Musik

Warum Künstler das Berliner Pop-Kultur Festival boykottieren

23.08.2017, 15:31 · Aktualisiert: 23.08.2017, 17:30

Es geht um 500 Euro von der israelischen Botschaft

Das Pop-Kultur Festival startet Mittwoch in der Berliner Kulturbrauerei. Doch das Programm hat in der vergangenen Woche einen Kahlschlag erlebt: Mehrere Teilnehmer boykottieren das Festival, weil die israelische Botschaft es mit 500 Euro bezuschusst.

Für das Festival ist das ein schwerer Schlag. Auch wenn Leiterin Katja Lucker betont, dass das Programm aus über 120 Veranstaltungen – darunter Konzerte, Talks und Kunstperformances – bestehe: Die Auseinandersetzung mit Künstlern aus dem arabischen Raum ist ein Schwerpunkt, den das interkulturelle Festival schon in Vorjahren setzte und auch in diesem Jahr wieder setzen wollte.

Jetzt findet sich kein einziger der vier bereits beworbenen arabischen Künstler mehr im Programm, die zum Teil doppelt für ein Konzert sowie eine Diskussion eingeplant waren. Wir erklären, worum es bei dem Boykott geht.

Wer boykottiert das Festival?

Was ist der Grund für den Boykott?

Die Künstler nennen als Grund für ihren Boykott die finanzielle Unterstützung des Pop-Kultur Festivals durch die israelische Botschaft und die Nennung als "Partner" auf der Homepage. Nur die zuletzt abgesprungenen Finnen Oranssi Pazuzu begründen ihre Absage allgemeiner.

Eine Gruppe namens BDS setzt sich für den Boykott Israels ein. Es geht um Waren, aber auch um Künstler. Auf der BDS-Website war fälschlicherweise die Information verbreitet worden, Israel "organisiere das Festival mit".

Die Pop-Kultur-Veranstalter erklärten, dass die israelische Botschaft lediglich Reisekosten der aus Israel stammenden Künstlerin Riff Cohen bezuschusst habe – mit 500 Euro.

Deswegen werde die Botschaft, "wie alle anderen Kultur-Partner auch" auf der Webseite gelistet. Die BDS-Kampagne veröffentlichte daraufhin eine Richtigstellung, blieb aber beim Boykott-Aufruf.

Was ist die BDS-Kampagne?

BDS (Boycott, Divestment and Sanctions) ist eine internationale Kampagne, die sich gegen den Staat Israel richtet. Sie wurde 2005 von mehr als 170 palästinensischen Nicht-Regierungsorganisationen gestartet. Ihr Ziel ist es, Israel wirtschaftlich, politisch und kulturell durch Boykotts zu isolieren. Auf ihren Webseiten vergleichen sie Israel mit dem Apartheidregime in Südafrika.

Über Promis wie Pink-Floyd-Gitarrist Roger Waters oder US-Feministin Judith Butler bauen sie in sozialen Netzwerken Druck auf Veranstaltungen auf. Zuletzt forderten die Aktivisten Radiohead dazu auf, ein im Juli geplantes Konzert in Israel abzusagen. Radiohead spielte trotzdem. Frontmann Thom Yorke erklärte, dass die Auseinandersetzungen äußerst aufreibend und ärgerlich gewesen seien. (Rolling Stone)

Die BDS-Kampagne ist umstritten: Die israelische Regierung stuft BDS als antisemitisch ein. Die Berliner SPD beschloss auf ihrem Landesparteitag im Mai dieses Jahres einen Antrag mit dem Titel "Gegen jeden Antisemitismus! Keine Zusammenarbeit mit der antisemitischen BDS-Bewegung". Die CDU schätzte auf ihrem Bundesparteitag im November 2016 BDS als "eindeutig antisemitisch" ein.

In den USA gibt es in 21 Staaten Anti-BDS-Gesetze. Manche von ihnen untersagen die Zusammenarbeit mit Unternehmen, die Israel boykottieren. Die BDS-Kampagne bewertet das als Einschränkungen der Meinungsfreiheit. (Jewish Virtual Library)

Welche Rolle spielt BDS beim Boykott in Berlin?

Gestartet hat BDS den Boykott wohl nicht. Das war nach eigener Aussage der Künstler Mohammad Abu Hajar. Aber die BDS-Kampagne ruft nicht nur in Deutschland zum Boykott des Pop-Kultur-Festivals auf, sondern auch in Großbritannien. Dort ist BDS stärker aufgestellt.

Die Betreiber der deutschen BDS-Seite erklärten uns per Mail, es habe in Deutschland in der Vergangenheit lediglich "einige kleinere Kampagnen zum kulturellen Boykott" gegeben. "Die Kampagne gegen die Partnerschaft des Pop-Kultur Festivals mit der israelischen Botschaft ist aber sicherlich die erfolgreichste und die, die bisher auf die größte Resonanz stieß".

Laut Pop-Kultur Festival seien viele Künstler innerhalb von "extrem kurzer Zeit" über Facebook, Twitter und zum Teil private Email-Adressen kontaktiert und zum Boykott aufgefordert worden. "Die Menge dieser Nachrichten, die ähnlich lautenden Inhalte und die immense Recherchearbeit zur Erlangung privater Kontakte deutet auf eine sehr koordinierte und professionelle Vorgehensweise hin."

