Gerechtigkeit

Ich habe versucht, Burka-Trägerinnen in Deutschland zu finden

11.08.2016, 12:13 · Aktualisiert: 23.12.2016, 15:57

Ein kleines Stück Stoff steht für den "Kulturkampf" zwischen dem liberalen Westen und dem konservativen Islam: die Burka. In Frankreich, Belgien und der Schweiz ist sie schon verboten. In Deutschland sagte zuletzt der CDU-Bundestagsabgeordnete Jens Spahn der "Welt": "Ich will in diesem Land keiner Burka begegnen müssen. In diesem Sinne bin ich burkaphob."

Aber muss Jens Spahn das überhaupt? Wie viele Frauen tragen in Deutschland eigentlich den afghanischen Schleier?

Ich wohne in Berlin. Verschleierte Frauen gehören zum Straßenbild. Die meisten von ihnen tragen den Niqab, er ist auf der Arabischen Halbinsel und zunehmend auch in Nordafrika verbreitet, mal beliebt und oft verhasst. Aber eine Frau, die eine echte afghanisch-pakistanische Burka trägt, habe ich noch nie gesehen. Ist das Zufall?

In der Fotostrecke: Wie heißt welches Tuch?

Ich will herausfinden, wie viele Frauen in Deutschland jenes Kleidungsstück tragen, das der Debatte um ein Vollverschleierungs-Verbot seinen Namen gab. Deswegen werde ich in den nächsten Tagen Hunderte Bilder vermeintlicher und echter Burkas auswerten, ich werde mit Wissenschaftlern, Afghaninnen und Burka-Gegnern sprechen, Moscheen und islamische Klamottenläden besuchen und so hoffentlich hinter den Schleier der Burka-Debatte blicken.

Das Soziale Netz: Burkas wohin man schaut

Meine Recherche beginnt auf Facebook und Twitter. "Hat jemand von euch in Deutschland schon mal eine #Burka-Trägerin gesehen? Also wirklich Burka, nicht Niqab?" Zur Sicherheit poste ich dazu eine Grafik mit den verschiedenen Varianten der islamischen Verschleierung.

Nach wenigen Sekunden berichten die ersten von Burka-Sichtungen. "Sehe ich hier in Berlin ziemlich häufig", ist eine typische Antwort.

Innerhalb von Minuten erreichen mich Burkas aus allen Teilen der Republik: Ein Piratenpolitiker hat Burka-Trägerinnen vor einer Orthopädie in Heidelberg gesehen, Bad Godesberg bei Bonn scheint bei Burka-Trägerinnen besonders beliebt zu sein. Ebenso die Münchner Innenstadt und der Berliner Ku'damm – Shopping-Meilen für reiche Golf-Araber. Sogar einige wenige Fußminuten von meiner Wohnung entfernt soll eine Burka-Trägerin wohnen.

Ich gehe jedem Fall nach, bitte um Vergleichsbilder, verweise darauf, dass es sehr unwahrscheinlich ist, dass saudische Touristinnen einen afghanischen Schleier tragen; erkläre, dass es auch den Niqab mit feinmaschigem Netz vor den Augen gibt.

Von Dutzenden Burka-Verdachtsfällen bleibt am Ende kein einziger bestätigter Fall übrig. Hier hilft mir die Schwarm-Intelligenz erst mal nicht weiter. Also setze ich meine Recherche auf traditionell-deutsche Weise fort: per Behördenanfrage.

Die Behördenvertreterin: Keine Auskunft unter dieser Adresse

Hunderttausende Flüchtlinge wandern durch die Korridore des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF), darunter sicherlich auch einige Vollverschleierte.

Doch die Pressesprecherin Edith Avram kann mir nicht weiterhelfen: Zwar werde "das Alter, die Religionszugehörigkeit und ethnische Zugehörigkeit von Flüchtlingen erfasst", aber es lägen keine Statistiken über das Tragen von Burkas in Deutschland vor.

Bei der Suche nach anderen Ansprechpartnern in deutschen Bundesbehörden, stelle ich fest: Ich bin nicht der erste, der versucht die Burka-Debatte um konkrete Zahlen zu bereichern.

Schon im Dezember 2015 hatte der Grünen-Bundestagsabgeordneten Özcan Mutlu in einer parlamentarischen Anfrage an die Bundesregierung genau meine Frage gestellt. Die Antwort: "Der Bundesregierung liegen keine Erkenntnisse über die Anzahl von Burkaträgerinnen in Deutschland vor."

