit" und "Crash". Sie sind Teil des neuen Albums "Flawed", seinem ersten seit vier Jahren. Drei Jahre lang hat Usher es angekündigt, das Album immer wieder verschoben, jetzt scheint es endlich loszugehen. Wann genau "Flawed" rauskommt, ist noch nicht bekannt. Es wird aber über eine Veröffentlichung im Juli spekuliert (LA Times). "Crash" könnt ihr euch zum Beispiel kostenlos bei Vevo anhören, "No Limit" gibt es vorerst nur exklusiv bei Tidal. Ohne Nutzerkonto gibt es dort nur eine kurze Vorschau zu hören.