Bild: Janka Burtzlaff

Gerechtigkeit

Ich bin weiß, mein Sohn ist schwarz. Manchmal habe ich Angst um ihn.

16.10.2015, 10:31 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:21

Bevor mein Sohn zur Welt kam, habe ich mich nicht mit meiner Hautfarbe beschäftigt. Genauso wenig habe ich mich um die Haut von anderen Menschen gekümmert. In meiner Welt waren einfach alle gleich. Und das in einem sehr positiven Sinn. Es gab in dieser heilen Welt nämlich vor allem gleiche Rechte für alle. Doch nun weiß ich, dass das eine Illusion war.

Denn die Geburt von meinem Sohn hat mein Leben stärker verändert als erwartet. Darauf haben mich auch nicht all die Tipps vorbereitet, die ich vor der Geburt bekommen habe:

"Leg dich hin, wenn dein Kind schläft!"

"Besorg dir eine Milchpumpe, damit du ihn auch mal länger abgeben kannst!"

"Lass es sein, mit dem Abpumpen, das hemmt die Milchproduktion!"

"Holzspielzeug ist für Babys besser als Plastikspielzeug!"

"Nein, es ist genau umgekehrt!"

"Manche wollen auch wissen, ob dein Sohn Afrikanisch spricht."
-

Vor der Geburt sagte niemand:

"Hey, wenn du mit deinem Sohn auf dem Weg zum Kindergarten bist, kann es passieren, dass ihm fremde Menschen in die Haare greifen!"

"Und übrigens wirst du sicher auch häufig gefragt, woher dein Sohn genau kommt!"

"Manche wollen auch wissen, ob Dein Sohn Afrikanisch spricht."

(Bild: Janka Burtzlaff)

Mein Sohn wurde in der 28. Schwangerschaftswoche per Kaiserschnitt geboren und direkt auf die Intensivstation gebracht. Als mich die Krankenschwester vor fünf Jahren zu ihm brachte, sagte sie: "Der ist aber doch recht hell." Zu diesem Zeitpunkt hatte ich selbst mein Kind noch nicht gesehen.

Mein Sohn wurde schon oft von fremden Menschen angefasst.
-


In den nächsten Wochen und Monaten häuften sich diese Bemerkungen. Irgendwann war es nicht mehr möglich, sie zu ignorieren.

Man wunderte sich über die Hautfarbe meines Sohnes. Und dann plötzlich auch über die Farbe meiner Haut. Über seine blauen Augen, die sich nach und nach braun färbten. Und über seinen glatten Babyflaum, der sich in den zwei Jahren nach der Geburt zu hellbraunen Locken kräuselte. Über seine offensichtlich fehlenden Afrikanisch-Kenntnisse. Über seine gute Aussprache, selbst so schwierige deutsche Begriffe wie Gabel, Gießkanne oder Teddybär konnte er.

Mein Sohn wurde schon oft von fremden Menschen angefasst. Sie bezeichneten seine Haare als drahtig, wollig, verglichen sie mit Schaffell oder Schweineborsten. Eine Zeit lang wollte er das Haus nur noch mit Spielzeugfeuerwehrhelm auf dem Kopf verlassen. So sehr schämte er sich für seine Locken. Einmal sagte er zu einem Mann: “Fass mich nicht an, du Arsch!" Er wusste sich nicht mehr anders zu helfen.

Kürzlich war ich mit meinem Sohn auf dem Weg vom Kindergarten nach Hause. Wir standen am Bahnhof und warteten auf den Zug. Es war 18.30 Uhr, Feierabendverkehr. Die Bahn war voll, und wir bekammen keinen Sitzplatz. Er hielt sich an der Stange fest und sang die Titelmusik von Feuerwehrmann Sam: “Ganz egal, was auch passiert, er bleibt ruhig und konzentriert. nee naa, nee naa”.

(Bild: Janka Burtzlaff)

Mit dem Rücken zu uns saß ein Mann, mit hellbraunen Haaren, Brille und karierter Jacke, etwa vierzig Jahre alt, ein unauffälliger Typ. Eine Frau mit langen blonden Haaren lehnte sich bei ihm an. Die beiden schauten immer wieder über die Schulter zu mir und meinem Sohn. Irgendwann fingen sie an, etwas zu flüstern. Ich schnappte Wortfetzen wie "Flüchtling" und "Hilfe" auf.



Der Mann drehte sich um.



"Das finde ich ja klasse, dass die deutschen Studentinnen sich jetzt der armen Flüchtlingskinder annehmen", sagte er laut. "Schrecklich, was mit denen ist. Wir standen ja auch am Hauptbahnhof, als die alle ankamen. Sehr mutig von Ihnen, den so mitzunehmen. Ich hoffe, Sie haben sich ausreichend Gedanken über Krankheiten gemacht. Impfen ist wichtig. Malaria, Hepatitis, Aids und so. Sie verstehen?"


Auch auf bento: Nichts als Trauer, Liebe und Drogen - unser Autor musste 523 Songs von Nachwuchs-Rappern hören.

Ich wusste nicht, was ich darauf antworten soll. Totale Schockstarre. Währenddessen zerrte mein Sohn mich am Arm:



"Darf ich gleich noch ein Eis, Mama? Bitte. Ich möchte so so gern das Eis, von dem man eine blaue Zunge kriegt." Er streckte die Zunge raus, und seine Augen glänzten vor Freude.



Bevor ich ihm antworten konnte, meldete sich wieder der Mann zu Wort. "Das klappt aber schon fein mit dem Deutsch," sagte er aufmunternd und zwinkerte meinem Sohn verschwörerisch zu, er starrte nur irritiert zurück. Dass er mich gerade Mama genannt hatte, hatte der Herr in seiner Euphorie wohl nicht gehört. "Woher kommst du denn, mein Kleiner?" Nun wendete er sich an seine Freundin: "Der ist doch sicher aus diesem Land in Afrika, so braun wie der ist. Das, wo es diese Terrorgruppe gibt, oder? Man hört ja so einiges. Fürchterlich. Möchtest du einen Bonbon? Verstehst du mich? B-O-N-B-O-N!" Mein Sohn versteckte sich hinter meinem Rücken und schüttelte schüchtern den Kopf.



"Nächster Halt: Kellinghusenstraße", tönte es aus den Lautsprechern. Gott sei Dank. Ich nahm meinen Sohn an der Hand.

"Mama, du bist Schweini, und ich bin Deutschland!"
-


Als wir ausstiegen, schaute uns der Mann nach und winkte freundlich. Wahrscheinlich war er jetzt richtig stolz auf sich. Er hatte es sicher gut gemeint.

Auf dem Bahnsteig hüpfte mein Sohn auf und ab und sang fröhlich die Feuerwehrmann-Sam-Musik. Wir kauften uns das Eis, das die Zunge so schön blau macht. In solchen Momenten fühle ich mich hilflos. In solchen Momenten denke ich daran, was mein Sohn immer sagt, wenn er mit mir Fußball spielen möchte: "Mama, du bist Schweini, und ich bin Deutschland!"

Schwarze können doch alle Singen und Tanzen, oder?
-

Als weißer Mensch in Deutschland habe ich die Möglichkeit, Rassismus auszublenden. Ihn zu ignorieren.

"Rassismus? Gibt es hier nicht! Ich bin doch kein Nazi!"

Das habe ich auch gedacht. Ich war fest davon überzeugt, Rassismus wäre ein Problem der rechten Szene. Und mit der haben die "normalen" deutschen Bürger nichts zu tun. Ich glaubte daran, dass die Hautfarbe im alltäglichen Leben für keinen Menschen eine Rolle spielt.

Als weißer Mensch kann ich in der U-Bahn fahren, ohne dass mir in die Haare gefasst wird. Ich kann einkaufen gehen, ohne dass ich an der Kasse Komplimente oder entsetzte Blicke für mein vermeintlich gutes Deutsch ernte. Ich werde nicht gefragt, wo ich genau herkomme oder aus welchem Grund ich hier bin. Ich werde nicht gebeten, etwas vor zu singen. Schwarze können doch schließlich alle Singen und Tanzen, oder?

Ich habe Angst um mein Kind. Und ich möchte davon erzählen, dass Rassismus nicht nur ein Problem der rechten Szene ist. Damit die Welt irgendwann wirklich so heil ist, wie ich es mir vor der Geburt von meinem Sohn vorgestellt habe.

Hast du ähnliche Erfahrungen gemacht?

Was Sarah von ihrem Sohn erzählt, kommt dir bekannt vor? Wenn du magst, erzähle uns von deinen Erfahrungen: feedback@bento.de

In einem emotionalen Video sagen syrische Flüchtlinge: Danke, Deutschland!