Gerechtigkeit

Wir haben Muslimas gefragt, warum sie kein Kopftuch tragen

26.08.2016, 18:07 · Aktualisiert: 27.08.2016, 13:46

"Ich werde nie begreifen, warum Frau sich freiwillig bedeckt"

Kopftuch, Burka, Burkini: Was viele Männer darüber denken, wissen wir inzwischen. Und was ist mit den Frauen?

Kürzlich erzählten bei uns Niqab-Trägerinnen, warum sie sich verhüllen (bento). Jetzt haben wir fünf unverschleierte Frauen mit iranischen, türkischen oder kurdischen Wurzeln gefragt: Was denkt ihr über das Kopftuch? Und wie steht ihr zum Burkaverbot?

Yelda, 30, arbeitet als Friseurin

In meinem Umfeld trugen eher ältere Damen Kopftuch, die jungen nicht – abgesehen von einer gleichaltrigen Freundin. Ich habe sie mehrfach in die Moschee begleitet und trug dort natürlich auch eins.

Als junges Mädchen fand ich das Kopftuch sehr schön und faszinierend. Dennoch empfand ich es nie als für mich passend. Mir erschließt sich auch nicht, wieso ich eins tragen sollte. Es gehört nicht zu meinem Alltag.

Dennoch ärgere ich mich über die aktuelle Debatte. Wir haben doch andere, wichtigere Themen, über die wir diskutieren sollten?! In Deutschland laufen kaum vollverschleierte Frauen herum, so erledigt sich die Debatte von alleine.

Was folgt nach dem Burka-Verbot? Ein Vollbart-Verbot, weil viele der Terroristen einen trugen? Das wird für einen mächtigen Aufschrei sorgen, wenn ich mir so anschaue, wer alles einen Vollbart trägt.

Im Slider: Warum streiten wir eigentlich über einen Badeanzug?

dpa/Subel Bhandari
Subel Bhandari/dpa
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Matt King/Getty Images
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Irem, 19, Studentin

Meine Familie ist eher kemalistisch und liberal eingestellt, besonders die Familie meines Vaters. Dort trägt keine einzige Frau ein Kopftuch. Anders schaut es in der Familie meiner Mutter aus, sie ist eher konservativ.

Ich selbst bin Kopftüchern gegenüber tolerant: Jeder soll rumlaufen, wie er mag. Allerdings werde ich nie begreifen, warum Frau sich freiwillig bedeckt. Ich könnte mir so etwas niemals an mir selbst vorstellen, auch kann ich mich damit nicht identifizieren. Ich habe auch keine einzige Freundin, die Kopftuch trägt.

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Ich lehne es strikt ab, wenn eine Frau aus Zwang ein Kopftuch tragen muss. Kein Mann hat das Recht, einer Frau vorzuschreiben, was sie tragen soll. Wenn eine Frau ihr Kopftuch aber aus freien Stücken trägt, finde ich das in Ordnung. Allerdings werde ich es nie verstehen, weswegen manch eine ein Kopftuch trägt und dazu enge, knappe Kleider und viel Make-Up. Im Grunde geht es doch darum, dem anderen Geschlecht gegenüber nicht stark aufzufallen. Aber so fallen die Mädels doch viel stärker auf?

Zur aktuellen Burka-Debatte habe ich ein sehr gespaltenes Verhältnis. Ich finde insgesamt ein Verbot nicht richtig. Es ist doch eine Form von Freiheitsberaubung, wenn einem Menschen ein Kleidungsstück verboten wird.

Ich bezweifle auch generell, dass solch ein Verbot den "Erfolg" mit sich bringt, den sich manche erhoffen. Das Resultat wird wahrscheinlich sein, dass die Trägerinnen das Haus nicht mehr verlassen werden, geschweige denn dürfen. Wobei: Insgesamt fehlen Deutschland doch ohnehin die Burka-Trägerinnen für solch ein Verbot.

Beri, 24, Bremen, Moderatorin

Wieso sollte ich überhaupt ein Kopftuch tragen? Ich habe den Glauben nie so kennengelernt. Nur wenn ich Verwandte in der Türkei besucht habe, kam ich damit direkt in Kontakt. Meine Großmutter trug zum Beispiel eine Burka.

In der Türkei habe ich selbst schon eins getragen. Aber nicht wegen des Glaubens oder wegen Allah, sondern nur, um nicht aufzufallen. Meine Kurzhaarfrisur hätte einfach zu viele Blicke auf sich gezogen, viele Frauen in der Türkei finden das unpassend.

Wir führen immer eine Debatte darüber, dass Frauen kein Kopftuch tragen sollen. Wieso reden wir nicht darüber, weswegen sie eins tragen?

Mit einem Verbot wird Frauen gleichermaßen der freie Wille geraubt. Wenn es jemand tragen möchte, so soll er das tun. Für mich persönlich ist das halt nichts.

Mich stören vor allem zwei Punkte an den heutigen Debatten:

  1. Das Kopftuch wird mit Religion gleichgesetzt. Dabei kann es vielerlei Gründe geben, ein Kopftuch zu tragen.
  2. Religion wird häufig mit Terror vermischt. Das ist falsch.

Im Slider: Was für Kopftuch-Varianten gibt es?

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dpa / Felix Hager
dpa / Gerry Penny
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Liyan, 22, arbeitet in einem Sonnenstudio

Ich habe nichts gegen Kopftücher, aber bei einigen Trägerinnen rege ich mich doch auf. Beispielsweise wenn ein Kind gezwungen wird, eins zu tragen. Ein Mädchen soll selbst entscheiden, ob es ein Kopftuch tragen möchte oder nicht. Es macht sie nicht zu einer schlechteren Muslima, wenn sie keins trägt. Für mich trägt man Religion ganz klar im Herzen.

Insgesamt finde ich, dass eine Frau selbst entscheiden sollte, was sie trägt oder nicht. Solange es ihr Wille ist, ist das alles in Ordnung. Da soll sich auch keiner einmischen.

Yasmin, 23, arbeitet im Büromanagement

Meine Familie stammt aus dem Iran, sie hat ein sehr liberales Verhältnis zum Glauben. Mir persönlich ist wichtig, dass jeder Mensch frei entscheiden kann, wie er sein Leben lebt. Für mich spielt mein Glaube eine große Rolle. Ich bete auch hin und wieder und versuche stets ein guter Mensch zu sein. Nur hat für mich der Glaube nichts mit der Kleidung zu tun.

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