Gerechtigkeit

Junge Briten über den Brexit: "Es wäre verrückt, alles hinzuschmeißen"

22.05.2016, 10:11 · Aktualisiert: 22.05.2016, 11:52

Was denken junge Leute über das Referendum: Soll ihr Land in der EU bleiben – oder nicht?

Am 23. Juni entscheiden die Briten über die EU-Mitgliedschaft ihres Landes. Wollen sie weiterhin Teil der Europäischen Union sein – oder wollen sie lieber raus?

Aktuellen Umfragen zufolge würden 47 Prozent gegen und 41 Prozent für den EU-Austritt stimmen (Financial Times), zehn Prozent sind noch unentschieden.

Wir wollen wissen: Wie geht es jungen Leuten mit dem bevorstehenden Entscheid? Was bewegt sie, sich für oder gegen die EU-Mitgliedschaft ihres Landes auszusprechen?

Ein in Portugal lebender Schotte, ein Erasmus-Veteran aus London, eine Londonerin mit indischen Wurzeln und ein Heizungsbauer aus Nordengland erzählen uns von ihren Gedanken zum "Brexit".

Snehal, 21

Snehal, 21 (Bild: Sajn Shah)

Gegen den Austritt: Snehal, 21, Studentin aus London

Ich bin mir sehr sicher, dass der Verbleib in der EU der richtige Weg für Großbritannien ist. Durch die Mitgliedschaft haben wir eine viel bessere Position im globalen Handel und günstigen Zugang zu Importgütern. Was die Diskussion rund um Einwanderung betrifft: Die ganzen wirtschaftlichen Argumente gegen Immigration, wie "Die nehmen uns die Jobs weg", halte ich für totalen Scheiß.

Noch mal von vorn: Was hat es mit dem "Brexit" auf sich? Die Fotostrecke:

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Immigranten bekommen kaum Zugang zu unseren Ressourcen, sie werden beschimpft und attackiert, und das, nachdem sie aus Kriegsgebieten geflohen sind. Wir sollten stattdessen unser Steuersystem verbessern, dann könnten wir das auf jeden Fall stemmen. Ich frage mich, ob sich der "Brexit" negativ auf unsere Forschung auswirken würde, denn es gibt viele Kooperationsprojekte mit der EU.

Eine weitere Befürchtung von mir ist, dass die "Brexit"-Debatte Großbritanniens Position in der EU schwächt. Ich habe das Gefühl, man sieht, dass wir nicht kooperativ sind, und am Schluss stehen wir da wie ein ungezogenes Kind, mit dem niemand zusammenarbeiten will.
Daniel, 28, mit seiner Nichte

Daniel, 28, mit seiner Nichte (Bild: Francesca Nicholson)

Für den Austritt: Daniel, 28, Heizungsbauer und Unternehmer aus Darlington

Ich werde auf jeden Fall für den EU-Austritt stimmen. Auf mein persönliches Schicksal hat es zwar wahrscheinlich keine allzu große Auswirkung, aber ich denke, es ist wirklich wichtig für unsere Wirtschaft. Unsere Schulen sind überfüllt, und der National Health Service, also das kostenlose staatliche Gesundheitssystem, hat mit einigen Problemen zu kämpfen.

Die EU-Mitgliedschaft kostet uns 50 Millionen Pfund am Tag, und nur einen Teil davon bekommen wir wieder rein. Es wäre sinnvoller, diesen riesigen Betrag direkt hier zu verwalten und in Großbritanniens Entwicklung zu investieren. Außerdem würden wir bei einem Austritt die Kontrolle über unsere Grenzen zurückerhalten. Ich bin zwar für Einwanderung, aber ich bin auch dafür, die Einwanderungszahlen sinnvoll zu regulieren.
Es ist wichtig, dass wir positiv denken, die EU verlassen und dann mit dem Rest Europas neu verhandeln. So könnten wir eine Beziehung aufbauen, die für beide Seiten bereichernd ist. Ein Argument, das oft von EU-Befürwortern vorgebracht wird, ist, dass Großbritannien als Teil der EU sicherer vor Terror und Krieg ist. Ich halte das für Panikmache.

