Bild: Suleiman Bakhit

Gerechtigkeit

Wie ein arabischer Comic-Künstler gegen Islamismus anzeichnet

07.03.2016, 10:55 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:28

Suleiman Bakhit glaubt an die Kraft guter Comics

Wäre sein Leben ein Comic, Suleiman Bakhit wäre der Held. Dabei sieht er zunächst wie ein Schurke aus: rasierter Schädel, buschige Augenbrauen und eine Narbe, die seine linke Wange spaltet. Doch dann sind da ein sanfter Händedruck, ein offenes Lächeln – und die Tatsache, dass der Jordanier Suleiman mit Comics gegen Terroristen kämpft.

Was sagt das über uns, dass sich so viele unserer Kinder dem IS anschließen?
Suleiman Bakhit

Suleiman guckt nachdenklich, während er Löffel um Löffel eine gewaltige Portion Zucker in seinen Tee rührt. "Kinder brauchen Vorbilder, die für das Gute kämpfen und wenn wir nicht wollen, dass sie in irgendeinen Krieg ziehen, müssen wir ihnen solche Helden anbieten."

Comic-Autor Suleiman Bakhit

Comic-Autor Suleiman Bakhit

Aus dieser Überzeugung heraus gründete Suleiman 2006 das Comic-Studio Aranim. Der Name ist ein Kunstwort aus Arabisch und Anime: Im Stil japanischer Zeichentrickfilme entwirft Suleiman arabische Superhelden. Seine Comics heißen Princess Heart, Saladin 2050 und Element Zero. In Element Zero kämpft ein Spezialagent in bester James-Bond-Manier gegen Terroristen, in Saladin 2050 sucht der Held in einem dystopischen, abgerockten Nahen Osten nach sauberen Energiequellen. Princess Heart wagt den wohl größten Schritt: Der Orient-Klassiker 1001 Nacht wird mit weiblichen Heldinnen neu interpretiert.

Es sind Figuren, die ihre Wurzeln in den Geschichten der Region haben. Um sie zu entwerfen, vertiefte sich Suleiman in das Studium arabischer Mythen, lernte Hebräisch und Aramäisch und lebte für kurze Zeit sogar in einem jüdischen Kibbuz.

Heute reist Suleiman von Schule zu Schule, um für seine Geschichten zu werben. Die Comics verkauften sich in Jordanien nach eigenen Angaben bis heute 1,2 Millionen Mal. Er will so den islamistischen Kinderfängern Konkurrenz im Kampf um die Deutungshoheit auf den Schulhöfen machen. Es ist ein Kampf, in dem Gruppen wie al-Qaida oder die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) einen Startvorteil haben, wie Suleiman immer wieder lernt.

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Die Namen Bin Laden – lange Jahre Chef von al-Qaida – und al-Zarqawi – einst Gründer des IS – fallen ständig, wenn er Schüler nach ihren Vorbildern fragt. Auf einigen Märkten der Hauptstadt Amman werden sogar von Terroristen verbreitete Comics verkauft, in denen der arabische Kreuzzugsheld Saladin gegen die amerikanischen Besatzer im Irak kämpft.

Bin Laden als schauriger Anti-Held

"Die Terroristen bedienen sich in der arabischen Mythologie, um ihre Anschläge zu Heldentaten zu verklären", sagt Suleiman. "Der Mythos um Osama Bin Laden erklärt perfekt, wie die Rekrutierung junger Dschihadisten funktioniert." Bin Laden ist der Sohn einer reichen Familie, der sich gegen das Geld entscheidet und stattdessen in die karge Bergwelt Afghanistans zieht, ehe er religiös erleuchtet aus dem Exil kommt und den Kampf der Muslime gegen den Westen anführt. Auf ihn gegen die Anschläge vom 11. September 2001 zurück. "Was für eine eine kraftvolle Erzählung!" Suleiman schaudert.

Genau diese Scham ist für Suleiman die Grundzutat jeder Radikalisierung. "Die Jugendlichen, die heute dem IS oder anderen Gruppen beitreten, sind zumeist weder arm noch religiös", sagt er und rattert im Stakkato die Ergebnisse diverser Studien herunter, die seine Behauptung untermauern. Für ihn ist Extremismus deshalb nicht zuerst ein politisches, wirtschaftliches oder religiöses Phänomen, sondern ein psychologisches: "Scham spielt die entscheidende Rolle", meint Suleiman. "Das ist ein Gefühl, das in auf Ehre basierenden Kulturen wie den arabischen besonders mächtig ist. Wer mit Scham nicht klug umgeht, etwa mit Hilfe von Humor, den zerfrisst es von Innen."

Terroristen, das ist Suleimans These, instrumentalisieren diese Scham und bringen Menschen so zu fast allem. Was derart aufgestachelte Menschen dann bereit sind zu tun, erfuhr Suleiman am eigenen Leib. Kurz nachdem seine ersten Comics auf den Markt kamen, wird er überfallen. Eine lange Narbe in seinem Gesicht zeugt davon, wie knapp er den Rasierklingen der Angreifer entkommt.

Comics vs. "Pop-Dschihadismus"

Wie leicht sich Jugendliche von falschen Heldenerzählungen blenden lassen, kann auch Claudia Dantschke, Die Leiterin der Beratungsstelle Hayat, bestätigen. "Die Inszenierung junger Dschihadisten verklärt sie zu Helden", sagt sie. Insbesondere Jungen ohne männliche Vorbilder seien anfällig , so Dantschke. Dieses Vakuum füllten dann Radikale wie der Berliner Rapper Denis Cuspert oder andere prominente Kämpfer des IS.

"Pop-Dschihadismus ist Teil einer radikalen Jugendkultur", analysiert Dantschke. Und wie Suleiman hat auch sie beobachtet, dass gefährdete Jugendliche aus allen Teilen der Gesellschaft stammen. "Sie eint, dass sie in ihrer Identität unsicher sind und kein gutes Verhältnis zu traditionellen Autoritäten wie etwa ihren Eltern haben", sagt Dantschke.

Comic-Zeichner Suleiman reist mittlerweile um die Welt, unterstützt und berät Regierungen und Organisationen in ihrem Kampf gegen Radikalisierung. Aranim, sein Comic-Studio, musste er vor wenigen Jahren schließen, als dem Startup trotz des Erfolgs das Kapital ausging. Doch Suleiman plant bereits ein neues Projekt: The Hero Factor. Natürlich geht es wieder um Helden. Helden, die zeigen, dass man nicht in den Dschihad ziehen muss. Und dass ein Miteinander möglich ist.