Bild: Imago/Westend61

Gerechtigkeit

Du findest Fähler lustig – ich find das arrogant

07.06.2017, 10:37 · Aktualisiert: 07.06.2017, 13:41

Facebook stellt mich jeden Tag vor neue Herausforderungen. Ich muss mich dort mit Meinungen auseinandersetzen, die mir außerhalb des Internets nicht zu Ohren kommen

90 Prozent der deutschen Männer seien linksgrünversiffte Weicheier, echte Männer gebe es nur noch in Polen und in Deutschland ankommende Flüchtlinge verursachten Krankheitsepidemien, die uns alle zur Strecke bringen würden.

Tja. Wie soll man auf sowas reagieren?


In den meisten Fällen ignoriere ich solche Äußerungen, weil ich zu faul zum Antworten bin. Wenn wir ehrlich sind, wollen doch weder ich noch mein digitales Gegenüber wirklich ehrlich und ergebnisoffen diskutieren. Wir haben eben unsere Meinungen. Ich bin mir im Klaren darüber, dass auch meine Trägheit ein Grund dafür ist, dass Rechte die Meinungshoheit auf vielen Social-Media-Plattformen übernommen haben.

Sich lustig machen ist schlimmer als nichts zu tun

Noch schlimmer als nichts zu tun finde ich allerdings die Art, wie einige meiner Facebook-Freunde und vermeintliche politische Verbündete auf den Hass im Netz reagieren: Indem sie sich über die Verfasser von rassistischen oder sexistischen Kommentaren lustig machen. Über ihre Wortwahl, ihre Grammatik, ihre Rechtschreibfehler.

Sich an Dummheit und mangelnder Bildung des politischen Gegners zu ergötzen, ist schon lange Trendsport auf Facebook. Auf Seiten wie "Rhetorische Perlen von AfD- und NPD-Anhängern und Verschwörungstheoretikern" organisieren sich über 100.000 Nutzer, die sich gegen Äußerungen wie diese zur Wehr setzen: "Das tolle land haben nur die kuropten Politiker. Die ieben in Saus und Braus." 

Das falsch geschriebene Wort "kuropten" wird von “RP” hervorgehoben und mit einem Herz garniert; ach, wie niedlich diese kleinen Leute doch sind! Der Name und das Bild des Verfassers werden auch gleich mitgeliefert, für alle, die sich kostenloses Bonusmaterial auf dem Profil des Nutzers reinziehen wollen.

Ein Beispiel:

Auch die "Hooligans gegen Satzbau" haben ihre Bestimmung im Kampf gegen "Rechtsschreibung" gefunden, wie sie schreiben. Zu diesem Zweck werden Hass-Posts ironisch kommentiert und einer Grammatik- und Rechtschreibprüfung unterzogen. 

Nach der öffentlichen Demütigung setzten die selbsternannten Sittenwächter zum finalen Stoß an. Dafür benötigt der gebildete und tolerante Facebooknutzer natürlich keinen Rassismus. Er hat originelle Punchlines auf Lager wie "Gehirn – ein Luxus, den nicht jeder hat!"

Diesen Umgang finde ich fast so schlimm wie die Inhalte, gegen die man sich mit Spott und Häme zur Wehr setzen will. 

Oberflächliche Besserwisserei ersetzt keine inhaltliche Auseinandersetzung.

Denn zum einen verstecken sich hinter den unreflektierten Unmutsäußerungen oftmals (nicht immer!) konkrete Missstände, die ignoriert werden, weil man ihre Verfasser als dumm oder ungebildet abtut. Zum anderen spielt die Arroganz allen in die Karten, die von undurchlässigen Machteliten faseln.

Ganz Unrecht haben sie damit nicht, wenn wir beginnen, Menschen auszuschließen, weil wir perfekte Grammatik voraussetzen, um mitreden zu dürfen. In vielen Fällen wird der Inhalt der kritikwürdigen Aussage nicht mal beachtet, weil die Freude am Belehren größer ist als das Interesse am Inhalt.

Besonders unangebracht finde ich, dass sich dieses Vorgehen nicht immer gegen Holocaust-Leugner oder andere rechte Hetzer richtet. 

Teilweise geraten sogar die Verfasser von eher verwirrten als bösartigen Kommentaren in die Schusslinie. Das Gefühl, nicht ernst genommen zu werden, befördert bei ihnen möglicherweise ein Abdriften ins Lager der Verschwörungstheoretiker und Menschenfänger. 

Helfen tut es sicher nicht.

Mir geht es nicht darum, Menschen in Schutz zu nehmen, die Minderheiten ausgrenzen, herabwürdigen oder beleidigen. Diese Leute haben kein Mitleid, sondern unseren vehementen Widerspruch verdient. Ich kann auch verstehen, dass ein “humorvoller” Umgang mit dem Hass im Netz persönliche Befriedigung erzeugen kann, zumal Fakten und Argumente oft nicht weiterhelfen. Ein Allheilmittel für den Umgang mit beleidigenden Inhalten im Netz habe ich auch nicht gefunden.

Die häufig linkseingestellten Internet-Aktivisten sind ihrem rechten Feindbild damit näher als gedacht

Personen öffentlich an den Pranger zu stellen und lächerlich zu machen, löst in meinen Augen trotzdem kein Problem. Im Gegenteil sind die häufig linkseingestellten Internet-Aktivisten ihrem rechten Feindbild damit näher als gedacht. Die Ausgrenzung von sozialen Randgruppen mit eindeutigen Anpassungs- und Bildungsdefiziten ist nämlich eine Strategie, der sich auch Rechte gerne bedienen. Und von denen gibt es im Internet wahrlich genug!

Und selbst so? Teste deine Rechtschreibe-Skills im Quiz:


Grün

Trump zum Trotz: Hawaii hält am Pariser Klimaabkommen fest

07.06.2017, 10:27

Vergangene Woche verkündete Donald Trump den Ausstieg der USA aus dem Pariser Klimaabkommen. Der Vertrag ermutigt die Länder der Erde, gemeinsam am Klimaschutz zu arbeiten – Trump hält ihn in der Form für unnötig und schädlich für die amerikanische Wirtschaft. (bento)

Nun widersetzt sich der erste US-Bundesstaat dem Befehl des Präsidenten: Hawaii hat Gesetze erlassen, die die Richtlinien des Pariser Abkommens weiterhin umsetzen.

Governeur David Ige unterzeichnete am Dienstag zwei Papiere – eines zur Reduzierung von Treibhausgasen und eines zur Verringerung des CO2-Ausstoßes (hawaii.gov). Beides soll dabei helfen, die Auswirkungen des Klimawandels zu verringern.