Gerechtigkeit

Ist biodeutsch nur ein anderes Wort für Arier?

06.06.2017, 18:52 · Aktualisiert: 12.06.2017, 14:17

Was hinter dem neuen Wort steckt

Es gibt ein neues Wort: biodeutsch. Die einen verwenden es, um zu betonen, wer eigentlich nach Deutschland gehört. AfD-Politiker wie der Greifswalder Rechtsprofessor Ralph Weber zum Beispiel. Der forderte von "links-grünen Weltverbesserern" und "Biodeutschen", sich für die "deutsche Leitkultur" einzusetzen.

Dahinter steckt die Vorstellung, nur wer von Deutschen abstamme, könne selbst Deutscher sein. Weil das Gesetz das allerdings anders sieht, müssen die Rechtspopulisten unterscheiden: zwischen Deutschen laut Gesetz und "Biodeutschen". 

Andere verwenden den Begriff biodeutsch, um sich genau über diese vermeintlichen Super-Deutschen lustig zu machen. Oder über sich selbst, wenn sie selbst kartoffelbleich sind und schon die Eltern der Eltern in Deutschland aufgewachsen sind. Sie sagen biodeutsch, sind aber nicht stolz darauf, sondern verwenden den Begriff ironisch.

Was steckt dahinter? Woher kommt der Begriff biodeutsch? Gibt es das überhaupt – oder ist es nur eine Umschreibung, weil man sich nicht traut, "Arier" zu sagen?

Der Grünen-Vorsitzende Cem Özdemir will mit "biodeutsch" Rechtspopulisten verspotten. (Bild: dpa / Soeren Stache)

Die Suche nach den Ursprüngen des "Biodeutschen" führt zuerst in eine ganz andere Richtung. Der Ulmer Kabarettist Muhsin Omurca soll den Begriff in die Welt gesetzt haben. (Böll-Stiftung) Populär wurde er erst durch eine Rede des Grünen-Politikers Cem Özdemir, der ihn scherzhaft für Deutsche ohne Migrationshintergrund verwendete. 

Seine ursprüngliche Verwendung war also keine rassistische. Im Gegenteil: Der Begriff sollte das Privileg der Etikettenlosen sichtbar machen. Wer bisher das Glück hatte, ohne Beinamen wie "mit Migrationshintergrund", "Deutsch-Türke" oder "Wo kommst du eigentlich her" durchs Leben laufen zu können, bekam nun ebenso ein Label verpasst. (taz)

Bleibt trotzdem die Frage: Wer oder was sollen diese "Biodeutschen" eigentlich sein? Ob man den Begriff nun benutzt, um Diskriminierung kenntlich zu machen oder um selbst zu diskriminieren, die meisten sind sich einig: "Biodeutsch" soll das Gegenteil von "Mensch mit Migrationshintergrund" sein. 

Einen Migrationshintergrund haben laut Statistischem Bundesamt "alle nach 1949 auf das heutige Gebiet der Bundesrepublik Deutschland Zugewanderten, sowie alle in Deutschland geborenen Ausländer und alle in Deutschland als Deutsche Geborenen mit zumindest einem nach 1949 zugewanderten oder als Ausländer in Deutschland geborenen Elternteil".

Bei aktuellen Flüchtlingen oder türkischen Arbeitsmigranten mag diese Definition funktionieren. Aber wieso gilt die in Kanada geborene Anke Engelke als "biodeutsch", nicht aber Noah Becker, der in München geborene Sohn von zwei Baden-Württembergern? Was ist mit dem personifizierten Klischeebild einer Biodeutschen Helene Fischer? Die Schlagersängerin ist 1984 in Sibirien geboren. 

Als durch und durch "biodeutsch" müsste hingegen der 1925 in Berlin geborene schwarze Schriftsteller Theodor Michael gelten. Wer sein Buch "Deutsch sein und schwarz dazu" gelesen hat, weiß allerdings, dass er dies Zeit seines Lebens ganz anders erfahren hat.

Reden wir also nicht um den heißen Biobrei drumherum: Wer "biodeutsch" sagt, denkt nicht an Wohnorte und Geburtsregister. Er denkt an helle Haut statt krauses Haar. Die einen, weil sie Diskriminierung kenntlich machen wollen. Die anderen, weil sie Diskriminierung biologisch rechtfertigen wollen. Deutsch ist, wer "weiß" ist.

Wer davon abweicht, muss irgendwann zugewandert sein. Ist da etwas dran? Ist Deutschsein auch eine Frage der Abstammung, der Gene? Und wenn das so sein sollte: Wann haben sie gelebt, diese reinrassigen deutschen Ureinwohner? Gab es einen germanischen Urzustand mit großen blonden Hünen und blauäugigen Mädchen mit Zöpfen?

Zumindest einem Mythos nach gab es den. Wer nach den Ursprüngen der Ethnie "Deutsch" sucht, landet im Teutoburger Wald. Im Jahr 9 nach Christus soll Arminius aka Hermann dort die Römer vernichtend geschlagen haben. Sein Sieg wurde Jahrhunderte später zum Gründungsmythos der Deutschen. Und sein blonde hünenhafte Gestalt durch Bildhauer, Maler, Dichter und Filmemacher bis heute zum Prototyp eines ethnischen Deutschen.

Das Wissenschaftsmagazin "Science" ist dem Mythos nachgegangen: Das ernüchternde Urteil für alle, die dem Glauben an eine deutsche Gen-Gemeinschaft anhängen: Schon in "Herman the German" steckte mehr russischer Hirte und anatolischer Bauer als arischer Herrenmensch.

Ralph Weber zählt zum national-konservativen Flügel der AfD – also die Rechtsaußen der Rechtsaußen-Partei. (Bild: dpa / Daniel Bockwoldt)

Und nicht nur in ihm: Wir alle sind Migranten. Schon ein Blick um wenige tausend Jahre zurück zeigt: Alle Europäer haben Wurzeln in Afrika, dem Nahen Osten oder Anatolien. (Science)

Eine Überfremdung eines "biodeutschen" Volkes, wie es AfD-Politiker Ralph Weber beschwört, kann es allein deshalb schon nicht geben, weil es eine deutsche Ethnie – nennt man sie nun "arische Rasse" oder "Biodeutsche" – nicht gibt. Nicht vor der Flüchtlingskrise. Nicht vor den "Gastarbeitern". Nicht einmal im Teutoburger Wald.

Die abschließende Antwort auf die Existenzfrage aller "Biodeutschen" lautet deshalb: Euch gibt es nicht. Diskriminierung, weil sich Menschen für "biodeutsch" halten, leider schon.

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