14.05.2018, 11:36 · Aktualisiert: 14.05.2018, 14:21

"Die Menschen wissen schon jetzt nicht mehr, wie sie über die Runden kommen sollen."

Donald Trump hat das Atom-Abkommen mit Teheran gekündigt. Die USA wollen erneut Wirtschaftssanktionen verhängen, um Druck auf die iranische Regierung auszuüben.

Anna, Niloo, Saeed und Sheyda macht dieser Schritt fassungslos: Die vier Iraner sind sich sicher, dass die Sanktionen das Land in eine noch tiefere Krise stürzen werden. Sie befürchten, dass die Kluft zwischen Arm und Reich sich weiter vergrößern wird. 2017 lag die Arbeitslosenquote im Land bei fast 12 Prozent.

Was bedeutet der Schritt für das persönliche Leben der vier? Wie sehen sie ihre Zukunft? Was macht ihnen am meisten Angst? Das erzählen die vier hier.

Niloo, 27

Als ich über Twitter von Trumps Ausstieg aus dem Atom-Abkommen erfahren habe, war ich nicht wütend – aber ziemlich enttäuscht. Die USA wollen, dass das iranische Regime zusammenbricht. Das ist ihr Ziel. Ihnen ist dabei aber völlig egal, dass ein großer Teil der iranischen Bevölkerung unter den Sanktionen leiden wird. Die Menschen wissen schon jetzt nicht mehr, wie sie über die Runden kommen sollen.

Iran: Atom-Abkommen

  • Das Atom-Abkommen wurde 2015 zwischen Iran auf der einen Seite sowie den USA, Russland, China, Großbritannien, Deutschland und Frankreich geschlossen. 
  • In dem Abkommen hat sich die islamische Republik Iran verpflichtet, bis mindestens 2025 wesentliche Teile ihres Atomprogramms drastisch zu beschränken – mit dem Ziel, dass das Land keine Atomwaffen entwickeln kann. Im Gegenzug wurden Sanktionen gegen Teheran aufgehoben. Der Deal stellt dem Iran eine Normalisierung der Wirtschaftsbeziehungen in Aussicht.
  • Trump kritisierte den Deal schon im Wahlkampf und drohte mehrfach mit der Wiedereinführung von Sanktionen. 
  • Die EU, aber auch China und Russland hatten Trump vor einem Bruch des Abkommens gewarnt. Sie befürchten massive Spannungen in der Region. 
  • Kurz nach Trumps Rede kündigten alle europäischen Vertragspartner an, dass sie auch ohne die USA an dem Deal festhalten werden.

Dieses Land ist meine Heimat, mein Zuhause. Ich möchte hier nicht weg. Aber ich arbeite den ganzen Tag mit voller Kraft und komme trotzdem kaum über die Runden. Ich bin Informatikerin und habe mich mit einem kleinen Unternehmen selbstständig gemacht. Ich fürchte mich davor, eines Tages pleite zu gehen, ich möchte nicht dazu gezwungen werden, auszuwandern. Doch der wirtschaftliche und auch der politische Druck wird jeden Tag größer. Man kann jederzeit wegen seiner Meinung, seiner Tweets oder aus anderen Gründen festgenommen werden. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass es zu einem Bürgerkrieg kommen wird. Oder dass das Land zerfällt. Diese Gedanken beschäftigen mich sehr.

Ich würde gerne weiter studieren und meinen Master in "Artistic Research" machen – aber im Moment ist das undenkbar. Ich fürchte, dass ich mir nicht einmal mehr den Geigenunterricht leisten kann, den ich regelmäßig nehme.

Meine größte Angst ist, dass sich der Konflikt mit Israel und den USA weiter zuspitzen wird. Die Leute hier reden im Moment über fast nichts anderes, auf der Straße, im Taxi, in den Cafés. Es wäre schrecklich, wenn es tatsächlich dazu kommen würde.

Anna, 29

Ich sehe schon seit langem keine Zukunft mehr für mich. Früher habe ich mein Leben monatlich geplant, später wöchentlich, und jetzt täglich. Das Geld, das ich verdiene, ist jeden Tag weniger wert. Ich habe mich daran gewöhnt, keinen Plan für die Zukunft zu haben.

Ich habe von 2011 bis 2015 für ein deutsches Unternehmen gearbeitet, das pharmazeutische Maschinen in den Iran exportierte. Da habe ich mit eigenen Augen gesehen, welche Auswirkungen die Sanktionen, die es damals gab, auf die Industrie hier im Iran haben. Bei jedem Produkt, das wir importieren wollten, sollten wir eine Genehmigung beim Bundesamt für Ausfuhrkontrolle beantragen – und das hat manchmal monatelang gedauert. Bei jedem Einzelteil mussten wir beweisen, dass das Produkt nicht für die iranische Atomindustrie verwendet werden kann. Das war alles unglaublich mühsam und mir graut davor, dass wir zu diesem Zustand zurückkehren werden.