Schließlich hätten wir auch nach einem Austritt noch immer die NATO als wichtiges Bündnis für die nationale Sicherheit. Ich finde, Großbritannien hat eine tolle Kultur. Ich bin stolz auf mein Land und ich finde die königliche Familie großartig. Ich wünsche mir mehr Förderung unserer Kultur und Stärkung der britischen Identität. Und ich glaube, der EU-Austritt wäre ein wichtiger Schritt dorthin.
Henry, 35

Henry, 35 (Bild: Martha da Paz dos Reis Appelt)

Gegen den Austritt: Henry, 35, Englischlehrer aus Edinburgh

Ich lebe seit vier Jahren in Portugal, dadurch habe ich natürlich mehr Zugang zur europäischen Perspektive auf das Referendum. Meine Meinung deckt sich wahrscheinlich mit der Mehrheit der Europäer: Es gibt viele Probleme in der EU, beispielsweise zu viel Bürokratie und einen gewissen Mangel an Demokratie.

Ich finde aber auch, dass die EU viel Gutes gebracht hat. Die Prinzipien, auf die sie gegründet wurde, sind wichtig und schützenswert. Deshalb klingt es ziemlich verrückt, einfach alles hinzuschmeißen und die EU zu verlassen. In der EU zu bleiben, würde bedeuten, dass man beginnen könnte, die Dinge zu verbessern. Das muss gemeinsam geschehen, und das EU-Parlament muss die Belange aller europäischen Länder einbeziehen.

Vor einem Jahr gab es in Schottland einen Volksentscheid zur Unabhängigkeit – und ich war pro Unabhängigkeit. Manche Medien haben versucht, Parallelen zwischen diesen beiden Standpunkten zu ziehen, und ein paar Leute haben mich angesprochen: "Wie kannst du denn für die schottische Unabhängigkeit, aber gegen die britische Unabhängigkeit sein?"

Für mich sind das aber zwei völlig verschiedene Dinge: Einer der Hauptgründe für die schottische Unabhängigkeit war der Wunsch, Schottland stärker als aktives Mitglied in der europäischen Gemeinschaft einzubringen. Trotzdem finde ich es gut, dass Bürger und Politiker durch das Referendum angehalten sind, sich mit der Rolle Großbritanniens in der EU auseinanderzusetzen. Hoffentlich entsteht dadurch etwas Druck auf das EU-Parlament, Änderungen anzugehen.

Etwas ähnliches passierte nach dem schottischen Votum: Es hat zwar nicht zur Unabhängigkeit gereicht, aber fast 45 Prozent der Stimmen zeigten, dass sich etwas ändern musste, und so hat Großbritannien Schottland wieder mehr Macht zugesprochen.
Fred, 23

Fred, 23 (Bild: Federico Ercoli)

Gegen den Austritt: Fred, 23, Journalist aus London

Ich hatte das Glück, ein Erasmus-Jahr in Dänemark zu verbringen. Seitdem identifiziere ich mich viel stärker mit Europa. Ich habe die EU als theoretisches und praktisches Konzept sehr schätzen gelernt und werde definitiv für den Verbleib stimmen.

Ich denke, wir Briten haben eine kleine Identitätskrise. Das hat kulturelle und geographische Gründe, viele Briten fühlen sich nicht so richtig als Europäer. Zur Zeit sind einige Leute besorgt, dass wir die Kontrolle über unsere Identität verlieren, weil wir nicht besonders viel Einfluss in der EU haben.
Aber ich glaube, falls wir in der EU bleiben und dazu beitragen, wichtige Reformen durchzusetzen, wären viele Briten sowohl stolz auf ihre britische als auch auf ihre europäische Identität. Von den drei Institutionen, die sich die Rechtsetzungsgewalt in der EU teilen, ist nur das EU-Parlament von den Bürgern direkt gewählt. Ich finde, dieses System sollte verändert werden, man könnte beispielsweise die drei Institutionen zu einer einzigen, direkt demokratisch gewählten Einrichtung verschmelzen.

Ein Thema, bei dem einige Briten meiner Meinung nach zu viel Angst haben, ist Immigration. Sie vergessen leicht, dass wir ziemlich viel Kontrolle haben, weil wir nicht zum Festland gehören und nicht dem Schengener Abkommen beigetreten sind. Dabei zeigt die britische Geschichte, dass wir durchaus gut mit Flüchtlingen umgehen können: Im Zuge des Zweiten Weltkrieges haben wir an die Hunderttausend Juden und andere Minderheiten aufgenommen.

Vor Kurzem gab es einen Aufschrei in der britisch-jüdischen Gemeinde, es hieß: "Ihr habt uns damals aufgenommen, lasst auch die syrischen Flüchtlinge rein, da gibt’s keinen Unterschied!" Ich gebe ihnen Recht: Als eines der wohlhabendsten Länder der EU sollte sich England nicht vor der Verantwortung scheuen, sondern ein Vorbild in der Krise werden.


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