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02.06.2016, 13:30 · Aktualisiert: 02.06.2016, 16:58

"Ich verstehe nicht, warum gegen mich ermittelt wird."

Wieder Sachsen, und wieder geht es um das Miteinander zwischen Deutschen und Flüchtlingen. In Arnsdorf, einem Ort nahe Dresden, zerrt eine mutmaßliche Bürgerwehr einen Flüchtling aus einem Supermarkt. Er schimpft, sie schlagen. Später fesseln sie ihn laut Polizeibericht an einen Baum. Ein Video, das den Vorfall zeigt, wird im Netz millionenfach geklickt – und von vielen bejubelt. Der Tenor: Endlich zeigt mal einer Courage gegen die Ausländer.

Der Hintergrund – was in Arnsdorf passierte:

Nun wird darüber diskutiert, was der Vorfall tatsächlich zeigt: Für die einen ist es rechter Aktionismus, eine selbsternannte Bürgerwehr prügelt auf einen hilflosen Flüchtling ein. Für die anderen ist es ein mutiges Eingreifen gegen einen übergriffigen Ausländer.

Die Polizei ermittelt gegen beide Seiten: Dem 21-jährigen Flüchtling aus dem Irak wird Bedrohung vorgeworfen, gegen drei der "Bürgerwehr"-Männer ermittelt die Polizei wegen Freiheitsberaubung. Es handelt sich um drei Männer im Alter von 29, 49 und 54 Jahren, die nach Polizeiangaben "bislang noch nicht polizeilich in Erscheinung getreten sind". (Polizeimeldung)

Einer der vier mutmaßlichen Bürgerwehr-Mitglieder ist der CDU-Mann Detlef Oelsner. Oelsner, 49, ist Mitglied im Arnsdorfer Gemeinderat und bestätigte bento, bei der Aktion dabei gewesen zu sein. "Eine Bürgerwehr hat es aber nie gegeben", sagt er.

"Eine Frau ist zu beschützen"

"Ich verstehe nicht, warum gegen mich ermittelt wird", sagt Oelsner, "Ich habe nur Zivilcourage gezeigt". Der CDU-Mann wohnt in unmittelbarer Nähe des Supermarktes, in dem sich der Vorfall ereignet hatte. Der irakische Flüchtling habe "den ganzen Tag Terror gemacht" und sei bereits zwei Mal von der Polizei abgeholt worden.

Als der Iraker zum dritten Mal im Supermarkt auftauchte, habe Oelsner von einem herauskommenden Kunden gehört, dass er drinnen eine Verkäuferin am Weinregal mit Flaschen bedrohe. Daraufhin sei Oelsner mit Nachbarn zum Supermarkt geeilt. "Eine Frau ist zu beschützen", sagt Oelsner. Und: "Wenn er die Flasche zerbrochen hätte, dann hätte er eine Waffe gehabt."

Im Video – was im Supermarkt passierte:

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Was Oelsner schildert, ist von der Polizei bislang nicht bestätigt. Es habe keinen Diebstahl gegeben und der Mann habe niemanden verletzt oder etwas beschädigt, heißt es in einer ersten Polizeimeldung zum Vorfall. Allerdings habe der Flüchtling eine Verkäuferin mit einer Flasche bedroht. (Polizeimeldung) Der Grund: Der Iraker fühlte sich laut der "Sächsischen Zeitung" missverstanden, weil ihm niemand bei einem Problem mit einer gekauften Handykarte helfen konnte.

Die Vorgeschichte ist auf dem im Netz kursierenden Video allerdings nicht zu sehen. Auch Oelsner kennt sie nur vom Hörensagen. Was man im Video sieht: Der Flüchtling hält die Flaschen hinter seinem Rücken, bedroht niemanden. Die Männer um Oelsner stürmen herbei und gehen auf den Flüchtling los, ohne Fragen zu stellen und sich ein Bild zu machen. Einer hebt direkt die geballte Faust. Als sich der Flüchtling gegen die Festnahme wehren will, schlagen mehrere Männer auf ihn ein.

Aus Sicht Oelsners sei der Eingriff dennoch rechtens gewesen und habe deeskalierend gewirkt: Man habe dem Flüchtling rasch die Flaschen abgenommen und ihn nach draußen bringen wollen. Erst als er sich "massiv gewehrt hat", habe man ihn mit Kabelbindern gefesselt. Oelsner hat nach eigenen Angaben sofort die Polizei gerufen. Erst nachdem der Flüchtling sich weiter gewehrt habe, sei er auch am Baum gefesselt worden. Später habe ihm auch die Polizei Handschellen angelegt, sagt Oelsner.

"Ich bin kein Pegida-Mensch"

Über den Vorfall wird heftig debattiert – auch in Arnsdorf. Bürgermeisterin Martina Angermann (SPD) zeigt sich bestürzt, dass Sachsen nur durch "solche Themen" bekannt werde. In Arnsdorf gibt es keine Asylunterkunft und auch von einer Bürgerwehr wusste Angermann bislang nichts. Mit Ausländern habe man vor Ort keine Probleme.

In den letzten Monaten tauchen in Deutschland vielerorts selbsternannte Bürgerwehren auf, die in Nachbarschaftsvierteln patrouillieren. Vor allem in Nordrhein-Westfalen sind viele Bürgerwehren aktiv (bento). Viele haben gute Kontakte in die rechte Szene. Die Polizei sieht Bürgerwehren kritisch. "Es kann nicht angehen, dass Uniformierte auf die Straße gehen und meinen, die Polizei ersetzen zu können", sagt Polizeisprecher Marco Ueberbach.

Der Vorfall im Supermarkt passierte bereits am 21. Mai. Zwei Tage später sei er laut Angermann in einer Gemeinderatssitzung diskutiert worden. Eine Kollegin habe dabei auch den CDU-Mann Oelsner für seine Beteiligung in der mutmaßlichen Bürgerwehr kritisiert. "Sie war der Meinung, Oelsner hat überreagiert", sagt Angermann. "Er selbst hat sich voll im Recht gesehen."

So bewerben nationalistische Seiten das Video

So bewerben nationalistische Seiten das Video (Bild: Facebook/Screenshot: bento)

"Ich bin weder AfD- noch Nazi- oder Pegida-Mensch", sagt Oelsner. Auch die Existenz einer Bürgerwehr in Arnsdorf streitet er ab. Der CDU-Mann will, dass seine Tat als Zivilcourage verstanden wird und nicht als rechter Aktivismus eingestuft wird. Auch die Vorwürfe, zu hart vorgegangen zu sein, bestreitet Oelsner: "Wir wissen, wie wir mit psychisch Kranken umgehen müssen." In Arnsdorf wachse schließlich jeder mit den Patienten des Fachkrankenhauses auf.

Das Krankenhaus bestätigte bento, dass der irakische Flüchtling bereits "öfter stationär in Behandlung" gewesen sei. Ein Dauerpatient sei er jedoch nicht.

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