Bild: Henning Kaiser/dpa

10.04.2018, 18:35 · Aktualisiert: 11.04.2018, 07:51

Es ist eher ungewöhnlich, als Schauspielerin oder Komikerin in eine politische Talkshow zu gehen. Und dann auch noch über Horst Seehofers "Der-Islam-gehört-nicht-zu-Deutschland"-Statement zu diskutieren.

Das waren die Gäste bei "Hart aber Fair"

  • Hamed Abdel-Samad, Politikwissenschaftler & Islamkritiker
  • Joachim Herrmann, (CSU) Innenminister in Bayern
  • Enissa Amani, Schauspielerin und Komikerin 
  • Cem Özdemir, (Grüne) Bundestagsabgeordneter 
  • Du‘ A Zeitun, Streetworkerin

Die 36-jährige Enissa Amani, bekannt unter anderem aus "Fack ju Göhte 2" "Studio Amani", hat es trotzdem versucht: Am Montagabend argumentierte die Tochter iranischer Einwanderer bei "Hart aber Fair" für die Muslime in Deutschland. Damit hat sie sich keine Freunde gemacht. Sie hat eine Diskussion ausgelöst, die auch am Tag nach der Ausstrahlung noch anhält.

Immer wieder forderte sie lautstark ein, ausreden zu dürfen. Mehrfach musste Moderator Frank Plasberg seinen Platz verlassen und dazwischen gehen, wenn die Diskussion zu eskalieren drohte zwischen ihr und Bayerns Innenminister Joachim Hermann oder dem ägyptisch-deutschen Politikwissenschaftlers Hamed Abdel-Samad.

Die Antwort ihrer Diskussionspartner: Sie solle mit dem "Gejammer" aufhören, aus der "Opferrolle" kommen. Plasberg selbst lehnte sich gönnerhaft zu ihr herüber, signalisierte: "Jetzt sei doch mal ruhig."

Eingebettet zwischen den zwei Islamkritikern und den zwei gemäßigten Muslimen trat die nach eigenen Aussagen "gläubige, aber nicht religiöse" Stand-Up-Komikerin als Verteidigerin der deutschen Muslime auf. Keine einfache Position, die ihr die Plasberg-Redaktion und sie selbst sich da aufgebürdet hatten – in einer Zeit, da laut aktueller Umfragen 73 Prozent der Deutschen das Seehofer-Statement unterschreiben würden.

Und Kritiker fanden viel Angriffsfläche:

  • Ihre Stimme: War den Leuten zu hoch.
  • Ihre Argumente: Waren den Leuten zu durcheinander.
  • Ihre Einstellung zum Islam: angeblich nicht differenziert genug.
  • Außerdem hat sie schon mal bei "Let's Dance" mitgemacht.

"FAZ"-Autor Frank Lübberding rückte sie in die Nähe einer "legendären Quasselstrippe", "Welt"-Autor Alexander Jürgs fand ihre Redezeit "anstrengend".

Auf Twitter schossen sich die Nutzer schnell auf sie ein:

Amani machte es sich argumentativ leicht, indem sie sich immer auf das Grundgesetz berief. Einige ihrer Argumente verfehlten deutlich das Ziel, sie schwankte mit ihren Vergleichen von Kuba über den Iran bis zu den Kreuzzügen und der Pest. Sie vermittelte so bald den Eindruck, dass Vielfalt eine Einstellungssache sei – und sie blendete beispielsweise radikale Imame oder Kopftuchzwang in konservativen Familien völlig aus.

Und doch schaffte sie es, einen der wichtigsten Sätze der ganzen Show zu sagen – der ging aber leider im Gezeter der streitenden Gäste unter:

Ich finde, wir kreieren zur Zeit leider ein Feindbild. Anstatt, dass wir uns darauf konzentrieren, ein tolles neues Deutschland zu sein, mit vielen Einflüssen [...] konzentrieren wir uns nur auf radikale Gruppen, die hier nichts zu suchen haben.
Enissa Amani

Dabei waren sich in der "Hart aber Fair"-Runde ironischerweise eigentlich alle einig – auch Amani:

  • Nicht alle Muslime (sondern nur sehr wenige) sind gefährlich.
  • Nicht alle Muslime (sondern nur sehr wenige) sind fundamentalistisch.
  • Wer sich nicht an das Grundgesetze hält, egal aus welchem Grund, gehört nicht zu Deutschland.
  • In Deutschland hat man viele Freiheiten, die mehrheitlich muslimische Länder nicht bieten.
  • Religionsfreiheit ist ein wichtiger Pfeiler unserer Verfassung.

Nun kann man sich fragen, ob Amanis Einstellung, den Islam komplett vom Politischen zu entkoppeln, eine kluge Denkweise ist – oder eben nicht. Denn natürlich gibt es Menschen, die den Koran missbrauchen und in ihrem Sinne auslegen für:

  • Zwangsheirat.
  • Gewalttaten.
  • Hasspredigten.
  • Zur Legitimation der Herrschaft krimineller Familienclans

Nur: Dahinter stecken nicht pauschal "die Muslime".

Noch schräger wird es, wenn man "die Muslime" "den Deutschen" gegenüberstellt. Denn: Was ist dann mit deutschen Muslimen? Es gibt Deutschland liebende Einwanderer und es gibt hier Geborene, die Deutschland hassen. Eine Frau trägt das Kopftuch aus Stolz, die andere aus Angst.

Insofern hat Amani vollkommen recht, wenn sie fordert: Hört auf, immer vom Islam und von Muslimen zu reden, als wären sie eine homogene Gruppe. Hört auf, diese nur in euren Köpfen homogene Gruppe auszugrenzen und zu behaupten, sie könnten gar nicht zu Deutschland gehören.

Amani hat vor allem auch Recht, wenn sie anklagt, dass die verbale Ausgrenzung durch einen Bundesinnenminister Seehofer nicht die Integration fördert, sondern verhindert.

In einem Statement auf ihrer Facebookseite fand die 36-Jährige am Tag nach der Sendung übrigens deutliche Worte für ihre Kritiker:

Die Stigmatisierung des Islams MUSS aufhören wegen ein paar Irren Radikalen, die es in JEDER RELIGION UND JEDER IDEOLOGIE GIBT !!! Kein Christ Kein Jude und kein Moslem darf auf Grund seines Glaubens so pauschal in die Ecke gedrängt werden!!! [...] Der Islam gehört zu Deutschland. Konzentriert Euch auf die Gemeinsamkeiten anstatt auf die Unterschiede. Das macht uns stark als Land. Und wer schreibt, ich hätte emotional argumentiert, der darf sich gerne von meiner Seite verpissen.“

Fühlen

Lina überlebte den Anschlag in Stockholm – und war ein Jahr später auch in Münster

10.04.2018, 18:18 · Aktualisiert: 10.04.2018, 20:02

Bei zwei Angriffen war sie ganz nah. Was macht das mit ihr?

Als am Nachmittag des 7. April 2018 ein Campingbus in eine Menschenmenge fährt, mitten in der Münsteraner Altstadt, feiert Lina einen Kilometer entfernt gerade diesen Tag. 

Vor zwölf Monaten überlebte sie den LKW-Anschlag in Stockholm, am 7. April 2017 raste dort ein Attentäter mit seinem Wagen in eine Fußgängerzone und tötete dabei fünf Menschen. 

Eigentlich wollte Lina an diesem Abend Lichterketten für den Balkon kaufen, zusammen mit einem Freund. Es war warm in Stockholm, sommerlich für April, die Menschen zog es raus – genau wie ein Jahr später in Münster.