Gerechtigkeit

Wir haben mit Coco von "Charlie Hebdo" über die Anschläge gesprochen

06.01.2016, 10:16 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:25

"Sie wollten uns umbringen, aber Charlie Hebdo ist nicht gestorben"

Vor einem Jahr stürmten Terroristen die Redaktion von "Charlie Hebdo" und erschossen elf Menschen, darunter die wichtigsten Karikaturisten Frankreichs. Die junge Zeichnerin Coco machte ihnen mit einer Kalaschnikow im Rücken von außen die Tür zu den Redaktionsräumen auf.

Die 33-Jährige, mit bürgerlichem Namen Corinne Rey, zeichnet seit acht Jahren für die Satirezeitung. Während des Telefongesprächs strahlt ihre Stimme, wenn sie über ihre Arbeit spricht. Bei Detailfragen zu den Ereignissen fängt sie an zu zittern. Es fällt ihr noch immer schwer, darüber zu sprechen.

Deine Redaktion arbeitet heute an einem geheimen Ort in Paris, hinter gepanzerten Türen, unter ständigem Polizeischutz. Wie schaffst du es, den Humor zu bewahren?

Als wir hier eingezogen sind, war das am Anfang ein komisches Gefühl, all diese hohen Sicherheitsvorkehrungen. Aber das habe ich mittlerweile vergessen. Ich fühle mich wohl und habe mein Büro mit Leserbriefen und Zeichnungen dekoriert.

Was schreiben dir die Menschen?

Dass wir nicht aufgeben sollen, dass sie uns unterstützen. Es gibt immer noch viele Menschen, die uns Mut machen, die nicht vergessen haben, was passiert ist.

"Geben wir unsere Freiheiten nicht auf: Trinkt. Lacht. Spielt. Esst. Fickt. Lest...Lebt."
Coco nach den Anschlägen am 13. November auf Twitter

Wie gehst du mit diesem traumatischen Erlebnis um?

Ich habe sehr schnell wieder angefangen, zu zeichnen und versucht, meinen Kopf mit anderem zu beschäftigen. Ich schließe Dinge weg. Das ist meine Art. Es ist sehr schwierig, mit dieser Trauer umzugehen. Denn es war entsetzlich, wie meine Freunde von uns gegangen sind. Das hat uns bei "Charlie" noch enger zusammengeschweißt. Wir stützen uns gegenseitig.

Hast du darüber nachgedacht, als Karikaturistin aufzuhören?

Nein, diese Frage habe ich mir nie gestellt. "Charlie Hebdo" war immer mein Traum. Die acht Jahre, die ich in dieser Redaktion gezeichnet habe, sollten nicht umsonst gewesen sein. Für mich war es logisch, weiterzumachen.

Das ist nicht selbstverständlich.

Es ist uns ein Bedürfnis, diese Zeitung zu machen. Daran halten wir uns fest. Die Wut treibt uns an. Wir wollen, dass "Charlie Hebdo" lebt, und dass diese beiden Kouachi-Idioten ihr Ziel, uns auszulöschen, nicht erreichen. Sie wollten uns umbringen, aber Charlie Hebdo ist nicht gestorben.

(Bild: dpa)

Charlie Hebdo ist auf der ganzen Welt zu einem Symbol der Meinungsfreiheit geworden. Eine große Verantwortung.

Die haben wir auch vorher schon getragen. Natürlich ist sie gewachsen, weil wir weltweit sichtbarer geworden sind. Aber nach dem Attentat habe ich nie gedacht: "Jetzt sind wir ein Symbol". Es gab viel zu tun, und der Druck von außen war groß genug. Ich habe mir eher gesagt: Wir müssen versuchen, wir selbst zu bleiben. Die Solidarität der Menschen gibt uns viel Kraft weiterzumachen. Aber ich fand es immer schade, dass es solch eine Tragödie braucht, damit vielen Leuten erst klar wird, welchen Wert diese Zeitung hat.

Ihr habt enorme Unterstützung erfahren, vier Millionen Euro Spenden, plötzlich 200.000 Abonnenten. Aber trotzdem hat sich deine Redaktion nach den Anschlägen fast zerstritten. Warum?

Ich glaube, nach solch einem Erlebnis wäre das in jeder Redaktion, in jedem Unternehmen passiert. Wir waren traumatisiert. Wir haben Menschen verloren, die uns nahestanden wie eine Familie. Gleichzeitig mussten wir die Zeitung machen. Die Anschläge haben uns wütend gemacht, und wir sind es immer noch. Das ist alles so gewaltig über uns hereingebrochen. Es ist normal, dass es in so einer extremen Situation kracht. Von außen ist es aber nicht ersichtlich, was wir tatsächlich durchgemacht haben.

Ausgabe nach den Attentaten im Januar 2015: "Alles ist vergeben"

Ausgabe nach den Attentaten im Januar 2015: "Alles ist vergeben" (Bild: dpa)

Wie hast du die weiteren Terroranschläge vor kurzem in Paris erlebt?