In der Fotostrecke: Verschleierung in Deutschland

Der Islamwisschenschaftler: Burka ist eine Erfindung der Medien

Zurück im Netz quellen meine Posteingänge über. Einige Follower stoßen im Netz auf ein Foto, das unzweifelhaft eine Burka-Trägerin in einer Berliner U-Bahn-Station zeigt. Doch nach kurzer Recherche erneut die Ernüchterung: Unter dem Schleier steckt eine Reporterin der BILD-Zeitung.

Die große Mehrheit der Zusendungen zeigt weiterhin unzählige Niqab-Varianten. Selbst wenn ich auf den Unterschied zwischen Burka und Niqab hinweise, bestehen viele auf der Echtheit ihres Fundes. Einige fühlen sich regelrecht angegriffen, wenn ich ihre Kompetenz in Fragen afghanischer Damenbekleidung infrage stelle.

Warum glauben so viele Menschen, Burkas zu sehen, wo gar keine sind?

Mit dieser Frage wende ich mich an Andreas Ismail Mohr. Der Islamwissenschaftler an der FU-Berlin klärt mich auf, dass auch ich die Begriffe falsch verwende: Der Schleier, nach dem ich suche, werde in Afghanistan nicht Burka, sondern Tschadari gennant. (vom Persischen Tschador für Zelt). Der Begriff Burka (vom Arabischen burqu für Gesichtsschleier) sei "bis 2000 in deutschen Medien praktisch unbekannt" gewesen.

"Dass jetzt alle glauben, Frauen mit einer 'Burka' gesehen zu haben, liegt an diesem Medienhype. Davor wussten selbst die meisten verschleierten Frauen nichts mit dem Begriff anzufangen." Im Übrigen sei auch ihm in Deutschland noch nie eine Burka-Trägerin begegnet, sagt Mohr. Er bezweifle sogar, dass es überhaupt eine gibt.

Die Frauenrechtlerin: Es kommt auf den Mensch unter dem Schleier an

Sollten all die Berichte über Burka tragende Frauen in Deutschland tatsächlich nur eine Suggestio der medialen Islam-Berichterstattung sein? Haben die Burka-Gegner ihr Feindbild selbst erschaffen?

Ich schreibe ein paar prominente Burka-Gegner an: Jens Spahn natürlich, Erika Steinbach, Julia Klöckner, die CDU/CSU-Fraktion im Bundestag. Doch niemand möchte über seine Burka-Funde berichten.

(Bild: DER SPIEGEL)

Schließlich wende ich mich an die vielleicht kompromissloseste Burka-Gegnerin: Seit Jahren fordert Alice Schwarzer nicht nur ein Verbot der Vollverschleierung, auch das Kopftuch lehnt die Frauenrechtlerin als "islamisches Herrschaftssymbol" ab.

Statt Schwarzer antwortet mir ihre "Emma"-Kollegin Chantall Louis. Sie sagt, dass es beim Burka-Verbot nicht um das Kleidungsstück, sondern "um den Menschen, der unter Burka oder Niqab steckt" und um "die prinzipielle Frage der Menschenwürde geht".

Stimmt, aber hat sie auch Hinweise auf echte Burka-Trägerinnen? Auch Louis ist sich sicher, in Köln schon Burka-Trägerinnen gesehen zu haben. Aber auch sie schickt mir nur Bilder von Frauen in Niqab.

Geht auch: Voll verschleierte Männer. Aber nur auf dem Laufsteg (Bild: Imago)

Der Imam, der Botschafter, die Verkäuferin: Burkas gibt es hier nicht

Vielleicht sollte ich meine Suchstrategie überdenken: Wieso suche ich in der Öffentlichkeit nach Menschen, die die Öffentlichkeit meiden? Sollte ich nicht besser im Alltag potentieller Burka-Trägerinnen ansetzen?

Ich rufe bei islamischen Klamottenläden an, frage Imame von afghanischen Moscheen, melde mich bei afghanischen Frauenvereinen.

Die Antwort ist überall dieselbe: Niemand kann sich daran erinnern, auch nur eine Burka-Trägerin in Deutschland gesehen zu haben.

