Bild: Fabian Brennecke

Grün

Dieses Restaurant verwandelt Bioabfall in Gourmet-Happen

15.07.2016, 10:08

Leichte Dellen, etwas krumm und nicht mehr richtig knackig: Für diese Salatgurke wollte im Biomarkt niemand mehr bezahlen, deswegen liegt sie bei Daniel Roick, 27, auf dem Schneidebrett. Früher hat er in einem Sterne-Restaurant gearbeitet, jetzt steht er in der Küche des Berliner Szene-Bezirks Neukölln und kocht mit geretteten Lebensmitteln.

(Bild: Fabian Brennecke)

Das Restaurant "Restlos glücklich" ist nach eigenen Angaben das erste "Not-for-Profit-Lokal" in Deutschland, das in dieser Form ein Zeichen setzt gegen Lebensmittelverschwendung. Pro Jahr werfen die Deutschen rund elf Millionen Tonnen weg, meldet die Verbraucherzentrale. Würde man die Reste in Sattelschlepper packen – die Schlange würde von Düsseldorf nach Lissabon reichen und wieder zurück.

Hinter "Restlos glücklich" steht Anette Keuchel, 39, hauptberuflich arbeitet sie als Umweltwissenschaftlerin. Das Konzept des Reste-Restaurants lernte sie in Dänemark kennen, schnell fand sie in ihrem Bekanntenkreis Mitstreiter, die etwas Vergleichbares in Berlin aufziehen wollten.

In der Fotostrecke zeigen wir das Restaurant

Fabian Brennecke
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Sie bewarben sich erfolgreich um ein Stipendium des Social Impact Labs Berlin, initiierten eine Crowdfunding-Kampagne, gründeten den Verein Restlos Glücklich e.V. und legten los. Anette Keuchel und ein Kernteam von zwölf Männern und Frauen suchten und fanden Kooperationspartner in zwei Biomärkten, einem Kaffee-Start-up, einer Weinhandlung, einem Soft Drink Hersteller und einem Gourmet-Laden.

Teilweise bezieht das Restaurant die Lebensmittel als Spenden, größtenteils aber holt das Team Waren, die sonst in der Tonne gelandet wären, direkt am Supermarkt ab. Nimmt das Restaurant nicht anderen was weg, der "Tafel" zum Beispiel? "Es bleibt so viel übrig, dass es die Organisationen und Vereine gar nicht schaffen, jeden Tag bei allen Märkten vorbei zu fahren", sagt Jenny Rook von "denn’s Biomarkt", einer der Kooperationspartner. Sie koordiniert die Abholer und achtet darauf, dass die Reste jeden Tag einen Abnehmer finden und gleichzeitig niemand zu kurz kommt.

(Bild: Fabian Brennecke)

Immer dienstags und freitags ist das Team vom "Restlos Glücklich" dran, mit einem Lastenfahrrad holen sie etwa fünf Paletten ab. Sie seien überrascht gewesen, wie viele Produkte keinen Käufer mehr finden, sagt Leoni Beckmann, die Vorsitzende des Vereins. Weine, deren Etiketten krumm aufgeklebt sind, Chips, deren Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen ist, Obst und Gemüse, das beim Transport Dellen erhielt. Und Brot. Jede Menge Brot.

"Brotmuffins", sagt der ehemalige Gourmet-Koch Daniel Roick, "sind sehr beliebt bei unseren Gästen". Heute kocht er mit Resten spontan, denn welche Lebensmittel er zur Verfügung hat, erfahre er immer erst ein paar Stunden, bevor die Gäste kommen. In der Sterne-Gastronomie hatte er noch ganz anders gearbeitet: "Aus einem Gemüse hat man oft nur wenige, kleine Würfel geschnippelt, fast die Hälfte landete im Abfall."

(Bild: Fabian Brennecke)

Heute steht ein Radieschen-Birnen-Ragout mit Sesam-Linsen-Bällchen auf der Speisekarte. Das Mittagsgericht kostet fünf bis acht Euro, ein Drei-Gänge-Menü am Wochenende um die 20 Euro. Die Speisen sind kunstvoll angerichtet, die Portionen eher sparsam.

Gegessen wird im typischen Szenelokal-Ambiente: Unverputzte Wände, bunt gemischte Holzmöbel, Glühbirnen statt schicker Lampen, etwa 30 Gäste finden hier Platz. Bei den Gästen kommt das nachhaltige Schlemmen aber offensichtlich an: "Während unserer Test-Öffnungsphase im Frühjahr hatten wir so viele Reservierungen, dass wir mehr als 300 Anfragen absagen mussten", sagt Anette Keuchel. Die meisten kämen aus dem Kiez, viele sind selbst Konsumkritiker und Lebensmittelretter.

(Bild: Fabian Brennecke)

Ohne diese Idealisten könnte das "Restlos Glücklich" nicht bestehen: Das Konzept baut auf Ehrenamtliche. Nur drei Angestellte hat das Restaurant – Geschäftsführerin Lena, Lokalleiter Ole und Koch Daniel. Daneben helfen aktuell rund 60 Freiwillige aus – zum Beispiel als Küchenhilfen und Kellner. Einen Großteil der Einnahmen investieren Keuchel und ihr Team in Bildungsprojekte, zukünftig will der Verein über Ernährung informieren.

In der Küche dekoriert Daniel jetzt Gurkenscheiben mit Bergkäsecreme-Häubchen. Aus der krummen, unverkäuflichen Salatgurke ist ein Appetizer geworden. Statt in der Tonne zu verrotten, findet sie ihr Ende als kunstvoll verziertes, leckeres Häppchen im Gaumen eines hippen Großstadt-Ökos.

Restlos Glücklich, Kienietzerstr.22, 12053 Berlin, Öffnungszeiten: Mittwoch bis Samstag, 18 bis 22.30 Uhr

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