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Gerechtigkeit

Fakes auf Facebook: So werden Gerüchte gestreut

15.02.2016, 06:30 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:27

Klauende Flüchtlinge? Der Hinweis könnte aus dem Lehrbuch "So setze ich Gerüchte in die Welt" stammen.

Mimikama x bento

Der Verein aus Österreich identifiziert für bento Falschmeldungen und Gerüchte aus den sozialen Medien und stellt sie richtig. Mehr Fakes findet ihr auf Mimikama.

Wer sich bei Facebook einloggt, kann derzeit so manches mal einem Pinocchiowettstreit zuschauen. Speziell in der Flüchtlingsdebatte wird so manches wilde Posting geliked, geteilt, kommentiert.

Manche dieser Posts sind clever konstruiert, manche berufen sich auf eine Kernwahrheit aus vergangenen Jahren, andere wiederum sind einfach nur "Perlen der Sozialmedien". Eine dieser Perlen tauchte in den vergangenen Tagen auf:

Hey Leute passt im Kaufland auf ich hab vor kurzem mitbekommen das eine Frau von zwei Asylanten den Geldbeutel geklaut haben. Also passt auf eure Geldbeutel auf !!!

Der Hinweis über klauende Flüchtlinge könnte aus dem Lehrbuch "So setze ich Gerüchte in die Welt" stammen.

Die Kurzgeschichte

Aus Schulzeiten wissen wir noch: Kurzgeschichten erkennt man am unmittelbaren Einstieg und dem offenen Ende. Das war, leicht verkürzt, die Faustformel.
 Heutzutage wissen wir auch: Falschmeldungen erkennt man unter anderem daran, dass sie nicht nachverfolgbar sind. 
Als weitere Zutaten passen eine handvoll Großbuchstaben oder Sonderzeichen, fertig ist das Gericht, ähhh Gerücht.

Und wer nun glaubt, das oben angegebene Zitat sei frei erfunden, irrt gewaltig. Denn genau diese Perle der Information ist auf Facebook öffentlich zu finden.

Die Gegenreaktion

Tapfer hält die Autorin des kleinen Kunstwerkes noch dagegen, nachdem sie von dem Facebook-Admin der "Heidenheimer Zeitung" befragt wurde. Sie kann sich zumindest nicht beschweren, dass ihre Aussage nicht ernst genommen wird. Fair!

In welcher der beiden #Kaufland-Filialen in Heidenheim war das? Was heißt "vor kurzem"? Wann genau? Woran konntest Du ausmachen, dass es sich dabei tatsächlich um "Asylanten" handelte? Bitte mehr konkrete Infos. Danke!

Aber auch die Antworten zeigen, dass sie in der Gerüchteküche zu hantieren weiß.

Die Ausschlussformel

Ein ganz wichtiges Element bei Gerüchten ist der Haftungsausschluss der eigenen Person. Dazu verwendet man einen ganz klassischen Kniff: Man habe es ja gar nicht selbst miterlebt! So kann man nicht als Lügner hingestellt werden. Und die eigenen Freunde würden einen ja nie belügen. Never ever!

Von meinem Vater der Arbeitskollege die Frau was es

Die Vertuschungsformel

Ganz wichtig! Der Grund, warum niemand etwas weiß, liegt natürlich im System. Die Polizei darf nicht berichten, weiß jedoch Bescheid und ist völlig machtlos. Die Medien dürfen nichts berichten, da sie eine staatlich gesteuerte #Lügenpresse sind.

Und auch hier in unserem vorliegenden Fall zeigt sich: Die ach so machtlose Polizei kann nichts dagegen machen. Die Polizei kapituliert quasi vor "zwei Asylanten", die einen Geldbeutel geklaut haben.

Ja die Polizei war da und konnte nix mache

Die "Was-wollt-ihr-eigentlich-von-mir"-Formel

Wenn man am Ende schon mit dem Rücken zur Wand steht, dann sollte man wenigsten offensiv wieder aus der Situation herausgehen. Denn Schuld an den dummen Fragen sind ja die anderen, die die Aussage prüfen wollen und hinterfragen.

Und im welchen Kaufland weiß ich nicht, wann es war weiß ich nicht, weil jeder weiß wie Asylanten aussehen und sich verhalten und wie sie andere Menschen anschauen

Na, ist doch alles einleuchtend, oder nicht?

Wobei: Wissen wir wirklich "wie Asylanten aussehen und sich verhalten"? Können wir aufgrund dieses Wissens generelle Aussagen treffen, die zwar nicht stimmen, aber so stimmen könnten?

Gleiches Muster, anderes Beispiel

Nach dieser Maxime handelte auch jüngst der Admin der Facebookseite Pegida BW – Bodensee.

Es war aber kein Flüchtling, sondern De’Andre Johnson, damals Florida State Quarterback. Nach diesem Angriff im Juli 2015 auf eine junge Frau in einer Bar in Tallahassee wurde der 21-jährige US-Amerikaner aus dem Team suspendiert. Ausführlicher steht das bei Mimikama.

(Hinweis der Redaktion: Inzwischen hat die "Pegida BW - Bodensee" den Post um einen Satz ergänzt: "UPDATE: Rätsel um das WO ist geklärt: Schwarzer Sportler schlägt weiße Studentin in USA.")

Seriöse Quellen

Flüchtlinge begehen Straftaten, ja. Aber nicht häufiger als die einheimische Bevölkerung, das zeigt eine Analyse des Bundeskriminalamts (SPIEGEL ONLINE). Über solche Vorfälle informieren zum Beispiel die Pressemitteilungen der Polizei.

Die sozialen Medien hingegen haben sich in diesem Fall eher als schlechte Quelle erwiesen, denn die falschen Meldungen häufen sich. Und es stellt sich sowieso die Frage: Was soll mit solch verqueren "Argumenten" und Gerüchten überhaupt erreicht werden außer Hass zu schüren?

Was du machen kannst

Wenn du dich trotzdem bei Facebook informieren willst, dann halte dich an die sieben W-Fragen, um den Wahrheitsgehalt zu überprüfen:

  1. Wer (hat etwas getan)
  2. Was (hat man getan)
  3. Wo (hat man es getan)
  4. Wann (hat man es getan)
  5. Wie (hat man es getan)
  6. Warum (hat man es getan)
  7. Woher (stammt die Information)

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