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Gerechtigkeit

Warum diese jungen Männer in der AfD sind

07.03.2017, 11:54 · Aktualisiert: 07.03.2017, 13:27

Thorben, Andreas und Max-Eric aus Baden-Württemberg erzählen

Warum wir mit der AfD sprechen

Die AfD duldet Rechtsextreme in der Partei und schürt Hass auf Medien und Politiker. Wir haben dazu eine klare Meinung. Aber es gibt eben AfD-Wähler und Menschen, die sich in der Partei engagieren. Weil wir verstehen wollen, was sie zur AfD treibt, sprechen wir mit ihnen – und nicht nur über sie. Zum Beispiel in diesem Interview mit einem AfD-Abgeordneten. Oder hier in diesem Beitrag.

Thorben Schwarz ist seit vergangenem Jahr Mitglied in der AfD. Er wohnt in Baden-Württemberg, trägt eine gepunktete Fliege und passendes Einstecktuch. Wenn er über seine Schule spricht, das Alfred-Amann-Gymnasium in der Nähe von Heilbronn, sagt er Dinge wie: "Früher, als das noch keine ideologisch geprägte Anstalt war, standen dort keine Sofas rum." Thorben Schwarz ist 18 Jahre alt.

Er hat sich zusammen mit zwei anderen jungen AfD-Mitgliedern dazu bereiterklärt, mit bento über seine Motivation zu sprechen, der rechtspopulistischen Partei beizutreten.

Wir treffen uns in einem Brauhaus im Herzen Stuttgarts, direkt am Schlossplatz. Außer Thorben sind noch zwei seiner Mitstreiter da. Max-Eric Thiel, 28 Jahre alt, Mechatroniker aus Schorndorf. Und Andreas Schumacher, 26 Jahre alt, studiert in Freiburg Germanistik und Politikwissenschaften auf Lehramt. Alle drei engagieren sich in der Jungen Alternative (JA), der Jugendorganisation der AfD.

Der AfD wird häufig nachgesagt, sie sei vor allem eine Partei der abgehängten, alten Männer, Wohnsitz oft Ostdeutschland. Thorben, Max-Eric und Andreas wirken erst mal wie das Gegenteil. Sie sind jung, sie kommen aus Baden-Württemberg, sie haben Arbeit oder machen Abitur.

Im Wirtshaus hat Mechatroniker Max-Eric eine halbe Schweinshaxe bestellt, Thorben sitzt vor schwäbischen Maultaschen und Student Andreas beim Weizenbier.

So unterschiedlich die drei wirken, in einem sind sie sich einig: Mit der Situation in Deutschland sind sie überhaupt nicht zufrieden.

Oberstufenschüler Thorben

Oberstufenschüler Thorben (Bild: Sascha Maier)


Warum seid ihr in die AfD eingetreten?

Die EU hat zu viel Macht.

Max-Eric ist am längsten dabei, er war schon AfD-Mitglied, als Bernd Lucke die Partei führte, bevor dieser von Frauke Petry gestürzt wurde. Er sagt: "Mir hat es gestunken, dass immer mehr Kompetenzen an die EU gegangen sind. Ich bin für Volksentscheide nach Schweizer Vorbild."

Die Liberalen haben enttäuscht.

Thorben war vor allem von den Jungen Liberalen enttäuscht, wo er zuvor Mitglied gewesen ist. "Gesellschaftspolitisch ist meine Position konservativ, was das Marktgeschehen angeht, bin ich regelrecht libertär", sagt der Schüler. Bei den JuLis sei das häufig genau anders herum gewesen.

Unzufriedenheit mit der grün-roten Bildungspolitik in Baden-Württemberg

Andreas schloss sich der AfD an, nachdem die grün-rote Bildungspolitik in Baden-Württemberg mehr sexuelle Aufklärung und mehr Akzeptanz für sexuelle Minderheiten im Schulunterricht forderte. Das war nicht Andreas’ Welt. Er besuchte die "Demos für alle" in Stuttgart, wo gegen diesen Bildungsplan protestiert wurde – und wo die AfD ganz vorne mitmarschierte. "Dort habe ich Markus Frohnmaier getroffen", sagt Andreas und es schwingt Bewunderung in seiner Stimme mit. Frohnmaier ist Bundesvorsitzender der Jungen Alternative und soll laut "Badischer Zeitung" Kontakte zur rechtsextremen Hooligan-Gruppe German Defense League unterhalten haben.

