Gerechtigkeit

"Ich habe Angst vor der Zukunft": Wie geht es den Flüchtlingen in der Türkei?

23.09.2016, 10:02

Knapp drei Millionen syrische Flüchtlinge leben in der Türkei, Männer, Frauen, Kinder. Ein Teil von ihnen könnte bald nach Syrien zurückkehren, in eine Sicherheitszone. So der Plan von Präsident Recep Tayyip Erdogan.

Im August begann er, in Kooperation mit der Freien Syrischen Armee unter dem Namen "Schutzschild Euphrat", Panzer und Truppen über die syrische Grenze zu schicken. In New York, bei der UN-Vollversammlung, versucht Erdogan derzeit Unterstützer für seine Pläne zu gewinnen. (Die wichtigsten Fragen und Antworten zu der Sicherheitszone beantworten wir am Textende.)

Wir haben syrische Flüchtlinge in der Türkei gefragt, was sie davon halten – und wie es ihnen derzeit geht.

Razan, 28. Sie studierte englische Literatur in Aleppo und lebt seit zwei Jahren in der Türkei, derzeit in Gaziantep.

Eine Sicherheitszone in Nordsyrien ist eine sinnvolle Idee. Es ist gut, dass die Menschen wieder zurückgehen können, wenn sie wollen. Aber ich möchte nicht zurück nach Syrien. Nicht, bis der Krieg ganz vorbei ist. Im Moment ist es viel zu unsicher.

Ich komme klar in der Türkei, obwohl es uns hier nicht leichtgemacht wird: Ich habe zwar Glück, dass ich für eine internationale NGO arbeiten kann. Denn so konnte ich leichter eine Aufenthaltsgenehmigung bekommen. Aber wir Syrer werden diskriminiert, gerade im konservativen Südosten der Türkei.

Ich hatte große Schwierigkeiten eine Wohnung zu finden, und ich bezahle viel mehr Miete als ich als Türkin zahlen müsste. Vor allem die Polizisten behandeln uns furchtbar. Sie glauben, sie können alles mit uns machen. Weil wir Syrerinnen sind, weil wir die Sprache nicht sprechen, weil es keine Botschaft gibt, die uns unterstützen könnte. Sie machen oft Witze über uns, wenn sie uns mal wieder stoppen und kontrollieren. Das macht mir Angst, und es macht mich wütend.

Gerade suche ich einen Job in Istanbul. In der Metropole ist die Stimmung nicht so angespannt wie im Südosten. Aber ob ich in der Türkei bleiben will? Ich weiß es nicht.

In Syrien konnte ich meine Zukunft planen. Hier kann ich vielleicht die nächsten zwei Wochen überblicken.

Lyana, 29. Die Kurdin stammt aus Kobane an der syrisch-türkischen Grenze. Sie hat Kunst studiert und lebt seit einem Jahr in der Türkei. Sie arbeitet für die türkische NGO "Hayatta Destek" in Istanbul.

Was die Türkei in Syrien vorhat, ist keine Schutzzone, es ist eine Kontrollzone. Erdogan will damit nur seine Macht und seinen Einfluss in der Region stärken. Er will die kurdischen Gebiete. Klar, tut er dies unter dem Vorwand, helfen zu wollen. Aber das glauben wir nicht. Ich kenne niemanden, der dorthin zurückgehen will. Die Menschen werden gezwungen, das zu tun.

Ich sehe hier in der Türkei gerade viele Situationen, die wir so auch in Syrien zu Beginn des Bürgerkrieges erlebt haben. Zum einen die Kämpfe im Südosten. In Syrien begann es in Daraa, hier in der Türkei ist es Diyarbakir: die Städte werden zerstört, Menschen verhaftet, die sich kritisch gegenüber der Regierung äußern.

Im Slider: Wie Flüchtlinge in der Türkei leben

1/8

Der Krieg begann in Syrien nicht über Nacht. Diese "Demokratiefeierlichkeiten" nach dem gescheiterten Putschversuch, die Erdogan-Hymnen, die türkischen Flaggen – sie erinnern mich so sehr an die Demonstrationen der Assad-Anhänger.

Hier in der Türkei werden die Feindseligkeiten zwischen Türken und Syrern immer größer. Ich denke darüber nach, das Land zu verlassen. Viele meiner Freunde sind mittlerweile in Europa.

Aber auch dort ist es schwierig. Einige sind deprimiert und bereuen es, gegangen zu sein. Die Kultur ist so anders! Was zum Beispiel gerade in Frankreich mit der Frau im Burkini passiert ist, dass sie aufgefordert wurde, ihr langarmiges Oberteil auszuziehen, das schockt uns. Ich habe Angst vor der Zukunft.

Burkinis in Frankreich

Abdullah, 23. Er kommt aus Daraa, studierte Bauingenieurwesen in Hasankaf, lebt jetzt in Istanbul

Was die Türkei in Syrien macht, ändert für mich gar nichts. Sie mischt sich nun auch in den Konflikt ein, in dem es jedem Beteiligten nur um Macht geht. Bis dort Frieden herrscht, werden noch viele Jahre vergehen.

Als ich Syrien im vergangenen Herbst verlassen habe, wusste ich von der ersten Sekunde an, dass ich nach Europa gehen will. Es ist mein Traum, einen Master zu machen und als Bauingenieur zu arbeiten.

