Bild: Pixabay; Montage: bento

Gerechtigkeit

Was Piloten über ihre Abschiebeflüge verraten

06.12.2017, 10:43 · Aktualisiert: 06.12.2017, 13:58

Bianca hatte immer gedacht, wenn einer abgeschoben wird, dann muss das ein Krimineller sein. "Halt jemand, der es verdient", sagt die 20-Jährige. Doch dann kamen: Menschen.

Bianca ist Flugbegleiterin bei der Lufthansa und muss als solche auch bei sogenannten Abschiebeflügen dabei sein. Das sind Flüge, bei denen Deutschland ausreisepflichtige Flüchtlinge in ihre Heimat zurückfliegt – entweder werden ganze Flugmaschinen gechartert oder einzelne Flüchtlinge in ganz normale Ferienflieger gesetzt.

Bei Biancas erster Abschiebung war es ein normaler Flug, erinnert sie sich heute: "Ich weiß nicht mehr, in welches Land, aber es ging nach Osten." Eine junge Mutter, vielleicht Anfang 30, sollte ausgeflogen werden. Sie hatte ein Baby dabei und zwei Kleinkinder. Alle wurden in der hintersten Reihe platziert.

Abschiebeflüge sind für Flugbegleiterinnen wie Bianca und für Piloten längst Alltag. Sie müssen lernen, damit zu leben – offiziell darüber reden dürfen sie nicht.

Bianca heißt daher anders. Für diesen Artikel haben wir ihren Namen und die Namen der Piloten, mit denen wir über Abschiebeflüge reden, geändert. Zum Schutz einzelner wurde bei einigen auch das Geschlecht geändert.

Die Mutter, die Bianca auf ihrem ersten Abschiebeflug begleitete, sei den ganzen Flug über ruhig geblieben, sagt Bianca. "Sie war wirklich nett." Andere Passagiere hätten nichts gemerkt, die Kinder hätten auch nicht geschrien.

Doch als die Landung kurz bevor stand, fing sie plötzlich an zu weinen.
Flugbegleiterin Bianca

Die Mutter habe laut geschluchzt, das Baby habe sich über sie erbrochen, ein anderes Kind nässte sich ein. "Es saß dann so im Nassen und schaute einfach nur gerade aus, während die Mutter weiter weinte", sagt Bianca.

Und das ist das Bild, das seither bleibe: Während die Mutter weinte, schauten die Kinder einfach nur teilnahmslos ins Leere. In dem Augenblick zeigte sich die ganze Härte eines Abschiebefluges. "Sie saßen da wie Puppen", sagt Bianca.

So laufen die Abschiebungen ab:

1/12

Bis Ende September haben die Bundesländer insgesamt 18.153 Personen abgeschoben, knapp 2000 weniger als im gleichen Zeitraum 2016 (FAZ ). Die meisten werden ausgeflogen. Das heißt: Wöchentlich sitzen Flüchtlinge in Fliegern nach Marokko und Tunesien, nach Serbien oder Albanien.

Auch wenn der Bund die Abschiebungen durchsetzt – Piloten und ihre Crew-Mitglieder haben die Chance, ihnen zu widersprechen.

Zwischen Januar und Ende September sind bundesweit so 222 Abschiebungen verhindert worden. Das geht aus einer Anfrage der Linken-Fraktion an die Bundesregierung hervor.

  • Wirklich viel ist das nicht: Am Flughafen Düsseldorf waren bis Ende September 3785 Abschiebungen geplant, zwei davon scheiterten.

"Die Entscheidung, einen Passagier nicht zu befördern, trifft letztlich der Pilot und ist eine Einzelfallentscheidung", sagt Lufthansa-Sprecher Michael Lamberty der WAZ. "Wenn er den Eindruck hat, dass die Flugsicherheit beeinträchtigt werden könnte, muss er den Transport eines Passagiers ablehnen." Soll heißen: Die Piloten haben das letzte Wort – nicht der Polizist, der den Flüchtling begleitet.

Besonders oft käme das aber nicht vor, sagt Michaela. "Die Entscheidung fiel ja schon im Gericht", sagt sie. Die 30-Jährige ist seit sechs Jahren Pilotin bei der Lufthansa. Ihre Flüge gehen nach Nordafrika, den Nahen Osten und in verschiedene europäische Länder.

"Ich versuche also eher, den Flüchtlingen den Flug so angenehm wie möglich zu gestalten." Immerhin handele es sich um ganz normale Gäste:

Wenn ich es nicht mache, nimmt sie ein anderer mit.
Pilotin Michaela

Alle zwei bis drei Wochen sei jemand an Bord, der abgeschoben werde – etwa bei jedem 50. Flug.