Mechatroniker Max-Eric

Mechatroniker Max-Eric (Bild: Sascha Maier)

Was haltet ihr von Rechtsextremisten?

Andreas: "Überhaupt nichts, schließlich wurde ich katholisch erzogen. Aber manchmal kann ich die Aufregung nicht verstehen, dass jede Position, die nicht Mainstream ist, in diese Ecke gerückt wird. An der Rede von Björn Höcke kann ich inhaltlich nichts Problematisches erkennen."

Björn Höcke hielt Mitte Januar eine Rede in Dresden, die die Partei eindeutig in die rechtsextreme Ecke rückte. Darin hatte er nicht nur das Holocaust-Mahnmal in Berlin als "Denkmal der Schande" bezeichnet, sondern sich auch ein Umdenken in der deutschen Geschichte gewünscht. Mehr dazu liest du hier.

Max-Eric: "Leute wie Höcke würde ich aus der Partei am liebsten ausgeschlossen sehen, sie schaden uns nur. Das hält aber andere nicht davon ab, uns als ,Nazis‘ zu bezeichnen, was wirklich weh tut.“

Thorben: "Ich grenze mich klar von allem ab, was irgendwie im Dunstkreis der NPD ist. Von Nazis halte ich genauso wenig wie von Marxisten."

Lehramtsstudent Andreas

Lehramtsstudent Andreas (Bild: Sascha Maier)

Wie geht es euch mit eurem Partei-Engagement im Alltag?

Andreas: "Als ich mit einem Kommilitonen an meiner Uni in Freiburg gemeinsam ein Referat halten sollte, stellte er mich vor dem ganzen Hörsaal an den Pranger und erklärte, dass er sich weigere, weil ich in der AfD bin. Damals bin ich über sowas noch schockiert gewesen. Heute habe ich mich an die Sprüche und schiefen Blicke gewöhnt."

Max-Eric: "Seit ich zu meiner Parteimitgliedschaft stehe, gehören Anfeindungen zum Alltag – aber das verbindet uns auch. Man muss schon was einstecken können. Linksautonome haben mir mal ,Fuck Nazi‘ an die Hauswand gesprüht, tätlich angegriffen wurde ich auch schon."

Thorben: "Wenn wir auch sicher nicht der Mehrheitsmeinung angehören, wie sie heute in der Gymnasial-Oberstufe oder an Universitäten üblich sind, erlebe ich zumindest an der Schule keine Ausgrenzung, wenn auch die eine oder andere zwischenmenschliche Beziehung zu Bruch ging."

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Habt ihr sowas wie ein Lebensmotto?

Thorben: "Die Preußischen Tugenden, die im 18. Jahrhundert von König Friedrich Wilhelm I., propagiert wurden."

Thorben kennt sie alle vierzig auswendig, unter anderem: "Ordnungsliebe, Fleiß, Disziplin, Anstand, Manieren." Friedrich Wilhelm I. verstand sich selbst als absolutistischen Herrscher.

Andreas: "Meine Werte hat vor allem meine Familie geprägt. Ich bin in einem unpolitischen, aber sehr christlichen Elternhaus aufgewachsen. Für mich war es etwas ganz Besonderes, in diesem behüteten Schoß aufzuwachsen und meine Jugend war dadurch besonders schön."

Womöglich hat er sich darum auch den Kampfbegriff "Gender-Mainstreaming" zueigen gemacht, ein vor allem von Gegnern der LGBTQ-Bewegung verwendetes Wort, die mehr Rechte von sexuellen Minderheiten beschneiden wollen.


Was sagt ihr zu LGBTQ-Themen?

