Gerechtigkeit

"Ich fühle mich sicher und behütet": Muslima erzählen, warum sie sich verschleiern

22.08.2016, 11:49 · Aktualisiert: 22.08.2016, 16:03

Seit Wochen diskutieren Politiker, Journalisten, Frauenrechtler, Islamwissenschaftler über das sogenannte Burka-Verbot. Eine Personengruppe kommt dabei bislang kaum zu Wort: die betroffenen Frauen selbst.

Wir haben mit Niqab-Trägerinnen gesprochen.

(Bild: privat)

Leyla, 25, aus Frankfurt am Main

Ich komme aus einem katholischen Elternhaus und bin vor zwei Jahren zum Islam konvertiert. Schon nach einem Monat hatte ich mich festgelegt: Ich wollte Khimar tragen, also nicht nur ein "einfaches" Kopftuch, lange Hemden und Rock. Nein, ich wollte gleich Farbe bekennen.

Als ich im vergangenen Jahr geheiratet habe, hat mich mein Mann, ein gebürtiger Türke, gefragt, wie ich zum Niqab stehe. Ich sagte, dass ich diese Frauen bewundere, aber ich es für mich selbst nicht vorstellen kann. Der Grund: Ich hatte Angst vor Fremdenhass, vor den Blicken anderer, sogar vor gewalttätigen Angriffen.

Im Slider: Was ist eigentlich ein Niqab? Was eine Burka?

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dpa / Felix Hager
dpa / Gerry Penny
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Warum ich mich schließlich doch dazu entschied? Ich möchte so akzeptiert werden, wie ich bin. Und nicht danach beurteilt werden, wie ich aussehe. Ich kenne sehr viele Schwestern, die auch Niqab tragen und sie alle sagen dasselbe wie ich: Sie fühlen sich freier mit Niqab.

Meine Eltern kommen damit immer noch nicht klar, für sie ist das Kopftuch altmodisch. Auch einige Freunde haben sich distanziert. Einigen war ich peinlich, andere störte es nicht, weil ich unter dem Tuch ja immer noch dieselbe war. Aber so erkannte ich wenigstens, wer meine wahren Freunde waren.

Eine ältere Dame aus meinem Haus hat mich öfter gefragt, wieso ich das trage und ob ich das jetzt immer anhabe. Ihr gefiel das nicht. Auch mein Mann sagt, dass er Angst hat, wenn ich mit den Kindern hinausgehe und ich den Schleier abnehmen soll. Aber das kommt für mich nicht in Frage.

Sarah, 26, aus Hamburg

Mit 16 habe ich den Koran zum ersten Mal gelesen. Circa zwei Jahre später bin ich Muslima geworden, ohne Kontakt zu Muslimen gehabt oder jemals eine Moschee besucht zu haben. Von Anfang an hatte ich den Wunsch, meinen Hijab durch einen Gesichtsschleier zu vervollständigen. Der Niqab ist für mich ein Teil meiner gelebten Religiosität.

Ich möchte nicht abstreiten, dass es Frauen gibt, die durch Familie oder Umfeld dazu gedrängt werden, ein Kopftuch zu tragen, obwohl sie es selbst nicht möchten. Mein Mann hat mich nie gezwungen. Er macht sich eher Sorgen, dass mich Menschen angreifen könnten und begleitet mich, wann immer es geht.

Auch meine Familie steht dem eher abgeneigt gegenüber, deswegen habe ich seit acht Jahren nichts mehr von meinem Vater gehört. Aber ich kann meine eigenen Überzeugungen nicht davon abhängig machen, was andere für richtig oder falsch halten.

Wie Niqab und Burka im Islam bewertet werden

Im Islam gilt es als gotteswürdig, sich nicht zu sehr zu entblößen, das gilt für Männer und Frauen. Tatsächlich empfiehlt der Koran aber Frauen nur eine einfache Kopfbedeckung – nicht, wie viel sie verhüllen sollen. Über die Jahrhunderte haben sich in muslimisch geprägten Ländern so sehr unterschiedliche Kleidervorschriften entwickelt.

