16.04.2018, 16:30 · Aktualisiert: 16.04.2018, 15:33

Die islamistische Terrorgruppe Boko Haram ist berüchtigt für eine grausame Praxis: Regelmäßig entführen die Islamisten in Nigeria Minderjährige. Oft bleiben die Schülerinnen und Schüler dann über Jahre verschwunden.

In die Medien schaffen es meist nur Meldungen von jungen Mädchen, die von Boko Haram gekidnappt werden.

  • Im April 2014 wurden etwa 270 Mädchen aus ihrer Schule im Ort Chibok entführt, die internationale Kampagne "Bring Back our Girls" macht jahrelang auf ihr Schicksal aufmerksam.
  • Zuletzt haben die Islamisten im Februar mehr als 100 Mädchen im Ort Dapchi Norden Nigerias entführt (SPIEGEL ONLINE). Die meisten dieser Kinder sind mittlerweile wieder frei.
  • Kaum Beachtung fand hingegen die Entführung von mehr als 300 Schülern, vor allem Jungen, in einer Schule bei Damasak im Jahr 2015. Die nigerianische Regierung versuchte, das Ereignis zu vertuschen. (Huffington Post)

Insgesamt wurden laut Unicef in den vergangenen fünf Jahren mehr als 1000 Kinder entführt. Die Zahlen dürften sich vor allem auf die bekannten Mädchen-Fälle beziehen – und tatsächlich aber noch weit höher sein. Human Rights Watch (HRW) geht von rund 10.000 entführten Jungen allein zwischen 2013 und 2016 aus. "Es gibt fast eine komplette Generation verschwundener Jungs", sagt die HRW-Mitarbeiterin Mausi Segun. (Wall Street Journal)

Was öffentlich also kaum wahrgenommen wird: Boko Haram entführt deutlich mehr Jungen als Mädchen.

Wieso ist das so? Und warum interessiert ihr Schicksal kaum? Wir haben mit dem nigerianischen Terrorismusexperten Adama Ousmanou gesprochen.

Ousmanou unterrichtet an der Marouna-Universität in Kamerun und beschäftigt sich seit Jahren mit Boko Haram. Derzeit forscht er am Leibniz-Zentrum für Modernen Orient. Boko Haram ist für Ousmanou mehr als nur ein Forschungsfeld: Sein bester Freund wurde einst von der Terrorgruppe entführt und umgebracht.

1.

Wie tickt Boko Haram?

Die islamistische Miliz versucht, Gebiete in Nigeria zu erobern, agiert aber auch in Tschad, Niger und Kamerun. Der Name bedeutet so viel wie "Westliche Bildung ist verboten" – die Anhänger wollen einen islamistischen Staat errichten.

In eroberten Gebieten wird die Bevölkerung unterdrückt, es gelten harte Gesetze, die mit dem Islam nichts mehr zu tun haben. "Viele Menschen in Nigeria sind muslimisch, aber Boko Haram pervertiert den Glauben", sagt Ousmanou.

Ab 2009 eroberte Boko Haram in Nigeria mehr und mehr Gebiete, 2013 wurde sie von den USA als Terrorgruppe eingestuft. Mehr als 10.000 Menschen fielen dem Terror von Boko Haram zum Opfer, etwa 1,5 Millionen Menschen sind auf der Flucht. (Council on Foreign Relations)

Al-Jazeera dokumentiert hier Angriffe der Miliz in einer interaktiven Karte.

2.

Warum entführen die Islamisten regelmäßig Minderjährige?

Kinder sind in ländlichen Gegenden eine wichtige Stütze, sagt Ousmanou. Sie werden zum Betteln geschickt, zum Feuerholz sammeln oder zum Wasser holen an entlegene Seen. Sind sie unterwegs, schlägt Boko Haram zu. Jungen werden dabei deutlich häufiger gekidnappt.

  • Laut Ousmanou verfolgt die Miliz zwei Ziele, beide bedeuten Terror: Einerseits braucht sie Kämpfer und Selbstmordattentäter. Andererseits will sie die Bevölkerung spalten.

Fähige Jungen werden zu Kindersoldaten ausgebildet, sagt Ousmanou: "Die Islamisten locken sie mit Versprechungen vom Paradies." Das klappe allerdings nicht immer, daher würden viele Kinder auch gezwungen, sich direkt als Selbstmordattentäterin oder -attentäter in die Luft zu jagen. "Die Islamisten drohen damit, ihre Familien zu töten, wenn sie sich weigern."

Die entführten Jungen würden oft in Frauenkleider gesteckt, damit sie unbemerkt in Dorfzentren gelangen können. Bei den Mädchen werde die Frisur geändert, also typisch geflochtene Zöpfe geändert. Das neue Aussehen spielt in das zweite Ziel der Islamisten hinein, die Verunsicherung. Eine Taktik, um die Gesellschaft zu spalten, sagt Ousmanou:

"Mädchen bekommen das Aussehen eines bestimmten Stammes und werden damit in das Dorf eines anderen Stammes geschickt. Augenzeugen denken dann, es war kein religiöser Selbstmordanschlag – sondern ein Angriff von diesem Stamm. Boko Haram hetzt so Gruppen aufeinander, die jahrzehntelang friedlich nebeneinander lebten."
  • Ein drittes Ziel, das die Miliz verfolgt, vor allem mit der Entführung von Mädchen: Die Islamisten brauchen Sexsklaven für ihre Kämpfer.

Die Mädchen würden als "Belohnung" angeboten, sagt Ousmanou. Im Nordosten von Nigeria sei deshalb mittlerweile ein regelrechter Kondom-Schmuggel entstanden:

In der Sambisa-Region findest du im Umkreis von 100 Kilometern in keinem Dorf mehr Kondome. Warum? Die Bewohner verkaufen alle an Boko Haram.
Adama Ousmanou
3.

Wieso wird das Schicksal entführter Jungen kaum wahrgenommen?

Ousmanou glaubt, dass viele vor allem für die Mädchen noch Hoffnung sehen: Wer nicht als Selbstmordattentäterin sondern als Sexsklavin eingesetzt wird, kann leichter gerettet werden. Die, die hingegen Anschläge verüben – selbst wenn sie gezwungen werden – werden rasch als Feind angesehen.

"Die Menschen sind bei Mädchen viel emotionaler als bei Jungs", sagt Ousmanou, sie haben den Wunsch, sie noch zu retten."

Die Schieflage in der Berichterstattung erlebe er vor allem in westlichen Medien. Kampagnen wie "Bring Back our Girls" würden dort verbreitet, in Nigeria selbst gebe es auch viele "Bring Back our Boys"-Beispiele – sie schaffen es allerdings nicht über lokale Medien hinaus.


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