Andreas: "Ich habe zwar nichts gegen gleichgeschlechtliche Partnerschaften. Die Ehe will ich Schwulen und Lesben aber nicht zugestehen.“

Andreas hat Angst, dass das klassische Familienbild – Vater, Mutter, Kinder – gesellschaftlich untergraben wird.

"Ich will nicht, dass die natürliche Ordnung von Mann und Frau durch 64 staatlich akzeptierte Geschlechtsidentitäten aufgelöst wird.“

Thorben: "Auch ich habe nichts gegen Lesben und Schwule. Viel schlimmer finde ich Kindsmord – politisch korrekt: Abtreibungen – die aus genau der gleichen Ecke befürwortet werden.“

Was macht ihr in eurer Freizeit?

Andreas: "Ich wandere gerne im Schwarzwald und bin da immer mit dem Rucksack unterwegs. Aber feiern kann ich auch: auf Feten von Studentenverbindungen. Da geht’s noch zünftig zu!"

Und offenbar auch züchtig. Mit etwas Wehmut erzählt Andreas, dass er keine Freundin habe. In der Partei sei es auch nicht leicht, eine zu finden.

"In der JA gibt es etwa einen Frauenanteil von zwölf Prozent. Da ist es ausnahmsweise bei den Jungen Grünen besser."

Max-Eric: "Ich höre gerne Rock’n’Roll aus den Fünfzigern, habe früher selbst Bass gespielt und fahre Motorrad. Sonst treffe ich mich viel mit Freunden, von denen die meisten, ja, politisch eher links sind. Die wissen trotzdem, dass ich ein anständiger Kerl bin. Im Winter gehe ich mit ihnen in Schorndorf in die Kneipe, im Sommer wird gegrillt."

Thorben: "Ich bin mit dem Abitur, Parteiaktivitäten und dem Verfassen von Artikeln für die politische Monatsschrift 'eigentümlich frei' so stark eingespannt, dass kaum Zeit für etwas anderes ist."

Politikwissenschaftler rechnen "eigentümlich frei" der Neuen Rechten zu.

Welche politischen Vorbilder habt ihr?

Thorben: "Kuschelkurse kann ich überhaupt nicht ab. Donald Trump zum Beispiel finde ich super. Der US-Präsident findet die richtigen Worte auch zum Thema Islam."

Max-Eric: "Und auch mit den Medien versteht er umzugehen! Ich habe zwar nicht geglaubt, dass er die Wahl gewinnt, aber es immer gehofft."

Andreas: "Donald Trump ist imponierend. Aber auch die Wertkonservativen in Europa machen einen guten Job: Marie Le Pen oder Geert Wilders."

Am Ende des Gesprächs macht sich Begeisterung bei Thorben, Max-Eric und Andreas breit. Die erfolgreichen Rechtspopulisten geben ihnen Hoffnung, dass auch bald schon in Deutschland ein neuer Wind wehen könnte. Beziehungsweise: ein alter. Alle träumen von der jungen Bundesrepublik der Fünfzigerjahre, ohne diese je miterlebt zu haben.

Thorben rückt seine Fliege zurecht. Ihm scheint der Gedanke zu missfallen, jetzt zum Bahnhof zu müssen. "Da sieht man immer mehr Leute mit Jogginghosen“, sagt er. "Ich verstehe nicht, wie man so aus dem Haus gehen kann."


Gerechtigkeit

Europäischer Gerichtshof: EU muss keine humanitären Visa ausstellen

07.03.2017, 10:58

Warum das Urteil wichtig ist.

Für Flüchtlinge bleibt es weiterhin lebensgefährlich, nach Europa zu gelangen. Denn sie haben auch weiterhin kein Anrecht auf sogenannte "humanitäre Visa". Das hat der Europäische Gerichtshof (EuGH) jetzt in einem Urteil entschieden (hier findest du den Urteilstext).

Konkret heißt es im Urteil, EU-Staaten müssen sich nicht verpflichten in ihren Auslandsbotschaften Visa für Flüchtlinge auszustellen. Es stehe den Mitgliedstaaten frei, ihre Einreisevisa nach nationalem Recht zu vergeben, entschied der Gerichtshof in Luxemburg.