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Gerechtigkeit

Wie Ägyptens Comicszene gegen die Diktatur kämpft

24.01.2016, 14:01 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:26

Mit der Revolution befreite sich in Ägypten 2011 die junge Comicszene. Heute ringt sie wieder mit der Diktatur.

Wenn Ahmed Abaza Glück hat, dann ist der Blitze schleudernde Pharao sein Durchbruch. Vielleicht auch der monströse Steingolem, der in Kairo randaliert, als sei er der Hulk. Oder es wird der Junge, der Wüstensand manipulieren kann – und in Ägypten einen unerschöpflichen Spielplatz für seine Kräfte gefunden hat. Alle drei sind Charaktere von Ahmeds eigenem Anime "Maschru’a Batal", oder "Project: Hero", das sich mit dem Schicksal von Superhelden in der ägyptischen Hauptstadt Kairo beschäftigt.

"Maschru’a Batal" ist der erste animierte Comic Ägyptens, die Machart erinnert an japanische Anime, Charaktere und Setting hingegen wirken wie eine orientalische Version der "X-Men". Ahmed, 34, geht derzeit bei arabischen Fernsehsendern hausieren. Er hofft, die Zeichentrickserie zum Ramadan nächsten Jahres ins Fernsehen zu bringen – und so seinen Traum vom ersten ägyptischen Anime Wirklichkeit werden zu lassen.

Erst die Revolution, dann die Comics

Am 25. Januar 2011 (#jan25) begann in Ägypten die Revolution, die den Langzeitherrscher Husni Mubarak entthronte und das Land auf den Kopf stellte. Erst herrschte ein Militärrat, dann eine Regierung der Muslimbrüder, seit Sommer 2013 ist Ägypten wieder eine Militärdiktatur wie einst unter Mubarak.

Trotz oder gerade wegen der Turbulenzen hat sich seither die Comic-Szene im Land wie aus dem Nichts entwickelt. Viele junge Ägypter hoffen auf einen Durchbruch als Zeichner. Fast alle spielen in ihren Arbeiten mit Kultur und Stereotypen der ägyptischen Gesellschaft – und experimentieren wild mit westlichen und fernöstlichen Einflüssen. Auf den arabischen Raum, insgesamt noch Comic-Neuland, wirkt das wie eine Frischzellenkur.

Die Zeichner spielen mit Kultur und Stereotypen der ägyptischen Gesellschaft

Allein in Kairo haben sich seit 2011 mehrere Magazine und Serien gegründet. Da gibt es "Schakmagija", "Schmucktruhe", ein Heft, das sich mit Belästigung und Frauenrechten auseinandersetzt. Das "Tuk-Tuk Magazin", benannt nach den Taxi-Motorrädern der Stadt, sammelt Comic-Strips vom Alltag auf Kairos Straßen. Und "Fut alaina bukra", in etwa: "Komm morgen noch mal", schaut ins Ägypten der Zukunft – und hat sich so zum Publikumsliebling entwickelt.

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Im Geheimdienst arbeiten sprechende Esel

Die Geschichte spielt in der "Neuen Republik Ägypten" im Jahr 3014 und erzählt die Abenteuer eines jungen Geheimdienstlers. Kairos Stadtautobahnen sind mittlerweile gläserne Luftstraßen, doch der Verkehr stockt wie eh und je. In den Behörden reichen zwar Hilfsroboter den Tee, doch hinter den Schreibtischen sitzen weiterhin korrupte Beamte. Dem Agenten – so viel Satire muss sein –wird gleich im ersten Band ein sprechender Esel als neuer Partner zur Seite gestellt.

Entwickelt wurde die Serie von Zeichner Sherif Adel, der sich 2011 selbstständig machte. Vor einem Jahr veröffentlichte er die erste Ausgabe, mittlerweile ist Nummer 5 auf dem Markt. Er bezeichnet "Fut alaina bukra" als Antwort auf die Frage, wohin sich Ägypten entwickeln wird. Egal, wie viel Zeit vergehe: "Unsere Art, Dinge chaotisch, töricht und halbherzig anzugehen, bleibt bestehen."

Working on a digital painting poster of the characters from #فوت_علينا_بكرة to be sold at my table at CairoComix Festival

Posted by ‎Pass by Tomorrow - فوت علينا بكرة‎ on Sonntag, 27. September 2015


Das Spiel mit der Zukunft ist auch beim Anime-Schöpfer Ahmed Thema. Kairo, diese ewig dreckige Stadt aus Staub und Zement, sieht in seiner Zeichentrickserie wie ein glitzerndes Metropolis aus. Allein in den engen Gassen abseits der Leuchtreklamen lebt der Schmutz.

Große Verlage finden Comics noch kindisch

Neben seiner Serie arbeitet der Zeichner auch an eigenen Comics, meist rau gezeichnete Dystopien. Gemeinsam mit Freunden veröffentlicht er die Geschichten im von ihm gegründeten "Combo Mag". "Hier in Ägypten geht alle Anstrengung vom Künstler aus", sagt Abaza. Große Verlage würden die Comicszene immer noch als kindisch oder im besten Fall zu subversiv ansehen. Fast alle Künstler und Autoren, die seit 2011 im Land ihre Ideen auf den Markt bringen, hätten daher eigenen Verlage gegründet. Seine eigene Produktionsschmiede hat er "Deadline Studio“ getauft, die Anime-Serie bewirbt er mittlerweile in den Golfstaaten, weil die hiesigen Fernsehsender zu zögerlich seien.

