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Musik

Schadet Spotify wirklich den Musikern?

19.12.2015, 09:56 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:24

Eine neue Studie gibt Antworten.

Taylor Swift, die Black Keys, Adele und Coldplay: Die Liste der populären Musiker, die ihre Alben nicht auf Spotify anbieten, wird fast wöchentlich länger. Weil der Marktführer unter den Musik-Streamingdiensten so wenig Geld an Künstler auszahlt, gilt Spotify vielen als unseliger Nachfolger von Piraterie-Portalen wie Napster.

Immerhin legal, aber nur unwesentlich besser?

Weil gleichzeitig CD-Verkäufe und bezahlte Downloads über iTunes weltweit zurückgehen, fürchten viele Bands, von ihrer Musik bald nicht mehr leben zu können.

Spotify-Chef Daniel Ek hält dagegen, dank seines Unternehmens hörten Millionen Musikfans überhaupt erst wieder legal Musik. Von den Einnahmen durch Werbung und Premium-Accounts würden auch die Künstler letztendlich profitieren. Langfristig würde ihnen die Beteiligung am Umsatz von Spotify, Google Play Music und anderen legalen Streaming-Diensten mehr bringen als der Verkauf von Songs und Alben.

Wer hat recht?

Zwei deutsche Wissenschaftler haben das in einer Studie untersucht. Sie schreiben, es sei die erste Untersuchung ihrer Art. Dafür beobachteten sie, wie sich der Musikkonsum von 2756 deutschen Musikhörern zwischen Januar 2012 und Februar 2013 veränderte. Ein interessanter Zeitraum: Im März 2012 startete Spotify in Deutschland.

Die Frage, die sich die Wirtschaftswissenschaftler Nils Wlömert und Dominik Papies stellten: Wie veränderten sich die Ausgaben der Spotify-Nutzer unter den 2756 Probanden im Vergleich zu denen, die weiter wie bisher Musik konsumierten?

Auf diese Weise kann der tatsächliche Spotify-Effekt besser nachgewiesen werden als etwa mit der Entwicklung des Gesamtumsatzes der Musikindustrie, der in Diskussionen oft als Kennzahl herangezogen wird. Er ist aber von vielen anderen Faktoren abhängig, etwa dem Verkaufspreis eines Albums oder dem Erscheinungstermin erfolgreicher Alben.


Geben Spotify-Nutzer mehr oder weniger Geld für Musik aus?

Innerhalb der beobachteten 13 Monate begann rund ein Viertel der Musikhörer, Spotifys kostenlosen Dienst zu nutzen. Weitere sieben Prozent schlossen ein Premium-Abo ab. Der Rest hörte weiter Musik über andere Kanäle.

Erwartungsgemäß gaben die Menschen weniger Geld für CDs und Downloads aus, sobald sie Spotify abonnierten:

  • Wer Spotify kostenlos nutzte, senkte seine Ausgaben um durchschnittlich etwa 10 Prozent.
  • Wer ein Spotify-Premium-Abo für 9,99 Euro pro Monat abschloss, gab sogar knapp ein Viertel weniger für Alben, Singles und einzelne Songs aus.

Andererseits schüttet Spotify 70 Prozent seiner Einnahmen an die Musikfirmen aus. Wie viel davon bei Bands und Komponisten landet, hängt von deren einzelnen Verträgen mit den Labels ab. Tendenziell dürften höhere Auszahlungen an die Labels aber auch zu höheren Einnahmen der Künstler führen.

Wlömert und Papies stellen für drei Gruppen von Spotify-Nutzern unterschiedliche Effekte fest:

  • Bei den Nutzern, die Spotify Premium nutzten, wurden die geringeren Verkäufe durch die Abo-Gebühr mehr als kompensiert. Premium-Abonennten zahlten mehr für Musik als der durchschnittliche Musikhörer.
  • Nutzer, die vorher viel Musik kauften und nun Spotify kostenlos nutzten, generierten weniger Einnahmen für die Musikindustrie als vorher. Dass große Musikfans nun öfter eine CD im Laden liegen ließen, machten Spotifys Werbeeinnahmen nicht wett.
  • Eine dritte Gruppe bezahlte vor Spotify praktisch nichts für Musik. Sie hörten Musik, wenn überhaupt, dann wohl vor allem im Radio oder luden sie illegal runter. Spotify brachte Menschen aus dieser Gruppe zum aktiven oder legalen Musikkonsum zurück. Allerdings seien die durch Spotify zusätzlich generierten Einnahmen minimal gewesen.
Spotify-Chef Daniel Ek bekommt Druck von den Musik-Labels

Spotify-Chef Daniel Ek bekommt Druck von den Musik-Labels (Bild: dpa/picture-alliance)

Insgesamt stellen die Forscher Spotify deshalb ein gemischtes Zeugnis aus: Zwar hat der Streamingdienst ingesamt einen positiven Effekt: Am durchschnittlichen Spotify-Nutzer verdienten die Labels mehr als am durchschnittlichen Nicht-Nutzer. Allerdings lag das alleine an den Premium-Abonnenten. An den Nutzern des kostenlosen Service verdienten die Musik-Konzerne in der Summe weniger als zuvor.

Am Ende haben alle Recht: Spotify selbst, das die positiven Effekte für Labels und Musiker betont. Und die Künstler, die sich über Spotifys Gratis-Option ärgern.

Die Forscher schlagen deswegen vor, Spotifys kostenlosen Service einzuschränken. Das dürfte auch im Interesse der großen Musik-Labels sein, denen Spotify zum Teil gehört und die deshalb Druck auf das Unternehmen ausüben können.

Zum Beispiel könnte die Gratis-Option – wie bei Apple Music – in eine begrenzte Probezeit umgewandelt werden. Oder Spotify könnte Künstlern die Entscheidung überlassen, ob ihre Alben im Gratis-Spotify verfügbar sein sollen oder nicht.

Über diese Maßnahme denkt man bei Spotify angeblich bereits nach. (Wall Street Journal)

Mehr Infos

  • Die ganze Spotify-Studie von Wlömert und Papies wurde im "International Journal of Research in Marketing" veröffentlicht.
  • Eine Vorabversion des Artikels gibt es auf Wlömerts Seite an der Wirtschaftsuni (WU) Wien.