31.07.2018, 19:00 · Aktualisiert: 01.08.2018, 12:50

Für Ärztelisten und gegen Kriminalisierung

Im Juni 1971 veröffentlichte das Wochenmagazin "Stern" eine bis heute berühmte Titelgeschichte zum Thema Abtreibung: Eine Fotocollage von dreißig Frauen, darüber ein gelbes Banner auf dem in dicken Lettern der Satz "Wir haben abgetrieben!" prangte. Im zugehörigen Text behaupteten insgesamt 374 Frauen – unter ihnen Senta Berger, Romy Schneider und Alice Schwarzer – ihre Schwangerschaft abgebrochen und damit gegen geltendes Recht verstoßen zu haben.

Die Aktion war mutig: Abtreibungen waren damals illegal, wer sich trotzdem dazu entschloss, dem drohten – jedenfalls laut Gesetz – bis zu fünf Jahre Gefängnis.

Die Stern-Geschichte war der Auslöser einer neuen Frauenbewegung, die fünf Jahre später dazu führte, dass Schwangerschaftsabbrüche in Deutschland unter bestimmten Voraussetzungen bis zur zwölften Woche straffrei möglich sind.

Heute, fast ein halbes Jahrhundert später, streitet Deutschland noch immer über das Thema Abtreibung. Aktuell wird über den Paragraph 219a sehr emotional diskutiert. Dieser regelt, dass Ärztinnen und Ärzte nicht für Schwangerschaftsabbrüche werben dürfen. "Werben" bedeutet in diesem Fall: Sogar ein Hinweis, dass in einer Praxis Schwangerschaftsabbrüche durchgeführt werden, ist verboten.

Dieses Verbot muss weg.

Und noch wichtiger: Abtreibungen müssen in Deutschland endlich legal sein. Der deutsche Staat darf Frauen nicht für die Entscheidung über ihren eigenen Körper kriminalisieren.

Wie sind Abtreibungen in Deutschland gesetzlich geregelt?

  • Laut Paragraph 218 des Strafgesetzbuches ist ein Schwangerschaftsabbruch grundsätzlich strafbar.
  • Im Zusatzartikel 218a heißt es jedoch, dass ein Schwangerschaftsabbruch bis zur zwölften Woche unter bestimmten Voraussetzungen straffrei ist.
  • Die Abtreibung muss von einem Arzt durchgeführt werden und spätestens in der zwölften Schwangerschaftswoche stattfinden. Außerdem muss sich die Schwangere mindestens drei Tage zuvor bei einer staatlichen Stelle beraten lassen haben. 
  • Nach der zwölften Schwangerschaftswoche darf nur abgetrieben werden, wenn das Leben, die Gesundheit oder die Psyche der Schwangeren bedroht sind (Strafgesetzbuch). Liegt ein solcher Sonderfall vor, ist eine Abtreibung bis zur 22. Schwangerschaftswoche möglich. 

Warum traut man Frauen nicht zu, sich selbst zu informieren?

Entzündet hat sich die Debatte um Paragraph 219a Ende 2017, als die Ärztin Kristina Hänel vom Amtsgericht Gießen zu einer Geldstrafe verurteilt wurde, weil sie auf ihrer Webseite angegeben hat, dass sie Abtreibungen durchführt (bento).

Wie Frauen an die Kontaktdaten der Ärztinnen und Ärzte kommen, die in ihren Praxen Schwangerschaftsabbrüche durchführen, ist bundesweit nicht einheitlich geregelt.

Eine Beraterin von pro Familia schildert im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung, wie das Verfahren in Bayern aussieht: Den Frauen wird eine Liste mit den zuständigen Ärztinnen lediglich vom Gesundheitsamt oder von ihrer Krankenkasse gezeigt. Die Kontakte, die die Gesundheitsämter vorlegen, dürften die Betroffenen aber weder abfotografieren noch scannen – sondern sich lediglich drei der Namen und Telefonnummern notieren. Oft seien die Listen veraltet und es gäbe keine Möglichkeit für die Frauen, über einen anderen Weg an die Kontakte zu kommen.

In anderen Bundesländern werden den Frauen nach der Schwangerenkonfliktberatung Listen mit den zuständigen Ärztinnen und Ärzten ausgehändigt.

Nur in Hamburg und neuerdings auch in Berlin gibt es Listen mit Kontakten, die online abgerufen werden können (bento).

Jetzt kein Kind

Es gibt Momente im Leben, in denen wünschen wir uns ein Baby. Und es gibt Momente, da passt das nicht. Was passiert dann?

In Deutschland können Frauen unter bestimmten Voraussetzungen abtreiben. Was dabei passiert, wie das geregelt ist und warum dieses Recht nicht selbstverständlich ist, darum geht es in dieser Reihe. Schreib uns hier, wenn du eine Frage hast, die in unseren Beiträgen unbeantwortet bleibt.

