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Gerechtigkeit

Die größten Vorwürfe gegen Amazon (und was dahinter steckt)

15.09.2015, 11:21 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:20

Amazon ist in den vergangenen 20 Jahren gewachsen, gewachsen, gewachsen. Viele fürchten sich vor dem Giganten. Zu Recht? Fünf Vorwürfe im Faktencheck.

1. Amazon missbraucht seine Marktmacht

Das Argument: In vielen Marktbereichen (Online-Buchhandel, Handel mit E-Books, digitalen Hörbüchern) besitzt Amazon einen sehr hohen Marktanteil und nutzt seine Nachfragemacht gegenüber Lieferanten missbräuchlich aus, um Preissenkungen zu erzwingen. Die Verlage können sich dem nicht widersetzen, weil sie es sich nicht leisten können, nicht an Amazon zu liefern.

Das Gegenargument: "Nur weil ein Unternehmen eine hohe Marktmacht besitzt und bei Lieferanten auf Preissenkungen drängt, heißt das noch nicht, dass das Unternehmen seine Macht missbraucht", sagt Felix Weidenbach, Spezialist für Wettbewerbsrecht bei der Kanzlei Baker Tilly Roelfs in München. Harte Verhandlungen seien im Geschäftsleben üblich und kämen in Form niedriger Preise auch den Kunden zugute. "Entscheidend ist", so Weidenbach, "dass den Forderungen nach niedrigeren Preisen immer auch eine Gegenleistung gegenüberstehen muss, zum Beispiel in Form von niedrigeren Kosten für den Lieferanten." Das könne bei der Forderung nach niedrigeren Preisen für E-Books im Vergleich zu gedruckten Büchern durchaus der Fall sein, schließlich fielen in der elektronischen Variante für die Verlage keine Druck- und Transportkosten an.

Fazit: Wie viele große Einzelhändler setzt Amazon seine Lieferanten unter starken Preisdruck. Ob die Grenze zum Missbrauch überschritten ist, hängt davon ab, ob Amazon die Lieferanten ohne Gegenleistung "anzapft". Ein derzeit bei der EU-Kommission anhängiges Wettbewerbsverfahren könnte diese Frage anhand von konkreten Vertragsdokumenten und Kostenberechnungen klären. Generell, so Wettbewerbsrechtler Weidenbach, gelte aber: "Das Kartellrecht schützt keine Geschäftsmodelle und keine Vertriebswege". Soll heißen: Nur weil es Buchhandlungen und Verlagen im Internetzeitalter schlechter geht als bisher, können sie nicht automatisch die Schuld bei Amazon suchen.

2. Amazon mag keine Steuern zahlen


Das Argument: Amazon geht bis an den Rand des Legalen, um seine Steuerzahlungen zu minimieren. Bereits den Firmensitz in Seattle wählte Bezos nur, um Steuern zu sparen. Damals musste Amazon nur für jene Bestellungen Mehrwertsteuer abführen, die aus dem Bundesstaat des Firmensitzes kamen – Seattle liegt in Washington, und dieser Staat hat erfreulich wenig Einwohner. Die Gewinne des Europageschäfts wiederum lässt Amazon bislang größtenteils bei einer Holdinggesellschaft in Luxemburg anfallen. Dank eines Deals mit den dortigen Steuerbehörden fallen auf diese Gewinne nur minimale Steuern an.

Das Gegenargument: Stimmt, Amazon tut alles, um Steuern zu vermeiden. Allerdings bedienen sich viele US-Konzerne dieser Methoden – und die Politik hat durchaus die Möglichkeit, solchen Praktiken einen Riegel vorzuschieben. In den USA muss Amazon inzwischen für Käufe aus den meisten Bundesstaaten Umsatzsteuer abführen. In Europa sollen sich die Staaten künftig zumindest wechselseitig darüber informieren müssen, wenn sie einzelnen Konzernen Steuerdeals anbieten. Und Amazon hat inzwischen angekündigt, Verkäufe in Deutschland künftig auch in Deutschland zu verbuchen.

Fazit: Amazon verhält sich in Steuerfragen nicht anders als andere multinationale Konzerne – was die Sache aber nicht besser macht. Gerade Amazon profitiert in seinem Logistikgeschäft von mit Steuergeld errichteten Straßen, von Rechtssicherheit und qualifizierten Mitarbeitern und sollte seine Steuern deshalb dort zahlen, wo auch die realen Umsätze anfallen. Dass Amazon-Verkäufe in Deutschland künftig nicht mehr in Luxemburg verbucht werden, lässt immerhin hoffen.

