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Grün

Ich habe versucht, 30 Tage ohne Plastik zu leben

14.02.2018, 11:22 · Aktualisiert: 14.02.2018, 11:23

Am Aschermittwoch beginnt die Fastenzeit. Für manche heißt das: kein Alkohol, kein Fleisch, keine Süßigkeiten.

Doch ist es auch möglich, auf Plastik zu verzichten? Ein Selbstversuch.

Shampoo, Duschgel, Spülung, Rasierer. Ich stehe zu Hause im Bad und schaue mir die Produkte an. Mein Blick wandert von der Dusche zum Waschbecken. Auf der Ablage liegt die Zahnbürste, daneben Zahnpasta, meine Tagescreme, Deo. Es gibt hier eigentlich nichts, das plastikfrei ist. Selbst das Toilettenpapier ist in Kunststoff verpackt.

Bei dem Anblick wird mir fast ein bisschen mulmig zumute. Denn die nächsten vier Wochen möchte ich plastikfrei leben. Klappt der Selbstversuch?

Plastik ist im Alltag allgegenwärtig und begegnet uns als Einkaufstüte, Verpackung, in Form von Mikroplastik oder in technischen Geräten. Laut dem Institut der deutschen Wirtschaft produziert jeder Deutsche 37 Kilogramm Plastikmüll im Jahr. Damit liegen wir sechs Kilo über dem EU-Durchschnitt.

Deutschland hat in den vergangenen Jahren ordentlich zugelegt; zwischen 2005 und 2015 ist der Plastikmüll um 29 Prozent gestiegen. Nur ein geringer Teil wird recycelt, das Meiste landet in Verbrennungsanlagen. Zudem schipperten die EU-Staaten bislang 87 Prozent der Plastikabfälle nach China. Doch die Volksrepublik möchte nicht mehr Weltmüllkippe sein, fortan muss der Westen selber schauen, wo er mit seinem Müll bleibt.

In den Meeren zeigt Plastikmüll verheerende Folgen. Laut Umweltschützern sterben jährlich rund eine Million Seevögel und 100.000 Meerestiere den Plastiktod. Im Pazifik schwimmt ein Plastikteppich, der so groß ist wie Zentraleuropa.

Zusätzlich gelangt Mikroplastik von uns ins Meer. Zum Beispiel durch Kosmetika oder Waschmittel, das durch den Abfluss in die Kanalisation fließt und zu kleinteilig ist, um dort gefiltert zu werden. Die Krux: Über Speisefischen und Fleur de Sel landet das Mikroplastik schließlich auch wieder in unseren Mägen.

Höchste Zeit also, seinen eigenen Plastikkonsum zu überdenken.

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Ich verzichte schon länger auf Plastiktüten und verwende stattdessen Stoffbeutel. Obst und Gemüse kommt wöchentlich in der Bio-Kiste. Dennoch besteht mein Hausmüll hauptsächlich aus Kunststoff. Das soll sich nun ändern. Doch schon der erste Einkauf im Supermarkt stellt mich auf die Probe. Ich stehe vor dem Kühlregal und frage den vorbeieilenden Mitarbeiter, ob es die Milch nicht auch in Flaschen gebe. "Nein, gibt es nicht", sagt er und läuft weiter.

Käse hole ich an der Frischetheke. "Aber bitte nicht einpacken." Etwas unbeholfen fummle ich meine mitgebrachte Dose aus dem Einkaufswagen und stelle sie auf die Theke. Die Verkäuferin schaut mich irritiert an, sofort habe ich das Gefühl, mich erklären zu müssen: "Ich möchte auf Plastik verzichten." Sie rollt mit den Augen, aber packt Gouda und Camembert in die Dose und drückt mir den Beleg in die Hand. Mein erstes Erfolgserlebnis.

Bei weiteren Einkäufen scheitere ich allerdings. Süßigkeiten und Hygieneprodukte gibt es gar nicht ohne Plastik und selbst Nudeln, die in Karton gepackt sind, haben ein Sichtfenster aus Kunststoff. Schließlich gehe ich an die Kasse. Die schmale Ausbeute: zwei Zucchini, ein Joghurt im Glas, Getränke und Käse.

Am nächsten Tag versuche ich es in einem verpackungsfreien Supermarkt. Die Öffnungszeiten sind wenig flexibel, der Weg ist länger, die Produkte teurer. Doch auch hier ist längst nicht alles plastikfrei. Noch nicht, sagt die Verkäuferin.

Es scheint wirklich nicht ganz einfach zu sein, komplett auf Plastik zu verzichten. Wenigstens werde ich fündig: Zitronen, Petersilie, Nudeln, Schokolade, Saft, Aufstrich und Brot.