Ich bedauere, dass ich nicht ausgewandert bin
Anna

Inzwischen arbeite ich für ein Öl-Unternehmen. Wenn der Atomdeal völlig aufgekündigt wird, also auch von den anderen Staaten, dann verzichten die internationalen Ölkonzerne auf Investitionen im Iran. Keine Ahnung, was dann aus meinem Arbeitsplatz wird. Ich bedauere grade sehr, dass ich vor fünf Jahren, als ich die Möglichkeit dazu hatte, nicht in die USA ausgewandert bin. Obwohl – wahrscheinlich hätte ich dann grade große Angst, dass Donald Trump mich jederzeit wieder abschieben könnte.

Saeed, 29

Wir haben uns von dem Atomabkommen viel erhofft, haben geglaubt, dass sich die Situation hier im Land entspannen würde. Aber entgegen unserer Erwartungen hatte der Deal keinen positiven Einfluss auf den Wohlstand der Bürger. Die soziale und wirtschaftliche Lage hat sich auch nach 2015 weiter verschlechtert. Deshalb glaube ich nicht, dass der Ausstieg der Amerikaner aus dem Abkommen oder sogar eine Aufhebung des Deals das Leben der einfachen Leute verändern wird.

Ich finde es gut, dass das iranische Regime unter Druck gesetzt wird
Saeed

Ich glaube nicht daran, dass es Donald Trump um das iranische Volk geht und ich nehme ihm auf keinen Fall ab, dass ihm etwas daran liegt, die Demokratie und Freiheit im Land zu fördern. Für ihn steht das Interesse des amerikanischen Staats im Vordergrund. Ich kann so einem Menschen nicht dankbar sein – aber ich finde es gut, dass das iranische Regime, das den syrischen Präsidenten Baschar al-Assad und die Hisbollah den eigenen Leuten vorzieht, unter Druck gesetzt wird. Und ich glaube, dass der Ausstieg der Amerikaner Auswirkungen auf die Unternehmen und Geschäftsleute haben wird, die dem Regime nahestehen.

Sheyda, 25

Die Leute hier reagieren sehr unterschiedlich auf Trumps Kündigung des Atomdeals. Manche begrüßen die Sanktionen, weil sie glauben, dass nicht das Volk selbst, sondern die Revolutionsgarden damit unter Druck gesetzt werden. Andere sind überzeugt, dass erneute Sanktionen vor allem die Armen dazu bringen werden, auf die Straße zu gehen und das Regime zu stürzen.

Ich halte diese Einschätzungen für Unsinn. Wenn Regime-Kritiker und Aktivisten eine noch schlimmere wirtschaftliche Lage erleben, wenn sie sich jeden Tag überlegen müssen, wie sie ihr Brot bezahlen können, werden sie weder die Zeit noch die Kraft haben, in irgendeiner Form zu widersprechen. Deshalb sind weitere Sanktionen eine hervorragende Möglichkeit für das iranische Regime, die Bevölkerung noch stärker zu unterdrücken. Gesetze, die die Rechte von Frauen und Arbeitern weiter beschneiden, können beschlossen werden, ohne dass es Gegenwehr geben wird.

Ich würde gerne Fotografin werden – aber das ist undenkbar.

Den Druck durch die Sanktionen bekommen nicht diejenigen zu spüren, die dem Staat nahestehen, sondern wir, die Mittelschicht und die ganz Armen. Durch erneute Sanktionen werden die Menschen weiter verelenden – und es wird vor allem die einfachen Leute treffen, zu denen auch ich gehöre. Die Sanktionen werden zu weiteren wirtschaftlichen Krisen hier im Land führen, zu einer noch stärkeren Inflation, zum Mangel an den nötigsten Dingen, zum Beispiel an Medikamenten. Ich habe gesundheitliche Probleme – und der Preis für die Tabletten, die ich nehme, sind viermal so teuer wie noch vor ein paar Monaten.

Mein Traum ist es, Fotografin zu werden, aber dafür müsste ich eine Ausbildung machen, die ich mir im Moment nicht leisten kann. Durch die Sanktionen wird das Leben hier noch teurer werden. Reisen gehört für viele schon jetzt zum absoluten Luxus. Und eine Ausreise ist für einen Großteil von uns undenkbar. Die iranische Währung, der Toman, ist jeden Tag weniger wert. Und das wird wohl auch so bleiben.


Retro

Wir wissen jetzt, wie Super Mario ohne Bart aussieht – und es ist nicht schön

14.05.2018, 11:30 · Aktualisiert: 14.05.2018, 11:15

"Du hast mich mit diesem Bild verflucht."

Es gibt Dinge, die wollen wir eigentlich nicht wissen. Wie Super Mario ohne seinen Bart aussieht, gehört zum Beispiel dazu. Aber dank Twitter wissen wir es jetzt leider trotzdem. 

Ein Nutzer machte es sich zur Aufgabe, der Welt einen glattrasierten Mario zu präsentieren. Ein anderer Nutzer verbreitete das Endprodukt und traf damit bei vielen Fans einen Nerv.