Deshalb bin ich so lange in Syrien geblieben, bis ich meinen Bachelorabschluss hatte. Selbst als der IS schon dabei war, die Stadt Hasankaf einzunehmen, habe ich dort noch die letzten Prüfungen geschrieben. Im Sommer, bei 47 Grad.

Um dem Militärdienst zu entkommen, bin ich direkt danach über Beirut in die Türkei geflüchtet. Hier bin ich sicher. Mir gefällt Istanbul und ich habe viele Freunde hier. Aber die Türkei bietet mir keine Perspektive: Ich habe keine Aufenthaltserlaubnis, kann nicht studieren.

Deshalb will ich nach Deutschland, weil die Universitäten dort sehr günstig sind. Hier beim Goethe-Institut nehme ich daher schon lange Deutschkurse, diese Woche schreibe ich meine B1-Prüfung. Vor kurzem kam auch meine Zulassung von der Universität in Clausthal.

Wenn ich ausreise, werde ich nicht mehr zurückkommen können. Als Syrer braucht man dazu nun ein Visum, und das ist fast unmöglich zu bekommen. Weder nach Syrien, noch in die Türkei werde ich in naher Zukunft zurückkehren können.

Im Slider: Wann wurde in der Türkei früher schon geputscht?

1/12

Warum marschiert die Türkei jetzt nach Syrien ein?

Die militärische Einheit der syrischen Kurden (YPG) hätte im Sommer fast zwei der von ihnen kontrollierten Kantone verbunden, Afrin und Kobane. Das hätte einen kurdischen Gürtel an der Grenze der Türkei geschaffen, was die Türkei verhindern will.

Offiziell begründet die türkische Regierung den Einmarsch mit dem Kampf gegen den sogenannten "Islamischen Staat". So will Ankara mit der "Schutzzone" die vom IS kontrollierte Stadt al-Bab einnehmen – die allerdings auch für die Kurden wichtig ist.

Was bedeutet die Militäroffensive für syrische Flüchtlinge in der Türkei?

Die Sicherheitszone soll auch dazu dienen, einen Teil von ihnen wieder umzusiedeln: „Es wäre ein Gebiet, in dem Syrer mit einer gewissen Sicherheit und Würde innerhalb ihres eigenen Landes leben könnten“, sagt Tarik Celenk, Gründer des konservativen türkischen Think Tanks Ekopolitik gegenüber Al Jazeera. Kurz nachdem das türkische Militär Dscherabulus eingenommen hatte, sind bereits mehr als tausend syrische Flüchtlinge in ihre Heimatstadt zurückgekehrt ("Daily Sabah").

Was hat die Offensive mit dem EU-Türkei-Deal zu tun?

Was Erdogan als Lösung für die Flüchtlingskrise präsentiert, dürfte auch in der EU Anklang finden – angesichts eines Flüchtlingsdeals, der besonders seit Verhängung des Ausnahmezustands in der Türkei zu scheitern droht. Kanzlerin Merkel hatte bereits bei ihrem Türkeibesuch im April dieses Jahres angekündigt, eine Sicherheitszone für syrische Flüchtlinge zu unterstützen (Reuters).

Warum profitiert Erdogan von einer Sicherheitszone?

Am Montag erklärte Erdogan, die Türkei könne den Wiederaufbau übernehmen: "Wir planen, Häuser und zivile Einrichtungen im Norden Syriens zu bauen" (Bloomberg).

Was wie eine humanitäre Geste klingt, hat auch finanzielle Gründe: Denn die internationale Gemeinschaft soll dafür zahlen. "Lasst uns die Bauarbeiten erledigen, gebt ihr uns die finanzielle Unterstützung", so die Worte des Präsidenten ("Deutsch Türkisches Journal").

Der Ausnahmezustand und die Terroranschläge haben die türkische Wirtschaft geschwächt, Touristen und ausländische Investoren sind verschreckt. Erdogan braucht ein starkes Wirtschaftswachstum – vor allem deswegen ist er im Volk so beliebt.

Sollte es zur Sicherheitszone kommen, wäre der Bau von Siedlungen im Norden Syriens für die Türkei also vor allem eins: ein Riesengeschäft.

Mehr zum Thema


Today

Legal Highs: Badesalz und Kräutermischungen sind jetzt verboten

23.09.2016, 09:43 · Aktualisiert: 23.09.2016, 10:01

Schluss mit "Crazy Monkey" & Co.: Der Bundestag hat am Donnerstag ein umfassendes Verbot von Legal Highs verabschiedet ("WAZ"). Durch den Beschluss können künftig ganze Stoffgruppen verboten werden – anstatt nur einzelne Drogen.

Was sind Legal Highs?

Im direkten Wortsinn: legale Rauschmittel. Gemeint sind damit synthetische Substanzen, die nicht unter das Betäubungsmittelgesetz fallen – aber je nach Mischung trotzdem berauschen können. Im Netz werden Legal Highs frei zum Verkauf angeboten, Onlineshops führen sie zum Beispiel als Badesalz oder Kräutermischung. Die Verpackungen heißen dann "Unicorn Magic Dust" oder "Beach Party" (jugendschutz.net).