Bild: Pexels / Jackmatusek.com / Instagram: polished_gun & nusr_et

16.04.2018, 16:13 · Aktualisiert: 17.04.2018, 08:36

Statt Tierleid gibt es Freude an der hausgemachten Wurst

Wer in Hamburg bezahlbare Fleischberge sucht, findet sie bei "Erikas Eck". 90 Cent kosten die Mettbrötchen, es gibt tellergroße Schnitzel und Rinderfrikadellen. In dem Kultlokal inmitten des linken Viertels Sternschanze essen wohl vor allem Menschen, die sich über die Herkunft ihres Fleisches nicht gerade den Kopf zerbrechen.

Früher war es das Stammrestaurant der Schlachter vom inzwischen geschlossenen Schlachthof, heute kommen die Zerleger vom nahen Fleischgroßmarkt.

Wer die Fleischportionen ebenfalls liebt: hungrige Partyleute, Prostituierte, Taxifahrer – von denen sich schon einige über die Wanne unter der Eingangstür gewundert haben, für die von der Arbeit noch blutigen Stiefel der Zerleger-Gäste.

Billiges Mett, Fleischwolf, Riesen-Schnitzel, glamourös ist das nicht. Doch gerade das, was bei Erika wie von gestern wirkt, erlebt bei Instagram gerade ein Comeback.

Fotos von frisch geschlachteten Tieren, von rohem Fleisch, von Steaks, aus denen Blut trieft. Auf Insta finden sich immer mehr solcher Bilder:

Einer, der diesen Fleisch-Fame vorantreibt, ist der Texaner Jack Matusek. Der 27-Jährige arbeitet hart – im Schlachtbetrieb und im Internet. "Das bescheidene Handwerk des Fleischers ist im Kommen, weltweit", sagte er dem Iconist in einem Interview – obwohl die Zahlen eigentlich in die komplett andere Richtung gehen.

Bis vor kurzem trug Matusek noch lange Haare und Cowboyhut, auf seinen neueren Promobildern sieht er aus wie ein Boyband-Mitglied. Er posiert auf seinem Blog "Raw Public Meats", die Rinderlende lässig über der Schulter. Dazu redet und schreibt er darüber, wie man am besten ein Schwein zerlegt – und es gibt es immer mehr Menschen, die das gern hören oder lesen wollen. Jacks Followerzahl wächst.

Das Handwerk des Fleischers ist im Kommen
Jack Matusek

Auch immer mehr deutsche Schlachtereien zeigen sich auf Instagram offen und modern, die Betriebsräume hell ausgeleuchtet. Sie verkaufen das wohlige Gefühl, das man hatte, wenn einem die Fleischfachverkäuferin als Kind eine Scheibe Gesichtsmortadella über die Theke reichte. Die Antithese zu Schreckensbildern von auf Betonböden tot geprügelten Ferkeln und Dauer-Diskussionen um Discounter-Hackfleisch (bento).

Schlachter in Deutschland

  • 2016 gab es in Deutschland knapp 13.000 Metzger-Meisterbetriebe, gibt der Zentralverband des Deutschen Handwerks an. Zehn Jahre zuvor waren es noch etwa 18.000.
  • Im Jahr 2000 gingen in Deutschland 9500 Menschen in die Metzger-Lehre. 2016 waren es nur noch 3000. 

Auf Instagram sind die Tiere auch tot, aber hier wurden sie von Menschen geschlachtet, die Vintage-Jeans und Pilotenbrille tragen, Waldspaziergänge machen und kunstinteressiert sind. Eine Metzgerin ist hier kein Mensch, die sich ein billiges Mettbrötchen reinschiebt und die versifften Stiefel bei Erika abstreift. Ein Metzger ist hier ein Mensch, der sich die manikürten Hände desinfiziert hat, bevor er anpackt.

Die Berliner Metzgerei "Kumpel & Keule" erklärt auf ihrer Webseite, sie sei angetreten, um dem Fleisch und dem Handwerk "die Würde zurückzugeben". Ihr Zylinder tragender Chef bloggt, kämpft zusammen mit dem ZDF gegen Fleischpanscherei und bringt auf Seminaren anderen Metzgern bei, auf Fotos besser auszusehen. (Tagesspiegel)

Man kann es als Ausdruck eines neuen Lebensstils verstehen. Die gehetzten Menschen in Berlin, Paris und Prag entspannt die Erinnerung an ein Früher, in dem es sonntags nach Braten roch, frisch vom Bauernhof in der Nähe. Die hippen Großstadtmetzgereien nehmen ihre Kunden und Kundinnen mit in diese Zeit, in der wir noch jede Kuh mit Namen kannten. In der man eben wusste, woher sein Fleisch kam, zumindest ungefähr.

Instagrammer mit rohen, großen Fleischstücken – die Bilder:

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Wer Wert auf die Herkunft seines Kaffees (fair), seines Bieres (Craft) und seines Brotes (selbstgebacken) legt, macht das offenbar auch wieder vermehrt beim Fleisch. Wer auf Instagram durch die Bilder der ganzheitlichen Herzblut-Schlachter scrollt, vergisst die Tage, an denen anonyme osteuropäische Sklavenarbeiter Antibiotika-Kälber in niedersächsischen Industrieanlagen keulten.

Nein, daran wollen die Keulenkumpel-Fans nicht denken. Statt Tierleid-Scham zelebrieren sie auf Insta die Freude an der hausgemachten Wurst. Und auch, wenn die Tiere bei ihnen am Ende tot auf dem Grill liegen: Die qualitätsbewussten Herzblut-Schlachter nutzen ihre Bekanntheit dazu, nicht ausschließlich für leckereres Fleisch zu kämpfen – sondern auch für gute Haltungsbedingungen.


Gerechtigkeit

Die FDP denkt plötzlich darüber nach, eine Frauenquote einzuführen

16.04.2018, 16:06

Obwohl man bisher kein großer Fan davon war.

Frauenquote? Für die FDP bisher eher ein Tabu. Man erwarte zwar von Unternehmen eine Verbesserung des Frauenanteils in Führungspositionen, eine gesetzliche Quote lehne man jedoch ab. Statt dessen könnten transparente Selbstverpflichtungen die Lösung sein. (FDP)

Jetzt scheint das Wort "Quote" die FDP aber nicht mehr abzuschrecken – zumindest für die Partei selbst denkt man jetzt über die Einführung einer "Fallbeil-Quote" nach. (Welt)  

Was ist damit gemeint?

  • Zunächst soll durch eine Selbstverpflichtung, eine "ein Drittel Frauenpartizipation auf Bundes- und Landesebene" erreicht werden. Werde dieses Ziel verfehlt, soll eine verpflichtende Frauenquote, zeitlich befristet greifen.