BDS weist den Vorwurf der Festival-Veranstalter zurück, Künstler unter Druck gesetzt zu haben. Soweit man wisse, sei die Kontaktaufnahme "höflich und respektvoll" gewesen.

Was sagen die Künstler?

Überzeugt: Mohammad Abu Hajar

Mohammad Abu Hajar ist mit seiner Mazzaj Rap Band als Erster abgesprungen. Er ist wütend über die Behauptung der Festivalleitung und den Tenor in vielen Medienberichten, die boykottierenden Künstler handelten vor allem unter dem Druck der BDS-Kampagne: "Das ist rassistisch und zutiefst demütigend. Als könnten wir Araber keine eigene Meinung haben."

Der 30-jährige Rapper kommt aus Syrien, lebt aber seit drei Jahren im Exil in Berlin. Vor rund zwei Wochen habe er vom Sponsoring der israelischen Botschaft beim Pop-Kultur Festival erfahren. Er sagt: "Wir haben immer und wir werden immer unterdrückerische Regime boykottieren", sagt Abu Hajar. Israel nennt er dabei in einer Reihe mit Ländern wie "Saudi-Arabien, Iran, Nordkorea, Russland und dem Regime in Syrien".

(Bild: dpa)

Dankt Aktivisten: Emel Mathlouthi

Die prominenteste Künstlerin unter den Boykott-Teilnehmern ist Emel Mathlouthi, die ihren Auftritt ebenfalls früh absagte. Die 35-Jährige setzte sich für die Jasmin-Revolution in Tunesien 2010/2011 ein und gab in der Zeit auch mehrfach Konzerte. Die am 15. August auf Facebook gepostete Bekanntgabe ihres Boykotts am Pop-Kultur Festival wurde mehr als 400 Mal geteilt und mehr als 1700 Mal geliked. Sie habe bei ihrer Zusage für das Festival nicht gewusst, dass Israel es "sponsore".

Furcht vor Staat und Fans: Islam Chipsy & EEK

Mathlouthis Statement erregte online und in tunesischen wie ägyptischen Medien große Aufmerksamkeit. Mahmoud Refat, Manager und Schlagzeuger der ägyptischen Band Islam Chipsy & EEK, teilt bento über den deutschen Agenten der Band in einer längeren Stellungnahme mit, es habe "den Sturm entfesselt" und durch die Reaktionen der Fan-Gemeinde in sechs arabischen Ländern und die in Europa lebenden Araber ("besonders in England") einen immensen Druck auf die Band ausgeübt.

Man lehne zwar ohnehin jede Kooperation mit Israel aus "humanitären Gründen" ab. Selbst wenn die Band aber gewollt hätte, so schreibt Refat - eine Teilnahme an einer Veranstaltung, an der Israel in irgendeiner Weise beteiligt sei, hätte ihr enorm geschadet. Er listet vier Gründe auf, die verdeutlichen, wie weit die Ressentiments gegen Israel verankert sind:

"Erstens: Wir würden von der Geheimpolizei gestoppt und überprüft werden, jedes Mal wenn wir aus Ägypten ein- oder ausreisen wollten. (...) Zweitens: Wir würden von unseren Fans in allen erwähnten Ländern als Verräter behandelt, was eine große Zahl ist – ganz zu schweigen davon, dass wir in Ägypten in 99 Prozent der Veranstaltungsorte nicht mehr auftreten dürften. (…) Drittens: Die Medien hierzulande hätten uns ein Leben lang gekreuzigt. Viertens: Es wäre eine beschämende Sache für unsere Familien."

Wie reagieren Botschaft und Veranstalter?

Die israelische Botschaft erklärte, dass es leider Menschen gebe, die denken, dass es heute in Deutschland möglich sei, Künstler zur Boykottierung eines Kulturevents zu bewegen, nur weil es eine israelische Beteiligung gebe.

"Israel setzt sich gerne für die Kultur in Deutschland, für Kooperationen und für den Dialog generell ein - etwas, das die Befürworter dieses Boykotts nicht anstreben. Diese Menschen fordern, dass sich Künstler in Deutschland gegen Israel stellen". Man bedauere die Versuche, Menschen "mundtot" zu machen.

Die Pop-Kultur-Veranstalter verweisen auf zwei von ihnen verfasste Statements: "Wir glauben daran, dass Diskurs und Dialog der einzige Weg sind, mit den Konflikten in dieser Welt umzugehen", schreiben sie. Gerade Künstler und Kulturschaffende hätten die Pflicht, Netzwerke über Grenzen hinweg zu bauen, "auch wenn wir verschiedener Meinung sind".


Tech

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23.08.2017, 15:07 · Aktualisiert: 23.08.2017, 17:56

Vor einer Woche hat Facebook eine Konkurrenz zu eBay gestartet. Sie heißt Marketplace. Dort kannst du abseits von Flohmarkt- und Ticketgruppen ganz offiziell Sachen verkaufen. Es ist keine wahnsinnig innovative Idee, aber für Facebook ist es ein weiterer Schritt in Richtung des großen Ziels, die eine Plattform für alle Bedürfnisse zu werden. 

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