​Was passierte in Ägypten seit dem Arabischen Frühling?

Als Anfang 2011 der Langzeitherrscher Husni Mubarak gestürzt wurde, waren die Menschen euphorisch. In der ersten freien Wahl des Landes kürten sie 2012 den Muslimbruder Mohammed Mursi zum neuen Präsidenten. Dieser verteilte Posten jedoch vor allem an Unterstützer der Bruderschaft – das Volk fürchtete eine schleichende Islamisierung. Im Sommer 2013 gingen wieder Tausende auf die Straße, angeführt von einer aus der Armee finanzierten Protestgruppe. Der General Abdel Fattah al-Sisi stürzte schließlich Mursi und ließ sich 2014 selbst zum Präsidenten wählen. Ägypten, über Jahrzehnte ein vom Militär unterdrückter Staat, wurde nach nur zwei Jahren wieder genau das: ein vom Militär unterdrückter Staat.

Wie herrscht Sisi seitdem?

Zum Machterhalt geht Sisi mit aller Härte vor, Justiz und Polizei arbeiten Hand in Hand. Rund 41.000 Menschen wurden laut Menschenrechtsaktivisten allein bis Mitte 2014 inhaftiert. Seither gibt es keine verlässlichen Zahlen mehr. Mehr als 1000 Menschen kamen bei Niederschlagungen von Protesten gegen Sisi um, die Muslimbrüder werden im Land als Terroristen geächtet. Hunderte wurden in eiligen Willkürprozessen zum Tode verurteilt. Ein Antidemonstrationsgesetz verbietet seit Ende 2014 jeden Protest.

Seit Sisi im Sommer vergangenen Jahres bei Bundeskanzlerin Angela Merkel und später beim britischen Premier David Cameron zur Audienz durfte, hat er die Zügel daheim noch einmal drastisch angezogen. Ein Antiterrorgesetz bestraft Journalisten, die abweichend von der Staatsmeinung berichten. Viele studentische Protestgruppen von 2011 wurden als staatsfeindlich eingestuft. Kinder und Jugendliche verschwinden spurlos (Bericht der "Arab Organisation for Human Rights in UK" als PDF); Studenten, Oppositionspolitiker und Journalisten werden gefoltert und umgebracht (Daily News Egypt). Selbst für das Posten einer Sisi-Karikatur mit Mickey-Maus-Ohren folgen langjährige Haftstrafen (Deutschlandradio).

Neben seinem Filmprojekt und seinem Comic-Magazin leitet Ahmed Ägyptens bislang einzigen Comic-Buchladen "Kryptonite". Als er das Geschäft Ende 2010 eröffnen wollte, hatten ihn die Behörden mehrere Monate hingehalten. Dann trat im Februar 2011 Mubarak zurück, zwei Wochen später durfte Ahmed loslegen. Mittlerweile hat er einen begeisterten Kundenstamm und eine zweite "Kryptonite"-Filiale. Die Läden liegen in den beiden angesagtesten Einkaufspassagen Kairos.

Kritik am Polizeistaat ist nicht erlaubt

"Ägypter sind verrückt nach Batman und Ironman", sagt Abaza. "Es muss glitzern und funkeln, Helden müssen hier immer irgendwelche Gadgets haben." Immer wenn der Zoll eine Ladung freigebe, würde die LKW-Fuhre schon von begeisterten Fans bis zum Laden begleitet. Studenten seien genauso darunter wie Geschäftsmänner, sagt Ahmed.

Die einheimischen Magazine, vom eigenen "Combo Mag" bis zu "Fut alaina bukra", seien jedoch noch Nischenprodukte. Viele Publikationen scheitern auch am Argwohn des Lesers. Das in Europa viel gefeierte Graphic Novel "Metro" von Magdy al-Shafee zum Beispiel blieb daheim ein Ladenhüter, bevor es schließlich ganz verboten wurde. Im Buch geht es um Korruption und Willkür. "Zu ernst und zu ehrlich", urteilt Ahmed – die Leser konnten sich mit der realistischen Darstellung des ägyptischen Polizeistaat nicht identifizieren. "Kritik kann hier nur in Form von Witzen oder um drei Ecken herum funktionieren", sagt Ahmed.

In Ägypten fehlt es an guten Helden

Wie schwer es ist, das umzusetzen, spürt Ahmed bei seinem eigenen Anime über die Heldengruppe. Es gibt keine eindeutig guten und bösen Charaktere in der Serie, stattdessen Figuren, die immer wieder überlegen müssen, wie sie ihre Kräfte zum Guten einsetzen können. Grob eingeteilt gebe es die Selbstlosen, "so vom Typ Captain America", sagt Ahmed, und dann jene, die Gewalt mit noch mehr Gewalt bekämpfen wollen. Schließlich gebe es eine dritte Gruppe, die ihre Kräfte allein zur Selbstbereicherung einsetzen, die Raffgierigen.

Im Ägypten unter der Herrschaft des ehemaligen Armeegenerals Abdel Fattah al-Sisi gibt es derzeit viele Charaktere, die sich in Abazas Anime wiederfinden könnten. Doch die wenigsten davon ähneln einem Captain America.

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