Als Pilot erfährt man kurz vor dem Flug von dem Flüchtling. In das Cockpit komme dann eine Notiz, auf der entweder DEPA oder DEPU steht – die Abkürzungen stehen für "Deportee accompanied" und "Deportee unaccompanied", Abzuschiebender, begleitet oder unbegleitet.

Flüchtlinge beim Boarding einer Sammelmaschine.

Flüchtlinge beim Boarding einer Sammelmaschine. (Bild: dpa/Patrick Seeger)

Bei begleiteten Flüchtlingen reist ein Bundespolizist mit, der Reisepass wird von der Bordcrew abgenommen und in einer Klarsichthülle gelagert. Erst nach der Landung bekommt der Flüchtling das Dokument wieder. Die Flüchtlinge kommen als erstes an Bord und verlassen die Maschine nach der Landung als letztes.

Platziert werden sie in der letzten Reihe – Touristen bekommen meist gar nicht mit, dass ihr Ferienflieger gleichzeitig ein Abschiebeflug ist.

Als Pilotin kann Michaela entscheiden, ob sie die Flüchtlinge mitnimmt. Wer "reiseunwillig" sei, kann im Flieger randalieren – dann könne sie ihr Veto einlegen. Michaela überlässt es meist dem Team: "Die Flugbegleiter haben schließlich viel mehr mit denen zu tun", so die Pilotin.

Grundsätzlich müssen Piloten aber Flüchtlinge mitnehmen, sagt auch die Pilotenvereinigung Cockpit. Jeder der ein Ticket hat, muss mitgenommen werden, "hier stellen Menschen, die abgeschoben werden, keine Ausnahme dar", sagt ein Sprecher zu bento.

Auch Thomas nimmt regelmäßig Flüchtlinge mit. Er ist Mitte 20 und fliegt für eine Billiglinie auf die Kanaren, nach Ägypten oder Spanien. Die Flüchtlinge seien oft unkompliziert, viele hätten mit ihrem Schicksal längst abgeschlossen. “Da sitzen ja auch noch 180 andere Menschen. Viel schlimmer sind die besoffenen Mallorca-Urlauber. Vor allem die, die sich immer vollkotzen“, so der junge Pilot.

An die Flüchtlinge denken muss er trotzdem:

Da sitzt dann aber einer, der vielleicht nichts mehr zu verlieren hat und gar nicht fliegen möchte, das geht einem schon mal durch den Kopf.
Pilot Thomas

Und auch Michaela sagt, es sei nicht immer einfach: "Da kommt dann eine Familie mit so kleinen Stöpseln und du weißt, dass du gerade ihre Zukunft besiegelst."

Aus humanitären Gründen einen Flug zu verweigern, ist den Piloten jedoch nicht möglich, heißt es bei Cockpit. Piloten dürfen eine Abschiebung nicht "politisch werten". Wer sich weigert, begebe sich arbeitsrechtlich "auf sehr dünnes Eis", sagt der Sprecher der Pilotenvereinigung.

Unter den Piloten und der Crew seien die Abschiebungen kein großes Thema mehr, sagt die Flugbegleiterin Bianca.

Die Szene mit der weinenden Mutter hatte sie mit ihren Kolleginnen noch in der Kabine diskutiert – "wir waren alle sehr betroffen". Aber das war es dann auch.

Zu regelmäßig laufen die Abschiebeflüge mittlerweile, fast jeder an Bord hat schon mal einen erlebt. Außerdem ist es sowieso nicht gewollt, allzu sehr darüber nachzudenken, sagt auch die Pilotin Michaela: "Der Staat ist für die Fluggesellschaften einfach ein viel zu guter Kunde."


Gerechtigkeit

Abtreibung: Warum Paragraf 219a endlich abgeschafft werden muss

06.12.2017, 10:15 · Aktualisiert: 06.12.2017, 20:18

Wir haben die gefragt, die es wissen müssen: Frauen.

Abtreibungen sind in Deutschland strafbar. Bisher wird in den Paragrafen 218 und 219 des Strafgesetzbuches geregelt, unter welchen Bedingungen eine Frau in Deutschland eine Schwangerschaft abbrechen darf. Es gibt viele Ausnahmefälle, die ihr genau das erlauben.

  • Was es nicht gibt: ausreichend Informationen über Abtreibungen.

Denn Paragraf 219a verbietet Ärzten, Schwangerschaftsabbrüche zu thematisieren – und verhindert so nach Ansicht von Kritikern auch den Zugang zu Informationen über das ärztliche Leistungsangebot. 

Wer zu Abtreibungen googelt, findet so zum Beispiel nur die Seiten von Abtreibungsgegnern, aber keine von Ärzten.