In der afghanischen Botschaft in Berlin nimmt mir der Mitarbeiter Abed Najib schließlich die letzte Hoffnung:

"Ich lebe seit 1969 in Deutschland, seit 1985 bin ich mit Afghanistan beschäftigt, seit 1997 bin ich im diplomatischen Dienst. Ich habe in dieser Zeit keine einzige Frau in Deutschland gesehen, die eine Burka trägt. In Deutschland trägt niemand die Burka."

Die Deutsch-Afghanin: Bei der Burka geht es nicht um Islam, sondern um Sicherheit

Die Burka komme "außerhalb ihres Ursprungsgebiets nicht vor", sagt auch Ingeborg Baldauf. Die Professorin am Institut für Asien- und Afrikawissenschaften der Humboldt-Universität Berlin und Afghanistan-Forscherin erklärt mir: Die meisten Afghaninnen tragen außerhalb des Landes nur ein locker gebundenes Tuch auf den Kopf. Die Burka halten sie für zu unpraktisch und altmodisch. Sie rät mir, doch einfach afghanische Frauen selbst zu befragen.

Darauf hätte ich natürlich auch selbst kommen können. Statt nach einem Stück Stoff zu fanden, um zu schauen, wer drunter steckt, hätte ich gleich mit Afghaninnen sprechen können.

Ich frage ein halbes Dutzend Deutsch-Afghaninnen. Eine von ihnen ist Sosan Nawid. Die 30-jährige Juristin kam 1992 nach Deutschland. Auch sie glaubt nicht an die Burka in Deutschland.

Zudem widerspricht sie noch einem anderen Argument der Burka-Gegner: Das Tragen der Burka habe in Afghanistan nichts mit Religiösität zu tun, sondern sei viel mehr "eine Frage der Sicherheit". Frauen trügen den Schleier "aus Angst vor Übergriffen, Gewalt, Belästigungen und Verlust des Rufes".

Das ist die zweite Erkenntnis meiner Recherche: In Deutschland gibt es nicht nur keine Burka-Trägerin, es scheint auch niemanden zu geben, der die Burka verteidigt.

Doch, wenn dem so ist, an wen richten sich eigentlich diese ständigen Verbotsforderungen?

Die Burka-Debatte: Unter dem Schleier leiden 300, unter der Diskussion 2 Millionen

Rechnet man zu den 0 Burka-Trägerinnen noch die vielleicht 300 Frauen, die mittels anderer Schleier wie dem Niqab ihr Gesicht verdecken, bedeutet das: 99.985 Prozent aller Musliminnen in Deutschland zeigen ihr Gesicht.

Wenn die Vollverschleierung als Symbol der Frauenunterdrückung herhalten muss, warum feiern wir dann nicht die überwiegende Mehrheit der Musliminnen als gelungenes Beispiel für erfolgreiche Integration und Emanzipation? Warum nehmen wir 0,015 Prozent zum Anlass, um das Klischee der unmündigen und unterdrückten Muslima zu verbreiten?

Der Nachklapp: Geht es doch nur um Unterwerfungsgelüste?

Meine Recherche ist schon beendet, als mich über Facebook doch noch eine Nachricht über zwei deutsche Burka-Trägerinnen erreicht.

Ein islamischer Theologe erzählt mir, er sei im Rahmen seiner Forschungen über islamische Sexualmoral auf die beiden Frauen gestoßen. Doch wieder stecken keine Musliminnen unter dem Schleier. Bei den einzigen beiden belegten Burka-Trägerinnen in Deutschland handelt es sich um zwei Dominas in einem S/M-Studio.

Liegt hier vielleicht das wahre Wesen der Burka-Debatte? Ist die afghanische Vollverschleierung auch hierzulande nur eine Projektionsfläche für chauvinistische Unterwerfungsgelüste?

Unter meinen Posts auf Facebook und Twitter tummeln sich mittlerweile Dutzende Frauen- und Islamfeinde. Mit Anfeindungen fordern sie Frauen auf, von denen sie weder wissen, was sie auf, noch was sie im Kopf haben, sich zu liberalen Werten zu bekennen. Versteckt hinter Phantasienamen erklären sie das Gesicht-Zeigen zur Grundlage des demokratischen Miteinander.

Die gute Nachricht dieser Recherche: Es gibt in Deutschland keine Frauen, die die Burka tragen müssen. Die schlechte: Burka-Gegner gibt es leider umso mehr.

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