Bild: Tainted Lenses

Musik

"Selbstverständlich bin ich Feministin!" Rapperin Sookee im Interview

04.11.2015, 09:00 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:22

Sookee ist Rapperin, Feministin und engagiert sich gegen Homophobie, Sexismus und Rassismus im deutschen Rap. Wie geht das zusammen? Wir haben sie gefragt.

Sokee (die eigentlich Nora Hantzsch heißt) wurde 1983 in Mecklenburg-Vorpommern geboren. Die queere Rapperin lebt in Berlin und macht politischen Hip-Hop. Seit 2006 hat sie diverse Alben veröffentlicht, zuletzt "Lila samt" mit Tracks wie "Emoshit und Hippietum" oder "Links außen". Wir haben sie in Berlin getroffen.

(Bild: Tainted Lenses)

Sookee, würdest du dich als Feministin bezeichnen?

Ja, selbstverständlich.

Was ist Feminismus für dich?


Ich finde es notwendig zu sagen, dass ich bestimmte Dinge so nicht hinnehmen möchte. Als Feministin habe ich ein queeres Verständnis von Geschlecht, das über den simplen Gegensatz Mann - Frau hinausgeht. Ich versuche außerdem, kapitalismuskritisch und rassismuskritisch zu sein und Privilegien und Benachteiligungen zu sehen und mich dagegen zu stellen. Das ist nicht immer einfach, aber ich finde es wichtig, mich damit zu beschäftigen.

Also verstehst du Feminismus nicht nur als Kampf für die Rechte von Frauen?

Genau. Es geht um eine feministische Perspektive auf andere unausgewogene Machtverhältnisse. Ich kann natürlich als weiße Frau nicht sagen, wie sich der Rassismus für einen Mann "of Color" anfühlt. Solidarisierung klappt aber, wenn man sich in die Menschen hineinversetzt, für die man eintreten möchte. Und dann vor allem auch mal die Fresse hält und zuhört. Dafür sollte man dann keinen Applaus erwarten.

Kannst du über politisch inkorrekte Witze lachen?

Politische Korrektheit ist weder meine Methode, noch mein Ziel. Manchmal wünschte ich aber an dieser Stelle leichtfüßiger zu sein. Die Angst davor, Leuten weh zu tun, hält mich davon ab, einfach loszukichern.

Warum werden zum Beispiel weiße Künstler, die sich für die Rechte von Schwarzen einsetzen, oft eher wahrgenommen als die Schwarzen selbst?

Ich denke die Identifikation mit diesen Menschen ist für viele Weiße leichter. Sowohl der Künstler als auch der Rezipient haben die Möglichkeit, sich gemeinsam mit Diskriminierung zu beschäftigen, aber auch wieder aufzuhören, wenn es ihnen unangenehm wird.

Wie machst du das in deiner Musik?

Als ich anfing, Musik zu machen, hielt ich die Macker-Attitüde meiner Kollegen für normal und imitierte sie teilweise um Anerkennung zu bekommen. 
Ich habe irgendwann gemerkt, dass es falsch ist, was ich tue und dass ich etwas unterstütze, worunter ich eigentlich leide. Ab diesem Punkt habe ich meine Texte radikal in die andere Richtung geschrieben - gegen Homophobie, Rassismus und Sexismus.

Viele Frauen sind von der Feminismusdebatte genervt. Kannst du das nachvollziehen?

Das Problem ist leider, dass wir kaum Identifikationsfiguren haben. Wenn du auf die Straße gehst und fragst, werden dir zum Thema Feminismus 80 Prozent Alice Schwarzer nennen. Wir brauchen mehr Personen, die sich nicht scheuen, das Wort Feminismus zu benutzen. Dabei entwickelt der sich gerade stark weiter: Denken wir an die Feminism-LED-Wand beim Beyonce-Konzert oder Miley Cyrus, die Geschlechtervielfalt zum Thema macht. Oder Männer, die sich mit Feminismus identifizieren und ihn propagieren, wie Terry Crews zum Beispiel, der trotz dicker Muskeln hingeht und über kritische Männlichkeit diskutiert.

Du beziehst dich viel auf die USA . Was fehlt denn in Deutschland?

In Amerika gibt es ein anderes Kunstverständnis. Hier ist Popkultur eher pfui. Ich glaube, dass Deutschland sich mit seinem krassen Verständnis von Hochkultur selbst im Weg steht. Popkultur ist grundsätzlich immer dem Vorwurf der Trivialität ausgesetzt. Ich merke ja zum Beispiel auch, wie die Leute reagieren, wenn sie feststellen, dass ich studiert habe. Sie sind überrascht bis schockiert.

Was hältst du zum Beispiel von Femen?

Das Problem an Femen ist unter anderem, dass sie bestimmte historische Referenzen untragbar einsetzen. Zum Beispiel diese Herbertstraßen-KZ-Anleihe, als die Aktivistinnen “Arbeit macht frei” an die Absperrwand zur
Herbertstraße schrieben, um gegen Sexarbeit zu protestieren. Das war total fehl am Platz. Es gab Kritik aus der feministischen Richtung und aus der Mehrheitsgesellschaft. Aber ich will Femen nicht für die teilweise Unbeliebtheit von Feminismus in der Gesellschaft verantwortlich machen. Feminismus ist vielfältig. „#Aufschrei", das Bündnis zum „Frauen*kampftag“, „Pinkstinks", "ISD- die Initiative Schwarzer Deutscher", „Kleiner Drei“, "Stop Bild Sexism", "Wer braucht Feminismus?", das "Missy Magazine". Die machen alle tolle und sehr vielseitige Arbeit und da sollte man hinschauen.

Du bist ja auch Mutter. Wie zeigt sich bei der Erziehung die Feministin in dir?

Zum Beispiel zwinge ich mein Kind nicht, eine traditionelle Geschlechterrolle anzunehmen. Ich möchte, dass mein Kind sich frei entwickeln kann. Weder zwinge ich es, rosa zu tragen noch kein rosa zu tragen. Wir haben schließlich 2015. Ich empfehle die Elternschaft sehr, dadurch relativiert sich so vieles. Mit Kindern zu sein ist einfach eine andere Art von Realität und Leben, die der Kopfigkeit entgegenwirkt.

Make Some Noise - sexism & homophobia out od my music

Sookee engagiert sich gerade für die Kampagne „Make Some Noise – sexism & homophobia out of my music“. Diese wurde unter anderem von Mal Élevé (von der Band: Irie Révoltés) ins Leben gerufen.  Ziel ist es, das Schweigen über Homophobie und Sexismus innerhalb der Reggae- und HipHop-Szene zu brechen und längerfristig einen Gegenpol dazu zu bilden. Aufklärungsarbeit auf Festivals, auf denen auch Künstler mit sexistischen, rassistischen oder homophoben Texten präsent sind.