Die konservativsten Formen sind die Burka in Pakistan und Afghanistan sowie der Niqab in Saudi-Arabien und im Jemen. Beide sind eher moderne Erscheinungen. In früheren Jahrhunderten waren sie kaum verbreitet, viele muslimisch geprägte Länder verbieten heute sogar Vollverschleierung in öffentlichen Einrichtungen.

Auch wenn sich Muslima aus freien Stücken für die Vollverschleierung entscheiden – viele tragen sie auch unter gesellschaftlichem Zwang. Besonders in Saudi-Arabien gilt eine konservative bis extremistische Auslegung des Koran. Viele Gläubige begreifen daher die Vollverschleierung als Gottesgebot.

Es wird Muslima oft vorgeworfen, dass sie durch den Schleier ihre Identität verlieren. Aber zu so einem Objekt machen mich nicht die muslimischen Männer, sondern einige Menschen in meinem gesellschaftlichen Umfeld. Sie reden über mich, als könne ich sie nicht hören; sie beleidigen mich, als ob ich keine Gefühle hätte.

Denken sie, wenn man mir das Tragen meines Schleiers verbietet, würde sich meine politische Einstellung ändern? Oder mein Integrationswille? Soll ich dafür dankbar sein?

Die einzige Reaktion wird sein, dass ich mich noch unwillkommener und noch unpassender in dieser Gesellschaft fühle.

Amatullah, 21, aus Stuttgart

Ich trage den Niqab, seitdem ich 17 bin. Ich mag die Vorstellung, selbst zu bestimmen, wer was von meinem Körper sehen kann.

Ich kann nicht verstehen, warum Menschen nur Wert auf das Äußere legen: Wer trägt die schönsten und teuersten Kleider? Wer besitzt die schönsten Schuhe? Der Fernseher sagt uns, was die neuste Mode ist und wir laufen direkt ins nächste Kaufhaus, um sie uns zu holen. Ich will das alles nicht. Ich will nicht, wie die ganzen Frauen auf der Straße sein. Alle sehen gleich aus, keinen interessiert es, was eine Person ausmacht.

Ich liebe den Niqab schon lange. In meinen Augen sieht er edel und wertvoll aus. Mit ihm fühle ich mich wie eine Perle in ihrer Muschel. Das ist natürlich nur ein Aspekt: Mir geht es um die Liebe zu Gott. Ich will ihm noch näher sein, und die Bedeckung ist ein Dienst an ihm. Mit dem Niqab fühle ich mich sicher und behütet.

Natürlich muss man sich viele Beleidigungen anhören. Von "Geh zurück in dein Land" bis "Terrorbraut" ist alles dabei. Einmal versuchte eine Frau mir mitten in Stuttgart, den Niqab vom Gesicht zu reißen. Niemand griff ein. Ich wurde des Öfteren angespuckt, ein Mann warf einmal eine Flasche nach mir.

Aber all diese Blicke und Angriffe können mir die Liebe zum Schleier nicht nehmen. Ich bin stolz darauf, mich zu verschleiern.

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Hausbesetzer können gut fürs Stadtviertel sein

22.08.2016, 07:53 · Aktualisiert: 22.08.2016, 08:25

Laut einer Studie können Hausbesetzer gut fürs Stadtviertel sein. Denn besetzte Häuser würden eher nicht von Drogenabhängigen genutzt oder von Brandstiftern zerstört. Die Studie bezieht sich auf die Situation in den USA und dort vor allem auf die Stadt Detroit, in der viele Häuser leer stehen.

Für ihre Studie hat Claire Herbert von der University of Michigan über einen Zeitraum von zwei Jahren mehr als 60 Hausbesetzer, Behördenvertreter und Anwohner befragt. Viele Nachbarn würden Hausbesetzungen gut heißen, aber nur so lange die eigentlichen Hausbesitzer nichts dagegen hätten. (ScienceDaily)