Grün

Dieser Mann zweifelt am Klimawandel – und hat damit viel Erfolg

18.03.2017, 09:30 · Aktualisiert: 19.03.2017, 10:10

"Das ist doch alles so ein Schwindel"

Michael Limburg ist 76 Jahre alt. Eigentlich könnte er ein ruhiges Rentnerleben führen. Zug fahren, aus dem Fenster gucken, Müll trennen. Stattdessen kämpft der Elektroingenieur gegen die Wissenschaft: Dass der Klimawandel von Menschen und ihren Autos, Fabriken und riesigen Bauernhöfen verursacht wird.

Michael Limburg ist Klimaskeptiker. Wenn es nach ihm ginge, würden wir einfach weiter Öl und Kohle verbrennen, anstatt Windräder aufzustellen. 50 Stunden und mehr verbringt er jede Woche damit, gegen Klimaforscher, Politiker und Umweltschützer zu wettern. Energiewende? Nein, danke.

Zu seinen Anhängern zählen auch Menschen, die Lügenpresse sagen. Limburg liefert ihnen alternative Fakten. Seine Thesen landen in den Blogs von Libertären, neuen Rechten und sogar im Programm der AfD.

Wie tickt so jemand? Wir haben uns mit ihm zum Interview verabredet. Er kommt mit dem Flugzeug von Berlin nach München, im beigen Trenchcoat und mit Business-Rollkoffer. Er sieht ein bisschen aus wie ein Agent.

"Warum sollte ich kein modernes Transportmittel benutzen, wenn es mir zur Verfügung steht", sagt Limburg zur Begrüßung und grinst. CO2-Emissionen solle man nicht mit einer Strafe belegen, sondern belohnen. CO2 sei immerhin gut für Pflanzen und damit ein Segen für die Ernährungssicherheit der wachsenden Weltbevölkerung.

Jeder, der CO2 ausstößt, müsste noch Geld dazu bekommen.
​Michael Limburg

Limburg redet mit festem Blick und entspannter Stimme. Nur wenn jemand seine Meinung anzweifelt, kann er störrisch werden. Das geht schon bei der Frage los, ob die S-Bahn zum Ostbahnhof nun 30 oder doch eher 40 Minuten braucht.

Das Leugnen des menschgemachten Klimawandels hat er sich selbst beigebracht. Jahrzehntelang hatte er in Westberlin Elektronik für Fernseher entwickelt. Er meldete Patente an, sorgte vor. Er wurde Manager und flog um die Welt: zwei Wochen Südamerika, dann Washington. Montags nach Tokio, Donnerstags zurück.

Zum Klicken: Was Meerjungfrauen mit Umweltschutz zu tun haben

Benjamin Von Wong
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Dann, im Herbst 2001, die Rente mit 60. Zum ersten Mal im Leben nichts mehr zu tun. "Ich saß allein in diesem schrecklichen jugoslawischen Restaurant, das ich so mochte, weil es dort so schmackhafte Cevapcici gab", erinnert er sich. Seine Frau war zu einer Antiquitätenmesse gereist. "Beim Warten auf mein Essen ist mir eine Zeitschrift aufgefallen. Auf dem Titelbild mittig das Brandenburger Tor, links Wüste, rechts Eiszapfen. Da begann ich nachzudenken."

Wieder zu Hause, klickt er sich durch Internetseiten und stößt dabei auf den Namen Fred Singer. Der amerikanische Physiker poltert international am lautesten gegen den menschengemachten Klimawandel. Bis 2003 leugnete Singer die Erderwärmung noch komplett. Mittlerweile gibt Singer zu, dass sich die Erde erwärmt, aber er besteht darauf, dass das ein natürlicher Vorgang sei und der Mensch nichts damit zu tun habe.

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Singers Thesen sind weitgehend widerlegt. Wissenschaftler werfen ihm außerdem seine Nähe zur Industrie vor. Für Tabakkonzerne hatte er die Folgen von Passivrauchen angezweifelt, für Auto- und Öl-Konzerne entwickelte er PR-Strategien, um gezielt Menschen zum Thema Klimawandel zu verunsichern.