3. Amazon beutet seine Mitarbeiter aus



Das Argument: In den Amazon-Logistikzentren in Deutschland müssen Mitarbeiter ohne Tarifvertrag und teilweise ohne Betriebsrat zu Niedriglöhnen schuften. Leiharbeiter werden noch schlechter behandelt – wie eine Fernsehreportage 2013 aufdeckte. Und auch in den USA haben es die Gewerkschaften bislang nicht geschafft, bei Amazon Fuß zu fassen.

Das Gegenargument: Die Missstände bei der Unterbringung und Überwachung von Leiharbeitern will Amazon abgestellt haben. Mittlerweile gibt es nach Unternehmensangaben in allen deutschen Amazon-Logistikzentren Betriebsräte. Tatsächlich weigert sich Amazon, den Tarifvertrag für die Einzelhandelsbranche zu unterschreiben. Allerdings gilt dieser Tarifvertrag als derart veraltet, dass sich auch vermeintliche Vorzeige-Arbeitgeber der Branche nicht an ihn halten. Der niedrigste Einstiegslohn, den Amazon in Deutschland zahlt, liegt laut Firmenangabe bei 9,75 Euro pro Stunde im Logistikzentrum Leipzig. Das ist nicht viel, aber immerhin deutlich über dem gesetzlichen Mindestlohn von 8,50 Euro pro Stunde – und mehr, als ungelernte Kräfte in Ostdeutschland in den meisten anderen Jobs verdienen.

Fazit: Amazon, geprägt von extremem Wettbewerbsgeist, tut sich schwer mit so manchen traditionellen Spielregeln, die zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern in Deutschland herrschen. Andererseits hat Amazon viele Arbeitsplätze in wirtschaftsschwachen Regionen und gerade auch für Geringqualifizierte geschaffen – denen ergeht es bei anderen Arbeitgebern oft noch wesentlich schlechter.

4. Amazon zerstört den Buchhandel



Das Argument: Amazon nutzt seine Marktmacht, um gegenüber den Verlagen extrem hohe Rabatte herauszuschlagen. Bei diesen Niedrigpreisen können traditionelle Buchhandlungen nicht mithalten und werden rücksichtslos verdrängt.

Das Gegenargument: Zumindest in Deutschland werden Buchhandlungen durch die Buchpreisbindung vor Preiswettkämpfen geschützt. Auch vor Amazon galten kleine Buchhändler schon als bedroht. Damals waren die Bösewichte die großen Handelsketten wie Thalia oder Hugendubel (in Deutschland) oder Barnes & Nobles oder Borders (in den USA), die nun selbst durch Amazon unter Druck geraten.

Fazit: Auch ohne Amazon hätten es kleine Buchhandlungen schwer – doch der Online-Versender macht es ihnen noch schwerer. Zumindest in Deutschland aber landen die Buchkunden nicht wegen niedriger Preise bei Amazon (die Bücher kosten ja genauso viel wie in der Buchhandlung an der Ecke), sondern wegen des meist guten Service und der großen Auswahl.

5. Amazon manipuliert die Kunden



Das Argument: Amazon-Kunden erhalten regelmäßig Produktempfehlungen auf der Website und per E-Mail. Die meisten Kunden glauben wahrscheinlich, dass diese Tipps stets auf ihren bisherigen Käufen und den Käufen anderer Kunden beruhen – und nehmen die Empfehlungen entsprechend ernst. Doch tatsächlich können Anbieter sich Plätze in diesen Empfehlungen kaufen. Und wenn Amazon mal wieder Krach mit einem Verlag hat, müssen Kunden bei Amazon plötzlich Wochen auf dessen Produkte warten.

Das Gegenargument: Auch in normalen Läden müssen die Hersteller für eine bessere Platzierung im Regal zahlen – und der Kunde merkt nichts davon. Außerdem helfen die Einnahmen aus dem Empfehlungsprogramm, die Preise niedrig zu halten.

Fazit: Amazon behauptet, das Interesse des Kunden stets obenan zu stellen. Die manipulierten Empfehlungslisten gehören ganz sicher nicht dazu. Ebenso wenig, wie dem Kunden Produkte vorzuenthalten, nur weil man gerade Ärger mit dem Lieferanten hat.

Dieser Artikel erschien zuerst auf SPIEGEL ONLINE. Du willst noch mehr wissen? Christian Rickens berichtet auf SPIEGEL ONLINE von seinem Besuch in der Amazon-Zentrale in Seattle.