Gerechtigkeit

Lorena geht im Wahlkampf von Tür zu Tür und lässt sich beschimpfen

13.09.2017, 11:23 · Aktualisiert: 19.09.2017, 16:58

Politik unter 30

Irgendwann im Jahr 2015. Lorena Müllner sitzt vor dem Fernseher und schüttelt den Kopf. Nein, denkt sie, das will ich nicht mehr. Nicht mehr auf dem Sofa sitzen und zusehen, wie immer mehr Flüchtlinge im Mittelmeer ertrinken oder traumatisiert in Europa ankommen.

Lorena will helfen. Sich engagieren. 

Und was ist mit uns?

Junge Menschen sind im Bundestag schlecht vertreten: Nur eine der 630 Abgeordneten ist unter 30. Das durchschnittliche Alter: fast 50 Jahre. Was ist da los? Und wer kümmert sich um unsere Interessen? bento trifft junge Politiker, um das herauszufinden.

Zwei Jahre später steht sie an einem Infostand der Linksjugend und lässt sich beschimpfen. 

Lorena ist Direktkandidatin der Linkspartei in Calw. Mit 19 ist sie die jüngste Bundestagskandidatin Baden-Württembergs. 

Lorena (rechts) mit der Linken-Parteivorsitzenden Katja Kipping

Lorena (rechts) mit der Linken-Parteivorsitzenden Katja Kipping

An negative Kommentare hat sie sich gewöhnt. Beschimpfungen aus dem rechten Lager, Beschimpfungen von Bürgern, die sie für Kommunisten halten.

"An Infoständen haben mich Leute sogar schon beschuldigt, ich sei bei der Stasi gewesen", sagt Lorena. "Ich bin 1998 geboren. Die Diktatur der DDR war da lange Geschichte. Wir vertreten das nicht."

Doch warum tut sie sich diesen Wahlkampf an? Chancen auf den Einzug in den Bundestag hat sie als reine Direktkandidaten nicht.

"Es gibt viele Gründe für die Linke", sagt sie. Früher war sie mal kurz davor, in die CDU einzutreten, "die sind mir aber zu unternehmer- und bankenfreundlich."

Total realitätsfern sei die Union inzwischen. "Wie Merkel 2015 reagiert hat, das fand ich gut", sagt Lorena. Doch eine Obergrenze für Flüchtlinge durch die Hintertür zu erreichen, indem man sie in vermeintlich sichere Länder schickt, sei scheinheilig

Die CDU ist realitätsfern
Lorena

Ein weiterer Grund für die Linke: Lorena wollte in einer Partei sein, "die klar antifaschistisch ist". 

Auch die Gesundheitspolitik sei ein großes Thema für sie. Weil viele Krankenhäuser von der Schließung betroffen seien, wolle sie sich für eine Verbesserung der Situation einsetzen. "Es fehlen 100.000 Pflegekräfte. Ich habe mich in ganz Deutschland auf eine Pflegeausbildung beworben, aber keine Stelle bekommen." 

Stattdessen will sie im Oktober nach einem Freiwilligen Sozialen Jahr ein Studium beginnen, Soziale Arbeit. Bis dahin macht sie hauptsächlich Wahlkampf.

Unsere Serie: Politik unter 30

Viel Budget hat sie nicht. Anders als die Konkurrenz: "Der Grüne hat sogar ein Auto", sagt Lorena, während sie bei ihrer Partei um Budget für jede Flyer-Aktion bitten muss. Aus eben solchen Aktionen besteht ihre Kampagne vor allem.

"Ich mag Infostände und den Haustürwahlkampf", sagt sie, "auch wenn das vielleicht befremdlich klingt."

Früher dachte sie, es gebe nichts Schlimmeres, als an Türen zu klingeln. Jetzt erzählt sie den Bürgern gern, was sie bewegt.

An den Infoständen versucht sie, bewusst auf Junge zuzugehen. "Weil ich die Interessen einer ganzen Generation vertrete. Ich bin näher am Bürger dran, als einer, der 30 Jahre im Bundestag ist. Ich fahre jeden Tag Bus mit den Leuten, da höre ich, was sie beschäftigt."

Das merkt sie auch auf Podiumsdiskussionen mit Kandidaten, die rund 40 Jahre älter sind. "Die sehen die jungen Themen nicht." Von der CDU und vor allem der AfD fühle sie sich nicht ernst genommen. 

"Wenn mich etwas stört, dann ist das die AfD", sagt sie. Flüchtlinge versuchen, übers Mittelmeer zu kommen – "und die AfD nennt die NGOs, die ihnen helfen, Schlepper. Das regt mich auf." 

Ich fahre jeden Tag Bus, da höre ich, was die Leute beschäftigt
Lorena

Zu viele Menschen setzten sich zu wenig mit dem Thema Flüchtlinge auseinander. "Da entstehen Geschichten, die man heutzutage alternative Fakten nennt."

Am 24. September ist Lorenas Wahlkampf vorbei. 

Bei der vergangenen Bundestagswahl war es eindeutig. Die CDU bekam in Calw 57,5 Prozent. Die Linke 4,2. Diesmal dürften es kaum mehr werden. 

Sie will dann in ihr Leben neben der Politik zurückkehren. Als angehende Studentin. Und als Bürgerin, die vor dem Fernseher sitzt und den Kopf schüttelt, wenn die Politiker im Fernsehen über Flüchtlinge sprechen. 

Wir haben die Spitzenkandidaten der Linkspartei getroffen:


Fühlen

"Schau mal, da läuft Krätze": Wie es sich mit Schuppenflechte lebt

13.09.2017, 10:44 · Aktualisiert: 13.09.2017, 13:45

Ein Blick, der verletzende Worte folgen lässt: "Schau mal, da läuft Krätze", ruft Anton. Wir stehen an einer Haltestelle in meinem Heimatdorf und warten auf den Bus, der uns zur Schule fahren soll. Ich bin gerade 13 – und traue mich nicht, etwas zu entgegnen.

Anton hat die vielen roten Entzündungen auf meinen Beinen gesehen. Er ist viel älter und müsste wissen, dass man solche abfälligen Bemerkungen nicht macht, denke ich.