Für Limburg alles Diffamierung. "Singer hat eine glänzende Karriere als Atmosphärenphysiker hingelegt. Er ist der Vater des amerikanischen Programms für Wettersatelliten", sagt Limburg. Er hat ihm E-Mails geschrieben und ihn persönlich getroffen. Der Amerikaner ist so etwas wie sein Vorbild.

Kurz nach seinen ersten Recherchen im Internet veröffentlicht Limburg unter einem Pseudonym seine Meinung zum Klimawandel. "Argus" nennt er sich, der mit den hundert Augen aus der griechischen Mythologie. Im Netz findet er Gleichgesinnte, die ihn anfeuern.

Weil es außerhalb dieser Bubble zunächst kaum Reaktionen gibt, beginnt er, Bücher darüber zu schreiben. Das erste, "Die Klimahysterie – was ist dran?", erscheint 2009. Sein Plan geht auf: Von da an lädt ihn das Fernsehen ein, selbst öffentlich-rechtliche Sender, die ihn für einen komischen Vogel halten.

Limburg tritt zum Beispiel beim Nachrichtensender Phoenix auf und mit Jan Böhmermann bei "Harald Schmidt".

Wissen Sie, ich habe ein Selbstbewusstsein, das mich darüber erhaben lachen lässt.
​Michael Limburg

Außerdem trifft er sich mit anderen Klimaskeptikern 2007 in einem Vier-Sterne-Hotel in Hannover. Es ist die Geburtsstunde von "Eike", dem "Europäischen Institut für Klima und Energie". Eigentlich ist es nur ein kleiner Verein. Die Bezeichnung "Institut" ist nicht geschützt, jeder kann ein Institut ins Leben rufen. Institut klingt wichtig.

Heute hat "Eike" rund 50 Mitglieder. Die meisten sind laut Limburg Naturwissenschaftler und Rentner. Der Präsident, wie sie den Vereinsvorsitzenden nennen, ist mit Anfang 40 einer der Jüngsten. Gemeinsam finanzieren sie ein Büro in Jena. 800 Euro Miete kostet das, außerdem gibt es zwei Praktikanten.

Das mit dem Verein könnte von seinem Vorbild Singer kommen. Singer unterstützt das "Heartland Institute". Die konservative Denkfabrik, eine ganze Nummer größer als "Eike", gehört zu den wichtigsten Playern der organisierten Szene der Klimaleugner. Vor ein paar Jahren wurden Spenden großer US-Firmen enthüllt, darunter General Motors und Microsoft.

In Deutschland sind keine großen Geldflüsse von der Industrie bekannt. Die Szene ist noch nicht so groß wie in den USA. Limburgs Verein finanziere sich vor allem durch Spenden von Privatpersonen. "Ich bin noch nie von einer der Ölfirmen bezahlt worden. Ich warte immer auf den großen Scheck, aber leider ist der bis heute nicht gekommen." Er grinst.

Geld scheint ohnehin keine große Rolle zu spielen. Limburg handelt aus Überzeugung: "Das ist doch alles so ein Schwindel, mit extrem ernsten und für alle so desaströsen Folgen. Und die dafür Verantwortlichen sind in den knapp hundert Jahren, von denen sie behaupten, dass dann ihre Prophezeiungen eintreffen, längst alle tot. Da musst du doch heute was dagegen tun."

Limburg schreibt noch ein Buch, "Strom ist nicht gleich Strom – warum die Energiewende nicht gelingen kann". Selbst bei der Bundeszentrale für politische Bildung (BpB) saß Limburg auf der Bühne. Für Wissenschaftler und Grüne ein Skandal, für Limburg ein Triumph.

Auch das Parteiprogramm der AfD kann er als Triumph verbuchen: Limburg hat die Partei nach eigenen Angaben ehrenamtlich beraten. Die AfD hat große Teile seiner Klimatheorie in ihr Programm aufgenommen. Im Herbst, nach der Wahl, könnten Limburg-Fans im Bundestag sitzen.

Limburg fliegt weiter um die Welt. "Meine Frau ist froh, dass ich aus dem Haus komme", sagt der Rentner und zwinkert. Nur vermarktet er keine Teile für Fernseher mehr, sondern alternative Fakten. Das Geschäft läuft immer besser.

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