Warum muss man Frauen, die eine Schwangerschaft beenden wollen, häppchenweise Informationen geben? Warum traut man ihnen nicht zu, dass sie mit dieser Situation verantwortungsbewusst umgehen?

Paragraph 219a erschwert Frauen den Zugang zu für sie notwendige Informationen. Dabei soll die Informationsfreiheit jedem Bürger das Recht geben, "sich aus allgemein zugänglichen Quellen ohne staatliche Beschränkung zu unterrichten." So definiert es die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb). Informationsfreiheit ist ein Grundrecht – das auch gelten muss, wenn es um Schwangerschaftsabbrüche geht.

Die Ärztin Kristina Hänel kämpft seit ihrer Verurteilung für die Abschaffung des Paragraphen 219a, sie hat eine entsprechende Petition mit 150.000 Unterschriften im Bundestag eingereicht. Ob das Gesetz gestrichen wird, ist noch unklar, die Union und die AfD sind dagegen.

Die Bundesärztekammer setzt sich nun für einen Kompromiss ein: Sie will eine bundesweite Liste mit den Kontakten von allen Ärztinnen und Ärzten erstellen, die Abtreibungen vornehmen.

Eine solche Liste ist längst überfällig.

Sie wäre eine große Verbesserung – und trotzdem nur die zweitbeste Lösung. Denn mit einer solchen bundesweiten Liste würde der Paragraph 219a geschickt umgangen werden. Weil es nicht die Ärzte selbst sind, die informieren, sondern die Bundesärztekammer oder die Bundesländer.

Besser wäre es, das Werbeverbot selbst zu kippen.

Damit wäre es Ärztinnen und Ärzten möglich, darauf hinzuweisen, dass sie Abtreibungen in ihren Praxen durchführen. Und jede Patientin könnte sich direkt an sie wenden.

Es muss für Frauen möglich sein, sich selbstständig darüber zu informieren, wo Schwangerschaftsabbrüche durchgeführt werden.

Damit sie frühzeitig über Risiken oder mögliche Komplikationen aufgeklärt werden können. Damit sie wissen, wo die nächste Praxis ist, die Abbrüche durchführt und sich direkt dorthin wenden können.

Eine Recherche der TAZ hat nämlich gezeigt, dass Frauen, die sich für eine Abtreibung entscheiden, dafür in einigen Fällen stundenlang durch die Republik fahren müssen. So schlecht ist die Versorgung in Deutschland. Und das, obwohl das Schwangerschaftskonfliktgesetz die Bundesländer dazu verpflichtet, ein ausreichendes Angebot an Ärzten sicherzustellen.

Weniger Informationen werden nicht zu weniger Abtreibungen führen. Das ist ein Trugschluss.

Darum muss 219a abgeschafft werden.

Doch das alleine reicht nicht.

Die Gesetzeslage in Deutschland enthält Frauen nicht nur Informationen vor – sie erklärt Abtreibungen nach wie vor auch grundsätzlich für rechtswidrig. Eine Schwangerschaft darf nur unter bestimmten Voraussetzungen straffrei beendet werden. Welches Zeichen dadurch gesetzt werden soll, ist klar: Eine Mahnung an diejenigen, die sich für einen Abbruch entscheiden.

So sieht eine Fruchtblase in der siebten Schwangerschaftswoche aus. Das Foto entstand nach einem Schwangerschaftsabbruch.

So sieht eine Fruchtblase in der siebten Schwangerschaftswoche aus. Das Foto entstand nach einem Schwangerschaftsabbruch. (Bild: dpa / Verena Deutschmeyer/Kristina Hel)

Keine Frau treibt leichtfertig ab. Keine Frau lässt sich aus einer Laune heraus die Gebärmutter ausschaben. Oder mit einem Röhrchen den Embryo absaugen. Oder nimmt Medikamente ein, die dazu führen, dass der Embryo ausgestoßen wird.

Andere Länder machen vor, wie es besser geht: Beispielsweise in Frankreich, Österreich oder Großbritannien sind Schwangerschaftsabbrüche legal, wenn bestimmte Bedingungen erfüllt werden (Berliner Morgenpost). Warum ist dies nicht auch in Deutschland endlich möglich?

Der Wunsch einer Frau nach Beendigung der Schwangerschaft muss respektiert werden.

Seit Jahrzehnten wird nun über Abtreibungen diskutiert. Es ist an der Zeit, Regelungen zu schaffen, die eine legale Abtreibung möglich machen. Und es Ärzten erlauben, über ihre Arbeit zu informieren.


Haha

Dieser Account zeigt, wie superindividuell Bilder auf Instagram sind

31.07.2018, 18:39

Instagram ist schon lange mehr, als nur eine App zur Fotobearbeitung: Schwangerschaften werden angekündigt, Reisen dokumentiert, Restaurantbesuche und Rezepte mit der Welt geteilt. Eigentlich ist Instagram für viele Nutzer eher sowas wie ein Tagebuch