Ich war in Clermont-Ferrand mit einer Kollegin bei einer Gedenkveranstaltung für den Journalisten Michel Renaud, der auch bei dem Attentat auf unsere Redaktion gestorben ist. Wir saßen gerade beim Abendessen, als eine Freundin aus Paris eine Nachricht schrieb. Wir haben sofort verstanden, was da passierte.

Was war dein erster Gedanke?

Ich dachte, jetzt geht das von vorne los. Das ist die Fortsetzung. Ich war wirklich entsetzt. Wir haben bis um 4 Uhr morgens die Fernsehnachrichten verfolgt. Das kam mir alles so bekannt vor, die ganzen Zeugenaussagen. Zuerst dachten die Leute ja, das wären nur Böller gewesen. Und es stimmt, Waffenschüsse klingen genauso. Das habe ich noch im Ohr.

Kamen die Bilder von damals wieder hoch?

Ja, wir wussten genau, wie sich diese Menschen vor Ort in dem Moment fühlen.

Du hast das Cover für die darauf folgende Ausgabe gezeichnet.

Wir hatten die Ausgabe eigentlich schon geplant und mussten noch einmal alles auf den Kopf stellen. Aber die Idee für die Titelzeichnung stand nach fünf Minuten. Ich habe ein bisschen was auf einen Zettel gekritzelt. Ein Kollege ging vorbei und sagte: "Das ist gut." Und alle anderen stimmten zu. Also haben wir das genommen. Das Cover ist nicht traurig, auch wenn es vom Tod erzählt. Es drückt einen Widerstand aus, der typisch für Paris ist: Party machen, fröhlich sein. Ich wollte eine positive Botschaft vermitteln.

Ausgabe nach den Attentaten im November 2015: "Sie haben die Waffen. Wir scheißen auf sie, wir haben den Champagner!"

Ausgabe nach den Attentaten im November 2015: "Sie haben die Waffen. Wir scheißen auf sie, wir haben den Champagner!" (Bild: dpa)

Auf der heute erscheinenden Sonderausgabe zeigt "Charlie Hebdo" einen Gott im blutbespritzten Gewand, bewaffnet mit einer Kalaschnikow.

Ich finde das Cover sehr passend. Wir dürfen nicht vergessen, dass religiöser Fundamentalismus tötet. Das ist ein echtes Problem in unserer Gesellschaft.
"Ein Jahr danach ist der Mörder noch immer auf freiem Fuß"

"Ein Jahr danach ist der Mörder noch immer auf freiem Fuß" (Bild: dpa)

Aber wieder ist Kritik zu hören, dass ihr zu weit geht mit diesem Cover.

Wir haben eine klare Linie und verteidigen unseren Humor. Wir sind weiterhin die Einzigen, die für das Recht auf Blasphemie und die völlige Meinungsfreiheit einstehen. Das ist ein einsamer Kampf. Obwohl es um grundlegende Themen geht.

Worum geht es in der Sonderausgabe?

Ausschließlich um den 7. Januar 2015 und darum, was dieser Tag mit uns und der Gesellschaft gemacht hat. Und wir haben aufgeschrieben, wie dieser Tag wirklich abgelaufen ist. Denn es gab viele falsche Berichte darüber. Manchmal ging es auch nur um Details. Aber es ist uns wichtig, das klarzustellen.

Was fehlt dir nach dem Tod deiner Kollegen am meisten?

Charb und Cabu haben mich zu dem gemacht, was ich bin. Von ihnen habe ich gelernt, politische Karikaturen zu zeichnen. Ohne sie wäre ich nicht hier. Ich bin sicher, dass auch sie weitergemacht hätten. Wir führen eine Art Widerstand. In der Redaktion sind sie immer noch präsent, all die Erinnerungen. Aber das ist nicht nur traurig. Manchmal denken wir an sie, und dann lachen wir.

Nach den Anschlägen haben die Medien dich und die anderen Überlebenden belagert. Wie hast du das empfunden?

(Bild: Corinne Rey)

"Madame Scheibe!"

"Tut es weh, von einer Kugel durchbohrt zu werden?"

"Können Sie die Terroristen beschreiben?"

"Repariert das Carglass, auch wenn Sie keine Windschutzscheibe sind?"

Ab dem 7. Januar läuft die Doku "Je suis Charlie" über die Anschläge auf Charlie Hebdo im Kino und bei Netflix. Mit beeindruckenden Archiv- und Zeugenaufnahmen gibt der Film einen intimen Einblick in die Arbeits- und Denkweise der Redaktion. Kritiker bemängeln allerdings, die Doku gehe zu wenig darauf ein, wie sehr die Ereignisse die Redaktion nach den Anschlägen zu zerreißen drohte.

Der Trailer zur Doku

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