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Gerechtigkeit

Syrische Hipster-WG in Altena: "Deutsch lernen und dann weg"

20.03.2016, 17:07 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:29

Seit einem halben Jahr leben sieben junge Syrer zusammen in einer Flüchtlings-WG in Altena. Sie fühlen sich in der Kleinstadt willkommen, aber nicht zu Hause.

bento in Altena

Die Kleinstadt Altena in Nordrhein-Westfalen hat mehr Flüchtlinge aufgenommen als vorgeschrieben – und freut sich auf noch mehr. bento-Redakteurin Sara Maria Manzo berichtet einen Tag aus der sauerländischen Provinz. Hier sind alle Beiträge

Sie wollen von mir wissen, was ich so mache, wenn ich nicht arbeite. Ich reise gern, war in Asien, fliege demnächst nach New York. Als ich das erzähle, werden Mohamads Augen groß, und ich fühle mich schäbig. Einen Augenblick lang hatte ich vergessen, dass ich mit jungen Flüchtlingen spreche, die vor kurzem eine lebensgefährliche Wanderung hinter sich gebracht haben. Das passiert bei Mohamad und seinen sechs Mitbewohnern aber auch leicht.

Anas in seiner WG: Hipster wie wir

Anas in seiner WG: Hipster wie wir

Denn die jungen Syrer, alle Anfang bis Mitte Zwanzig, sehen aus wie typische Großstadtbewohner. Sie lachen viel, rauchen, machen ständig Selfies, lieben Musik und Theater. Sie sind nicht so, wie Flüchtlinge nach Ansicht vieler Menschen sein müssen: arm, ausgezerrt, verstört. Wenn in Deutschland plötzlich Krieg ausbrechen würde, dann sähe ich als Flüchtling wahrscheinlich genauso aus, denke ich.

Seit rund einem halben Jahr leben Mohamad und seine Freunde in Altena, in einer Dreizimmerwohnung gleich neben der Feuerwehrwache. Seit kurzem wohnt auch Mohamads Freundin Sahar in der WG, die bislang in einem Nachbarort untergebracht war. Zusammen warten sie seit Monaten darauf, dass die Behörden ihre Asylanträge genehmigen.

Keiner sagt ihnen, wie lange es noch dauern wird. Ohne Dokumente dürfen sie nichts: Nicht arbeiten, keine eigene Wohnung beziehen, keine Zukunft aufbauen. Bloß die Hilfsjobs annehmen, für die sie vom Amt einen Euro die Stunde bekommen. Oder die abgewetzten Tapeten mit Zeichnungen verschönern, wie es Sahar macht. Sie hat in Damaskus Kunst studiert, bis Assads Regime und der Krieg sie in die Flucht trieben.

Fotostrecke: Besuch in der Hipster-WG

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Anas, 22 Jahre, landete zuerst im Flüchtlingscamp in Halberstadt in Sachsen-Anhalt, bevor er nach Altena kam. Die Menschen dort seien furchtbar, sagt er: "In Magdeburg haben sie mir auf der Straße 'Fuck you' ins Gesicht geschrien. Kannst du dir das vorstellen? Fuck you? Was habe ich getan?"

In Altena haben sie Kontakt zu netten Deutschen. Ein Ehepaar aus dem Nachbarort betreut die WG. Sie sind nett zu ihnen, haben ihren alten Fernseher in die WG gestellt, eine Playstation organisiert, laden sie zum Essen zu sich nach Hause ein. Einmal im Monat spielen sie ein kleines Konzert im internationalen Café. Ein beschauliches Flüchtlingsleben. Für die Syrer aus der Metropole Damaskus ist das gewöhnungsbedürftig. Sie fühlen sich willkommen, aber nicht zu Hause.

Sie träumen davon zu studieren, Fotograf zu werden, am Theater zu arbeiten. Ihre Ziele gleichen denen vieler junger Menschen – aber als Flüchtlinge haben sie es nun besonders schwer.

"Hier Deutsch lernen, dann weg“, sagt Mohamad. Zweimal in der Woche bekommen sie für ein paar Stunden Unterricht von Lehrern in Rente. "Zu wenig", meint Mohamad. Er versucht, mit YouTube Deutsch zu lernen. In anderen Städten bekämen Flüchtlinge mehr Unterricht, haben sie gehört. Das Angebot an Sprach- und Förderkursen ist in Deutschland von Kommune zu Kommune unterschiedlich geregelt.

Die Bewohner der Altena-WG sind wie hunderttausende andere Flüchtlinge über die Balkanroute gekommen. In drei Wochen über die Türkei nach Mazedonien, Serbien und Ungarn bis nach Deutschland. Sie sind enge Freunde geworden auf diesem beschwerlichen und gefährlichen Weg. In Altena warten sie nun darauf, dass sie endlich mit ihrer Zukunft anfangen können.

bento in Altena: