Bild: Julia Wadhawan

Gerechtigkeit

In Indien formt sich eine neue Frauenbewegung

10.08.2017, 15:38 · Aktualisiert: 13.08.2017, 17:45

Für Manjari ist Freiheit eine Zeitspanne. Sie dauert 12,5 Stunden, von sieben Uhr morgens bis halb acht am Abend. In dieser Zeit sind die Käfigtüren offen, abends schließen sie. Manjari ist eine Gefangene auf Freigang. Dabei hat sie nie eine Straftat begangen.

Ihr einziges Vergehen, wenn man so will, ist, eine Frau zu sein.

Manjari ist 21, in Indiens Haupstadt Neu-Delhi studiert sie Wirtschaft im sechsten Semerster. Sie kommt aus Lacknau, einer Dreimillionenstadt 530 Kilometer südwestlich. Ihre schlanken Beine stecken in schwarzen Shorts, sie blickt schüchtern aus kohleschwarzen Augen. Wie die meisten zugezogenen Studentinnen lebt sie in einem Wohnheim für Frauen. Und darf abends eigentlich nicht mehr auf die Straße.

Ihr Zimmer misst drei Mal vier Meter, drei Betten, drei Tische – sie teilt es sich mit zwei anderen. Gemischte Unterkünfte gibt es nicht. Die Regeln sind überall ähnlich: Wenn es dunkel wird, müssen die Frauen zurück sein.

Bei Manjari heißt das halb acht. Am Empfang trägt sie ihr Kommen und Gehen in eine Liste ein. Will sie länger fortbleiben, müssen ihre Eltern die Wohnheimleitung anrufen und die Ausnahme begründen. Wer gegen die Regeln verstößt, fliegt raus.

Angeblich sollen die Regeln dazu da sein, die jungen Frauen zu schützen – vor Vergewaltigern. Im Namen der Sicherheit, sagt Manjari, sperre man sie ein.

Am Samstag erst zeigte eine junge Frau in der indischen Stadt Chandigarh zwei Männer wegen versuchter Entführung an. Sie hatten sie nachts auf dem Nachhauseweg mit dem Auto verfolgt, immer wieder den Weg abgeschnitten und versucht ihre Fahrertür zu öffnen. Die Beschuldigten sind Söhne von Politikern der regierenden Partei BJP. (Times of India)

Statt die Täter zu rügen, stellte ein führender Politiker daraufhin das Verhalten der Frau in Frage:

Warum war sie nach Mitternacht noch draußen?

Der Vorfall erzürnt Inderinnen im ganzen Land. Unter dem Hashtag #AintNoCinderella machen sie sich über die partriarchale Haltung vieler lustig und posten Bilder davon, wie sie nach Mitternacht noch draußen sind.

Das sind die witzigsten Tweets zu #AintNoCinderella:

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Doch hinter den Memes steckt ein erstes Problem. Eltern, Politiker, Männer und Frauen im ganzen Land sagen: Indiens Straßen sind nichts für Frauen. Besonders nicht abends, ganz bestimmt nicht nachts. Vor allem Neu-Delhi gilt als gefährlich, auch weil im Dezember 2012 eine junge Frau brutal vergewaltigt und so schwer verletzt wurde, dass sie zwei Wochen später starb. Um das Opfer zu schützen, nannten Medien sie "Nirbhaya" – die Furchtlose.

Ihr Tod machte Frauen aller Klassen und Kasten wütender denn je, zum ersten Mal gingen sie gemeinsam auf die Straßen. Aber auch die Angst vor Übergriffen ist seitdem gewachsen. "Nirbhaya" wurde zum Symbol für einen neuen Freiheitskampf indischer Frauen – und zugleich zur Rechtfertigung für ihre Unterdrückung. Wer seine Töchter und Frauen schützen will, behält sie im Haus.

Junge Inderinnen rebellieren dagegen. Zu Protesten rufen under anderem die Sozialwissenschaftlerinnen Shilpa Phadke, Shilpa Ranade und Sameera Khan aufrufen. Sie nennen es Abhängen – zu Englisch: Loitering.

Die Idee: Wenn mehr Frauen auf den Straßen sind, auch abends, dann werden die Straßen automatisch sicherer.

In ihrem Buch "Why Loiter?" schreiben sie, Abhängen habe das Potenzial, "eine radikal andere Stadt zu erschaffen, nicht nur für Frauen, sondern für jedermann". Aus einem Ort der Gefahren würde ein Ort voller Möglichkeiten.

Auch Manjari und andere Studentinnen schlagen von innen gegen die Gitterstäbe, die sie unfrei machen. Wie die Bewegung ihren Namen bekam, kann niemand mehr sagen. Bekannt ist er aber über die Grenzen der Unis und Neu-Delhis hinaus: Pinjra Tod. Zwei Wörter, Hindi, sie bedeuten: Sprengt die Käfige.

Auf dem Campus der Jamia Millia Islamia Universität (JMI) stehen zwei Frauenwohnheime. Zweimal im Monat hatten ihre Bewohnerinnen bis vor zwei Jahren abends länger Ausgang. Sie mussten dafür einen Antrag stellen, ihn begründen und von einem Vormund unterschreiben lassen. Im August 2015 strich die Wohnheimleitung diese Möglichkeit. Warum, ist bis heute unklar.

Es gab schon vorher Proteste, aber die Willkür dieser Entscheidung entfachte eine kollektive Wut. Auf ihre Protestschilder schrieben die Studentinnen:

Sogar Cinderella hatte bis Mitternacht Ausgang.

So fordern sie bis heute die Abschaffung von Regeln, die nur für Frauen gelten. Sie wollen bezahlbare Unterkünfte für Studentinnen jeder Klasse und Kaste. Die preisgünstigsten Zimmer für Frauen sind immer noch teurer als die für Männer. Das Versprechen von Sicherheit lassen sich die Wohnheimbesitzer teuer bezahlen.

Schuld seien die Frauen, die kurze Röcke tragen.

Am Weltfrauentag nahm die Familienministerin Maneka Gandhi Stellung - und schürte die Wut. Junge Menschen, sagte sie, müssten vor ihren eigenen "hormonellen Ausbrüchen" geschützt werden. Angegriffen sahen sich vor allem junge Frauen, deren moralische Integrität jedes Mal infrage gestellt wird, wenn sie abends vor die Tür treten.

Als in der Silvesternacht in der IT-Metropole Bangalore Horden von Männern Frauen begrapschten, schoben einige Politiker die Schuld nicht auf die Täter, sondern auf die westliche Moral, auf Frauen, die abends ausgehen, trinken und kurze Röcke tragen.

Manjaris Zimmer

Manjaris Zimmer (Bild: Julia Wadhawan)

Bei ihren Protesten geraten die Studentinnen immer wieder mit Mitgliedern hindu-nationalistischer Studentenbewegungen aneinander. Das moderne Frauenbild fordert deren patriarchalisches Weltbild heraus. Für viele ist Sicherheit nicht mehr als ein Vorwand für die Sicherung der bestehenden Ordnung. Die Universitäten, heißt es auf der Facebook-Seite von Pinjra Tod, werden dadurch zur Zwischeninstanz patriarchalischer Kontrolle einer Frau, bevor sie vom Vater auf den Ehemann übergeht.

Manjari hatte mal einen Freund, vier Jahre lang, in ihrer Heimatstadt, heimlich. Sex, sagt sie, kann man auch tagsüber haben. Momentan hat sie jedoch weder Zeit noch Interesse. Sie fühlt sich von Sperrstunden vor allem an ihrer Bildung und Persönlichkeitsentwicklung gehindert.

Hätte Manjari keine Ausgangssperre, würde sie mehr Abende bei ihrer Professorin verbringen, die bei sich zu Hause Diskussions- und Arbeitsrunden veranstaltet. Sie würde sich in Cafés mit anderen Studenten treffen und diskutieren: über Politik, Philosophie, Gesellschaft. Sie steht jeden Morgen um fünf Uhr auf, um für ihre Abschluss- und Aufnahmeprüfungen zu lernen. Sie will einen Master machen, später will sie im öffentlichen Dienst arbeiten, wie ihr Vater.

Auf ihrer Schranktür in ihrem Zimmer hat sie in Viererreihen Polaroids geklebt: von sich und Freundinnen, von Tempeln, von Blumen in Pink.

In der Mitte ein Bild von Meredith Grey und McDreamy aus der TV-Serie "Grey's Anatomy". Auf einer Pinnwand hängt zwischen glitzernden Ohrringen und Ketten eine Liste mit historischen Stätten sowie Dingen, die sie in Delhi noch sehen oder erleben will: "Total betrunken sein" ist noch offen. "High" ist durchgestrichen.

Wenn sie und ihre Mitbewohnerinnen keine Lust auf das fade Wohnheimessen haben, binden sie ein Seil an den Henkel eines Eimers und lassen sich vom Lieferjungen Hähnchencurry in ihren selbst gebastelten Flaschenzug legen.

Der Wohnheimbesitzer Ankush Gupta, ein kleiner Mann mit großen Prinzipien, sagt: "Wer nach 19.30 Uhr draußen sein will, muss das angemessen begründen. Feiern und Shoppen akzeptiere ich nicht als Grund. Lernen ist okay, aber auch das muss erklärt werden."

Warum?

Die Straßen sind nicht sicher.

Wie ein Mantra verinnerlichen Frauen das von klein auf. Wenn sich Manjaris Freundin Ishani bei Dunkelheit noch in der Öffentlichkeit bewegt, trägt sie ein grünes Teppichmesser in ihrer Handtasche. Bevor sie losgeht, lernt sie ihren Weg auswendig, es soll kein Zweifel in ihrem Gang sichtbar sein. Die 20-Jährige steigt abends niemals allein in eine Rikscha oder ein Taxi.

Ihre Kleidung passt sie dem Stadtteil an, in dem sie sich bewegt: Lange Hosen und Kurtas – weite Baumwollkleider – für Old Delhi, den alten Teil der Stadt mit den Basaren und Tempeln, in dem die Stoffhändler und Tagelöhner wohnen. Kleider und Röcke, knöchellang bis oberschenkelkurz, dazu dunkelroter Lippenstift für Süd-Delhi, wo die schickere Mittelschicht bei Starbucks Frappé Latte trinkt.

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Ishani und Manjari teilten sich mal ein Zimmer. Nach zwei Jahren zog die Politikstudentin mit der rebellischen Aura aus, in ihrem neuen Wohnheim gelten die gleichen Regeln, sie werden aber nicht so streng durchgehalten. Sie sagt: "Es ist heuchlerisch zu sagen: Wenn Frauen vergewaltigt werden, sollten sie einfach nicht mehr rausgehen. Das ist, als würde man sagen: Um Armut zu bekämpfen, bringen wir alle Armen um."

Als Ishani einmal nach einem Kinobesuch zu spät kam, ließ Gupta sie eine halbe Stunde vor der verschlossenen Tür stehen, obwohl ihre Eltern den Wohnheimbesitzer angerufen und sich für sie entschuldigt hatten: Es war halb elf, die enge Gasse menschenleer und dunkel. "Das war traumatisch", sagt sie.

Die To-Do-List von Manjari auf ihrem Schrank

Die To-Do-List von Manjari auf ihrem Schrank (Bild: Julia Wadhawan)

Es gibt viele solcher Geschichten aus anderen Wohnheimen und anderen Städten.

Betrunkene Köche, die nachts in das Zimmer der Mädchen eindringen und ihnen die Bettdecke wegziehen. Männer im Gebäude gegenüber, die sich beim Anblick der Mädchen befriedigen. Die Besitzer der Wohnheime beschwichtigen die Mädchen, Polizei sei nicht nötig. Das schade dem Ruf der Häuser, für die Sicherheit zum Geschäft geworden ist. Aber sicher fühlen sich nur die Eltern, denen die Töchter nichts erzählen – weil sie nicht ihre Freiheit riskieren wollen, in Delhi zu studieren.

Pinjra Tod und die Loitering-Bewegung haben viele junge Frauen in Indiens Metropolen wachgerüttelt. Über Hashtags wie #WhyLoiter oder #IWillGoOut vernetzen sie sich, während sie abends die Straßen ihrer Städte ablaufen oder an Teeständen abhängen. Sie wollen zeigen: Wir sind Teil des öffentlichen Lebens. Diese Straßen gehören auch uns.

Es ist halb acht. Manjari und Ishani treffen sich mit zwei Freundinnen, Anusha und Gayatri, und Manjaris Mitbewohnerin Shreya ein paar Kilometer weiter im Viertel Vijay Nagar. Am Rande eines Teestands, zwischen hupenden Autos und Mopeds, hocken junge Männer aufgereiht vor den runtergelassenen Rollläden der Geschäfte. Über ihren Köpfen leuchtet ein Wirrbild aus Ladenschildern. Die jungen Frauen kaufen sich klebrigen Milchtee und rauchen Marlboro Lights. Die Männer starren herüber.

Im vorigen Oktober übernachteten die Frauen an dieser Kreuzung, mehr als 50 waren es, Pinjra Tod hatte zu einem Nachtmarsch aufgerufen.

Studentinnen verschiedener Unis hatten Ausgang beantragt - die Rebellinnen wollten keinen Ärger bekommen. Trommelnd, rufend und singend rüttelten sie an den Zäunen der Wohnheime.

Am Ende rollten sie Teppiche vor dem Teestand aus und blieben die ganze Nacht. Sie wollten allen zeigen, auch sich selbst: Wenn wir zusammen sind, dann kann uns nichts passieren.

"Kontrollsysteme arbeiten immer mit Angst", sagt die bekannte Frauenaktivistin und Direktorin des Centre for Social Research, Ranjana Kumari. So komme es, dass viele Frauen sich dieser Ordnung fügen.

"Sie haben nicht die mentale Stärke, um auf die Straßen zu gehen, weil wir ihnen nicht beibringen, Gefahren zu erkennen und ihnen zu begegnen."
Ranjana Kumari

Als Manjari nach Delhi zog, schienen ihr die Sperrstunden vollkommen logisch. "Ich durfte auch zu Hause abends nur in Begleitung eines männlichen Verwandten raus." Und ihre Mitbewohnerin Shreya, eine Politikstudentin mit asymmetrischem Kurzhaarschnitt, sagt: "Die größte Herausforderung für mich ist, überhaupt rauszugehen. Ich muss mir immer wieder sagen: Es ist sicher, los jetzt!"

Für die Autorinnen von "Why Loiter?" ist Abhängen deshalb ein fundamentales, feministisches Recht, das vor allem stadtplanerisch umgesetzt werden müsse: durch guten öffentlichen Nahverkehr, den Zugang zu sauberen Toiletten zu jeder Tageszeit, durch Straßenbeleuchtung. Und durch eine Polizei, die Opfer von sexueller Gewalt nicht beschuldigt, sondern ihnen beisteht.

"Es muss normal werden, dass Frauen auf den Straßen sind", sagt Anusha und nimmt noch einen Zug von ihrer Zigarette. "Ich brauche keinen Grund dafür, hier herumzustehen, außer: Ich habe Lust darauf", sagt Shreya.

Nach einer Stunde blickt Manjari zum dritten Mal auf die Uhr. Es ist kurz vor neun.

"Wir sollten jetzt wirklich gehen", sagt sie. Zu weit will auch sie die Regeln nicht dehnen.

Mit einer Rikscha verschwinden Manjari und Shreya im Verkehr. Ishani und die anderen schlendern zum Imbiss ein paar Meter weiter und kaufen sich gedämpfte Teigtaschen, gefüllt mit Gemüse und Hühnchen. Sie werden noch eine Weile abhängen, gegen zehn Uhr werden sie nach Hause laufen. Durch die Straßen. Sie gehören jetzt auch ihnen, zumindest ein bisschen.


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