Gerechtigkeit

"Ich will die Stimme der Verzweiflung sein". So will "Die Partei" Nichtwähler motivieren

28.08.2017, 09:02 · Aktualisiert: 28.08.2017, 22:05

"Wenn es dir egal ist, wer im Bundestag sitzt, wäre es nicht schön, von jemandem vertreten zu werden, dem es egal ist, DASS er im Bundestag sitzt?"

Mit einem Video will die Satiretruppe Die Partei die größte Wählerfraktion mobilisieren: die Nichtwähler. Für diese Motivationsaufgabe hat sie sich ausgerechnet die wohl demotivierendste Person des Landes ausgesucht: Nico Semsrott.

Wir haben mit dem 31-jährigen Spitzenkandidaten für Berlin über Wählen im Bett, die richtige Menge Pessimismus und sein "Gesicht der Krise" gesprochen.

Statistiken, Argumente, ein Aufruf zum Wählen: Dein Wahlwerbespot ist erstaunlich voller Inhalt – sonst ja eher nicht so das Markenzeichen der Partei.

Nico Semsrott: Mein persönlicher Ansatz ist ja immer: Freude ist nur ein Mangel an Information. Und deshalb muss ich natürlich auch Informationen bringen.

In deinem Video willst du Menschen zum Wählen motivieren, dabei bist du ja eigentlich selbsternannter Demotivationstrainer. Wie viel Überwindung war das für dich?

Überhaupt nicht viel. Meine Zielgruppe, die Nichtwähler, sind sehr nah dran an meinem Weltbild. Demotivationstrainer und Nichtwähler: Das passt wie die Faust aufs Auge. Außerdem durfte ich den Spot in meinem Bett drehen. Ich musste nicht mal aufstehen.

Der Weg vom Bett ins Wahllokal ist ganz schön weit und ziemlich anstrengend. Was ist dein Tipp an alle, denen das zu viel ist?

Ich empfehle Briefwahl. Da muss man nur vom Bett zum Briefkasten gehen. Das ist sehr einfach, ich hab es gerade ausprobiert. Wer die Wohnung gar nicht verlassen will, kann auch Freunde fragen, ob sie den Brief für einen einstecken. Ich persönlich wähle auch im Bett.

Warum sollen Nichtwähler ausgerechnet für Die Partei stimmen?

Weil die Partei als einzige Partei glaubwürdig die Interessen der Nichtwähler vertritt. Das wird im Spot auch klar argumentiert: "Wenn es euch egal ist, wer im Bundestag sitzt, wäre es nicht schön, von jemandem vertreten zu werden, dem es egal ist, dass er im Bundestag sitzt?"

Das lässt sich ja weiterdrehen: "Wenn du zu faul bist, zum Wahllokal zu gehen, wäre es dann nicht schön, von jemandem vertreten zu werden, der zu faul ist, zur Sitzung zu gehen?"

Oder: "Wenn du unter 50 bist, wäre es nicht schön, von jemandem vertreten zu werden, der auch unter 50 ist?"

Die PARTEI ist die Zukunft!

Posted by Nico Semsrott on Montag, 7. August 2017

Bei allem Spaß: Nicht wählen zu gehen ist ein ernstes Thema. Gehen wir mal davon aus, du motivierst Menschen zum Urnengang. Ist es dann nicht verschenkte Mühe, wenn sie ihre Stimme an eine Spaßpartei geben?

Der Punkt ist: Ein Nichtwähler ist ja gerade nicht überzeugt von den anderen Parteien. Und in der aktuellen politischen Situation ist es wichtig, wenigstens irgendeine Partei zu wählen, um der AfD und FDP die Stimmenanteile abzuziehen.

Das heißt: Jemand der eh schon überzeugt ist von einer der anderen Parteien, kann die auch gerne wählen. Aber jemand, der von den etablierten Parteien nicht überzeugt ist, der soll seine Stimme doch wenigstens der Partei geben.

Was würdest du denn machen, wenn du wirklich im Bundestag landest?

Ich würde mir ein spezifisches Thema aussuchen und in den vier Jahren versuchen, ganz viel Öffentlichkeit dafür zu schaffen.

Zum Beispiel?

Zum Beispiel Informationsfreiheit.

Wie würde ein Deutschland mit der Partei im Bundestag aussehen?

Sehr lustig. Momentan ist die Partei Oppositionsführer der außerparlamentarischen Opposition. Und höchstwahrscheinlich wäre sie dann Oppositionsführer der lustigen Menschen im Bundestag.

Gerade in der jetzigen weltpolitischen Lage ist es sehr schwer, zwischen Satire und Ernst zu unterscheiden. Wenn ein Jens Spahn ernsthaft Hipster, die Englisch sprechen als Problem identifiziert (bento), dann ist das extrem guter Humor.

Und du meinst, die Partei sei dagegen viel inhaltsstärker?

Ja. Auf jeden Fall. Sie bezieht auch viel klarer Position als viele andere Parteien. Wenn man sich mal die Wahlplakate anguckt, ist es viel eindeutiger als vieles was Grüne, SPD oder CDU zu bieten haben. Und keine Partei treibt es mit der Seriosität so weit wie die Partei.

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Apropos Plakate: Deine sind – wie immer bei dir – sehr negativ. Brauchen die Menschen mehr Pessimismus?

Ja, ich bin absoluter Anhänger des Zweckpessimismus'. Man sollte immer vom Schlechteren ausgehen, um dann etwas zu tun. Ich glaube, Optimisten tun nichts, weil sie sagen: "Es wird ja eh nicht so schlimm." Und das ist in einer Krisensituation, wie wir sie in Europa und der ganzen Welt haben, nicht richtig. Ich finde es wirklich wichtig, in der Parteienlandschaft eine Stimme der Verzweiflung zu haben. Ich möchte die Stimme der Verzweiflung sein!

Jetzt auch noch Stimme der Verzweiflung – auf deinen Plakaten bist du ja schon das "Gesicht der Krise". Wie fühlt sich das an?

Gut, ich fühle mich damit verstanden und erkannt.

Zuletzt: Wen wählst du?

Ich kann mich nicht entscheiden. Aber je länger ich meine Kampagne angucke, desto mehr tendiere ich dazu.

Also geht deine Stimme an Die Partei?

Ich werde auf jeden Fall wählen gehen. Beziehungsweise im Bett wählen.

Posted by Nico Semsrott on Mittwoch, 12. Juli 2017


Gerechtigkeit

Diese jungen Leute checken Politiker-Aussagen, damit du es nicht musst

28.08.2017, 08:58

Fakten und Wahrheit? Braucht man nicht, um erfolgreich zu sein. Das wissen wir spätestens seit der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten. Damit in Deutschland nichts Ähnliches passiert, wollen sich einige junge Menschen die Aussagen der deutschen Politiker ganz genau ansehen.

Mit dem Projekt stimmtdas.org recherchieren sie fragwürdige Sätze akribisch nach und zeigen, wer es mit der Wahrheit nicht so genau nimmt.