Fortan gehe ich regelmäßig in die verpackungslosen Geschäfte der Stadt. Hamburg hat bereits drei davon, ein vierter Laden soll bald eröffnen. Bei einem der Einkäufe frage ich die Verkäuferin nach ihren Erfahrungen.

"Man kann gar nicht komplett auf Plastik verzichten", sagt sie. "Deswegen sollte man auch nicht dogmatisch an die Sache herangehen."

Das motiviert wenig. Doch sie scheint Profi zu sein: "Mein Plastikmüll zu Hause kommt in ein Marmeladenglas, das leere ich einmal im Monat." Einmal im Monat. Beschämt denke ich an den Plastikmüll, den ich normalweise zu Hause produziere. Er kommt mir vor wie ein riesiger Berg.

Der Selbstversuch zeigt mir: Plastik lauert überall.

Der Coffee-To-Go-Becher, die Sushi-Bestellung, der Strohhalm im Getränk. Man muss stets aufpassen, um nicht in die nächste Kunststofffalle zu tappen. Doch schon nach zwei Wochen ist der Plastikverzicht Routine geworden und ich habe gelernt, dem Kunststoff zu entgehen: Ich habe meinen eigenen Kaffeebecher dabei, verzichte auf Lieferdienste, sondern koche frisch zu Hause oder hole mir die Pizza selber ab.

In der Bar sage ich schon beim Bestellen, dass ich keinen Strohhalm im Getränk möchte. Auch mein Bad hat sich verändert: Toilettenpapier habe ich unverpackt für stolze 2,20 Euro die Rolle (die hält allerdings länger) im Unverpacktladen gekauft. Ich nutze mittlerweile eine Zahnbürste aus Holz und verwende Zahnkreide und Haarseife. Beides funktioniert recht gut, ist nur in der Anwendung gewöhnungsbedürftig, weil es sehr trocken ist und kaum schäumt.

Also alles ganz einfach? Nein.

Denn der Plastikverzicht stellt mich vor weitere Probleme: Ich möchte auch in Nicht-Unverpacktläden frische Bio-Lebensmittel kaufen, doch die Bio-Gurke ist in Plastik eingeschweißt. Nehme ich also die konventionelle Gurke, die mit Chemikalien gespritzt wurde aber wenigstens nicht in Plastik steckt?

Ich verzichte auf Flüssigwaschmittel aus der Plastikflasche und wähle die Waschnuss im Stoffbeutel aus. Die Frucht vom sogenannten Seifenbaum wird in Indien traditionell zum Waschen genutzt – nach Deutschland muss sie eingeflogen werden.

Welches Übel ist jetzt das kleinere? Eigentlich möchte ich mich nicht entscheiden müssen.

Tatsächlich ist es für den Verbraucher nahezu unmöglich auf Plastik zu verzichten, solange Hersteller und Politik keine Regeln setzen. Doch es passiert etwas: Immer mehr Initiativen und verpackungsfreie Supermärkte machen es vor, in Hamburg gibt es mittlerweile ein verpackungsfreies Café, in Frankfurt Deutschlands ersten verpackungsfreien Lieferdienst.

Und der maßlose Plastikkonsum wird auch auf politischer Ebene Thema: Italien und Griechenland erheben Steuern auf Plastiktüten (SPIEGEL ONLINE), die EU-Kommission hat jüngst ihre Strategie gegen Plastikmüll vorgestellt (SPIEGEL ONLINE II). Demnach sollen ab 2030 Kunststoffverpackungen grundsätzlich recyclingfähig sein, Einwegkunststoff reduziert und die "absichtliche Verwendung von Mikroplastik beschränkt" werden.

Das klingt ziemlich unkonkret und bis 2030 sind es noch zwölf Jahre.

Mein Fastenmonat ist nun vorbei.

Die Kollegin wünscht mir ein schönes Wochenende und ruft hinterher: "Genieß alles, was in Plastik ist." Das klingt wie ein Widerspruch in meinen Ohren. Ich werde weiterhin plastikreduziert leben. Erst vor ein paar Tagen habe ich Spülmittel aus Natron und Kernseife selbst hergestellt. Es fühlt sich gut an, sparsam mit Produkten umzugehen und bewusster zu konsumieren.

Trotzdem freue ich mich auch auf ein paar Dinge, auf mein Shampoo zum Beispiel. Doch ich werde die Flasche nach Gebrauch nicht in den Müll werfen, sondern als Nachfüllgefäß nutzen.

Wiederverwertung – hat mir die Verkäuferin aus dem verpackungsfreien Supermarkt auf den Weg mitgegeben:

Nur Plastik wegwerfen ist schlimmer als Plastik zu kaufen.

Dieser Artikel ist zuerst bei SPIEGEL ONLINE erschienen.


Fühlen

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14.02.2018, 10:26 · Aktualisiert: 14.02.2018, 11:11

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