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Xavier Naidoo beim ESC: Lust auf Verschwörung

19.11.2015, 11:25 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:23

Das ist die beste Nachricht, im Hinblick auf die deutsche Präsenz beim ESC, die es geben kann," kleiner hatten sie es nicht bei eurovision.de, der offiziellen Seite der ARD: Xavier Naidoo soll Deutschland beim Eurovision Song Contest kommendes Jahr in Schweden vertreten. Das hat Thomas Schreiber beschlossen, der ARD-Unterhaltungsdirektor.

Nachdem der deutsche Beitrag im vergangenen Jahr genau null Punkte bekam, will Naidoo nun "das Ding nach Hause holen". Zu seiner Nominierung heißt es außerdem:

Seine Neigung, Politisches zu äußern, aber dies nie in Parteipolitisches zu wenden, sind Eigenschaften, die ihn besonders interessant machen.
Jan Feddersen, eurovision.de

"Interessant" ist eine gute Beschreibung für die Gedankenwelt von Xavier Naidoo. Geradezu lustvoll widmet er sich Verschwörungstheorien und begibt sich damit an den rechtsextremen Rand der Gesellschaft. Mehrfach musste er anschließend zurückrudern. In einem Interview offenbarte er, was er von den Politiker- und Verschwörungstheorien hält: "Ein Fünkchen Wahrheit wird schon dran sein." Na dann:


Reaktionen im Netz: "Singt Xavier Naidoo beim ESC jetzt für Deutschland, das Deutsche Reich oder die BRD-GmbH?"


  • Reichsbürger: Naidoo sang in Mannheim auf einer "Montagsdemo", in Berlin sprach er zu Reichsbürgern. Die glauben, dass Deutschland kein souveräner Staat ist, sondern eine BRD GmbH seit dem Zweiten Weltkrieg von den Alliierten fremdgesteuert wird. Der Verfassungsschutz beobachtet die Rechtsextremen. Auch im Fernsehen spricht er davon, dass Deutschland "nicht frei", sondern "immer noch ein besetztes Land" ist. (FAZ) 
  • 9/11 Truther: Vor den Reichsbürgern sagte Naidoo über die Terroranschläge vom 11. September 2001: "Wer das als Wahrheit hingenommen hat, was da erzählt wurde, der hat einen Schleier vor den Augen, ganz einfach." Damit unterstützt er die sogenannten Truther, die glauben, der Anschlag sei von der CIA orchestriert worden.
  • Schwulenfeindlichkeit: Auf dem Album "Gespaltene Persönlichkeit" gibt es einen versteckten Track, in dem Naidoo davon singt, Pädophile zu verstümmeln, die sich an Jungs vergehen. Todesstrafe für Kinderschänder, diese Forderung ist vor allem in rechtsextremen Kreisen populär. Kritik bekommt er aber vor allem für die Zeile: "Warum liebst du keine Möse, weil jeder Mensch doch aus einer ist?" Später will Naidoo das gar nicht schwulenfeindlich gemeint haben. (taz)
  • Super-Christentum: Xavier Naidoo huldigt einer gewissen Highlander-Romantik, einem völkischen Heroismus, "in dem unentwegt einer aufsteht, einer sich erhebt, eine messianische Lichtgestalt, der Eine, der von der Vorsehung Auserwählte, der die Massen mitreißt und in die Schlacht führt und am Ende das Dunkle vernichtet. Gern begleitet von Pauken und Trompeten." (Zeit Online)
Eigentlich alle großen Politiker, die wir so toll fanden entlang unseres Großwerdens, sind eigentlich nur Lakaien und Marionetten.
Xavier Nadioo

Natürlich darf Xavier Naidoo seine Meinung haben, sich einen Aluhut aufsetzen und an die große Weltverschwörung glauben. Natürlich darf Naidoo das alles mit einem Augenzwinkern machen (auch wenn Weggefährten in der Rhein-Neckar-Zeitung sagen, dass Naidoo das alles sehr ernst nimmt). Die ARD bietet allerdings jemandem die ganz große Bühne, der offen mit rechtspopulistischen und rechtsextremen Gedanken flirtet. Denn bei Naidoo lassen sich Musik und private politische Meinung schlicht nicht trennen.

Weil die ARD offenbar schon geahnt hat, dass es Kritik geben würden, sagt der Unterhaltungschef der ARD in einem Interview mit seiner eigenen Website:

Xavier Naidoo ist weder rechtspopulistisch noch homophob oder antisemitisch.
Thomas Schreiber, ARD

Ach so.

Wir haben trotzdem nachgefragt und von Thomas Schreiber folgende Antwort bekommen: "Dass Xavier Naidoo polarisiert, wussten wir. Die Frage ist, ob alle Hassäußerungen, die in den sozialen Netzwerken seit mehreren Monaten kampagnenartig wiederholt werden, eine sachliche Grundlage haben." Nicht nur Xavier Naidoo hat Lust auf Verschwörung, auch der Kampagnen-witternde Thomas Schreiber.

Natürlich haben nicht alle Hassäußerungen eine sachliche Grundlage. Aber das war überhaupt nicht die Frage. Unsere Fragen zielten auf das "besetzte" Deutschland, das "von Pädophilen bevölkert" ist, auf die Auftritte bei Montagsdemo und Reichsbürgern. Den ganzen gut dokumentierten Wahnsinn, der seit Jahren immer wieder durchscheint. Dazu sagt Schreiber nur, sein Star habe "nicht nur in jedem Moment alles richtig gemacht".

Dieser Artikel wurde um 17 Uhr um die Antwort des ARD-Unterhaltungskoordinators Thomas Schreiber erweitert.