Gerechtigkeit

"Deutschland hat offenbar ein Problem mit meiner Identität"

11.12.2016, 15:42 · Aktualisiert: 13.12.2016, 08:53

Deutsche mit Migrationshintergrund – und zwei Pässen – über die Debatte um die doppelte Staatsbürgerschaft

Sollten sich Menschen, die ausländische Wurzeln haben und hier in Deutschland leben, für eine Staatsbürgerschaft entscheiden – oder sollten sie selbst wählen dürfen, welche Pässe sie bei sich tragen?

Die CDU hat auf ihrem Parteitag in der vergangenen Woche mehrheitlich dafür gestimmt, die sogenannte Optionspflicht wieder einzuführen. Damit fordert die Partei, dass Kinder ausländischer Eltern, die in Deutschland geboren wurden, sich bis zu ihrem 23. Lebensjahr für eine Staatsbürgerschaft entscheiden müssen: die deutsche – oder die andere (Zeit Online).

Eine solche Regelung gab es schon mal – bis 2014. Mittlerweile dürfen die Kinder selbst entscheiden, vorausgesetzt, dass sie bis zu ihrem 21. Lebensjahr mindestens acht Jahre in Deutschland gelebt haben oder sechs Jahre hier zur Schule gegangen sind.

Es sieht nicht danach aus, als könne die CDU ihre Vorstellungen umsetzen. Dafür bräuchte sie eine absolute Mehrheit im Bundestag – und die SPD stimmte bereits gegen den Vorschlag. Auch Angela Merkel äußerte sich kritisch, stellte sich gegen ihre Partei (SPIEGEL ONLINE).

Doch die Doppelpass-Debatte ist entfacht. Was sagen Deutsche mit Migrationshintergrund und zwei Pässen dazu? Würden sie ihren Pass abgeben? Wie deutsch fühlen sie sich?

Merve Gül, 24, Jura-Studentin aus Mannheim

Merve Gül, 24

Merve Gül, 24

"Ich hab kein Identitätsproblem – Deutschland offenbar schon!"

"Seitdem ich sieben Jahre alt bin, habe ich einen deutschen und einen türkischen Pass. Abgeben würde ich keinen. Ich bin selbst CDU-Mitglied und wende mich gegen alle, die sagen: 'Du kannst schon dazugehören, aber nur, wenn du dich von etwas trennst: deinem Kopftuch, deiner Muttersprache, deinen Feiertagen, deinen Werten.'

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Wir können uns darüber streiten, ob ein Pass und somit ein Stück Papier Identitäten formt. Für mich ist dem nicht so. Wir sind eine Einwanderungsgesellschaft. Und in einer Einwanderungsgesellschaft gibt es keine eindimensionalen Menschen wie Nur-Türken und Nur-Italiener. Es gibt auch Deutsch-Araber, Deutsch-Türken, Deutsch-Italiener.

Meine Identität sehe ich wie zwei Stühle. Ich kann auf einem Stuhl sitzen oder auf beiden gleichzeitig. Ich hab das mein Leben lang so gelernt und deswegen finde ich es umso erschreckender, dass das scheinbar nicht jeder als selbstverständlich ansieht. Ich hab kein Identitätsproblem, Deutschland scheinbar schon."

Hamid Khalil, 27, Student der Wirtschaftsinformatik und Lehrer für Deutsch als Fremdsprache aus Frankfurt am Main

Hamid Khalil, 27

Hamid Khalil, 27

"Deutschland hat mir Möglichkeiten gegeben, für die ich dankbar bin."

"Ich besitze die afghanische und die deutsche Staatsbürgerschaft, doch würde jemand von mir verlangen, mich für ein Land zu entscheiden, die Wahl fiele auf Deutschland.

Deutschland hat mir Möglichkeiten gegeben, für die ich dankbar bin. Deutschland ist meine neue Heimat und wird es auch bleiben. Macht mich die Rückgabe meines afghanischen Passes zu einem schlechten oder weniger loyalen Afghanen? Nein.

Das ist nur ein Stück Papier, Afghane werde ich auch ohne dieses Stück Papier bleiben. Ich lebe aber nun mal in Deutschland und wir alle sollten auf Ehre- und Stolz-Diskussionen über die doppelte Staatsbürgerschaft wirklich verzichten.

Wir Einwanderer sollten auch was zurückgeben. Ein Grundmaß an Verbundenheit sollten wir schon an den Tag legen, damit die Integration gelingt. Schafft man diese Grundverbundenheit mit Deutschland nicht, dann muss man sich ernsthaft die Frage stellen, ob Deutschland das richtige Land für einen ist und ob man woanders nicht vielleicht besser aufgehoben wäre."

Nasita Z-Moayedi, 32, arbeitet im Marketing eines Softwareherstellers, aus Ostfriesland

Nasita Z-Moayedi, 32

Nasita Z-Moayedi, 32

"Ich empfinde die doppelte Staatsbürgerschaft als Geschenk."

"Die Frage nach der zweiten Staatsbürgerschaft stellte sich für mich nicht, ich habe sie mit meiner Geburt bekommen. Wirkliche Bedeutung hat meine iranische Staatsbürgerschaft erst für mich erhalten, als ich angefangen habe, meine zweite Heimat, den Iran, zu bereisen.

Damals war ich um die 15 und mitten in der Identitätsfindung: 'Wer bin ich, wo gehöre ich hin?'

Die deutsche Staatsbürgerschaft ist die Nummer Eins in meinem Leben. Deutsch ist meine Muttersprache, Farsi meine Zweitsprache. Trotzdem ist alles Iranische eine starke Säule meines Seins, meiner ganzen Identität.

Ich empfinde es als Privileg und als Geschenk, eine doppelte Staatsbürgerschaft tragen zu dürfen. Wer Deutschland mit seinen Werten und Gesetzen achtet und sich hier beheimatet fühlt, der sollte auch die Chance auf die doppelte Staatsbürgerschaft haben.

Wer allerdings nur die Privilegien und Rechte genießen möchte, aber alle daran geknöpften Pflichten für sich ausblendet und die Gesellschaft nicht akzeptiert, der benötigt auch nur die Staatsbürgerschaft des Landes, zu dessen Werten und Gesetzen er sich hingezogen fühlt."

Und du? Was sagst du dazu?


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Nach dem Rücktritt von Ministerpräsident Mateo Renzi muss Italien eine neue Regierung bilden (SPIEGEL ONLINE). Dieser Mann ist jetzt dafür zuständig, er wurde von Staatspräsident Sergio Mattarella zum Nachfolger Renzis ernannt. Sein Steckbrief: