Bild: Lydon beim Exit Festival 2008 (Reuters / Marko Djurica)

Musik

Johnny Rotten von den "Sex Pistols" hat Punk, Drogen und Butterwerbung überlebt

31.01.2016, 10:43 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:26

Das grenzt an ein Wunder.

John Joseph Lydon alias Johnny Rotten feiert am 31. Januar 2016 seinen 60. Geburtstag. Dass der "Sex Pistols"-Frontmann so lange durchgehalten hat, kann man gut und gerne als medizinisches Wunder bezeichnen.

Als Achtjähriger erkrankte Lydon an schwerer Meningitis, fiel ins Koma und verlor sein Gedächtnis. Später konsumierte er über viele Jahre Speed, Heroin und Kokain in rauen Mengen. Allein seine permanente Gereiztheit, die ihm ins stets gerötete Gesicht geschrieben ist, hätte für andere vermutlich schon den Tod durch Herzinfarkt bedeutet.

Schließlich sind Wut und Aggression die Grundpfeiler seiner Karriere.

Die Entdeckung

1975, in Lydons Heimatstadt London: Der Modeladeninhaber Malcolm McLaren und seine Partnerin, die Designerin Vivienne Westwood, halten nach Models für ihre neue Kollektion Ausschau. Sie betreiben eine Boutique mit dem Namen "Sex", in der sie Punkmode verkaufen. Als der 19-jährige Lydon in einem Pink Floyd-Shirt, auf das er "I hate“ gekritzelt hat, den Laden betritt, erkennen sie in seiner Unangepasstheit großes Vermarktungspotential.

"Punk: Chaos to Couture" im Metropolitan Museum of Art in New York – die Ausstellung zeigte 2013 über 100 Desings, die in den 70er Jahren in Vivienne Westwoods und Malcolm McLarens Londoner Boutique​ "Sex" verkauft wurden.

"Punk: Chaos to Couture" im Metropolitan Museum of Art in New York – die Ausstellung zeigte 2013 über 100 Desings, die in den 70er Jahren in Vivienne Westwoods und Malcolm McLarens Londoner Boutique​ "Sex" verkauft wurden. (Bild: Reuters / Brendan McDermid)

Die Sex Pistols

Modeladeninhaber McLaren, der sich auch als Manager betätigt, sucht gerade einen Sänger für seine neue Band, die "Sex Pistols". Er macht den unbedarften Punk kurzerhand zu deren Stimme. So wird aus John Joseph Lydon der wütende, Gift und Galle spuckende Johnny Rotten, der neben Bassist Sid Vicious die schillerndste Figur in der Band ist.

Der stets übelgelaunte Lydon wird zum Sprachrohr der internationalen No-Future-Jugend. Mit Null-Bock-Haltung rebellieren junge Briten gegen das (Rock-)Establishment und gesellschaftliche Konventionen – und die Sex Pistols liefern den Soundtrack dazu. "God Save The Queen" ist die zweite Single der Band und sorgt für viel Kritik – zum 25. Thronjubiläum Elizabeth II. veröffentlicht, wird das Lied als Angriff auf die Monarchie gesehen. Die BBC weigert sich komplett, das Lied zu spielen.

"Du schreibst 'God Save the Queen' nicht, weil du die Engländer hasst, du schreibst ein solches Lied, weil du sie liebst; und es stinkt dir, dass sie misshandelt wird" schreibt Lydon darüber auf seiner Webseite.

Auch der Song "Anarchy in the UK" wird zur Hymne der neuen musikalischen Bewegung der Arbeiterklasse. Diese findet ihren Ausdruck insbesondere in einem ausgeprägten Do-It-Yourself-Denken – Kleidung und Musik werden selbst gemacht, selbst designt. Statt Perfektionismus und virtuosem Können geht es um Dilettantismus und einfach-mal-machen. Viele Jugendliche greifen selbst zu Gitarre, Bass und Schlagzeug, gründen Bands oder eigene Fan-Magazine.

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Die Trennung

1978 verlässt Lydon nach nur drei Jahren die "Sex Pistols" – im Streit. Über einen Bandkollegen sagt er: "If you look like a cunt and you talk like a cunt, then you are a cunt". Auch von seinem Alter Ego Johnny Rotten trennt er sich und singt fortan unter seinem bürgerlichen Namen.

1996 geben die Sex Pistols ihre Wiedervereinigung bekannt, spielen eine Welttournee mit 72 Konzerten – und trennen sich wiederum. Ab 2002 gibt es weitere, unregelmäßige Konzerte der Band. Lydon singt außerdem in anderen Bands, zum Beispiel bei PiL (Public Image Ltd.), mit denen er erst im Herbst 2015 ein neues Album veröffentlicht. Ansonsten ist Lydon gern gesehener Gast im englischen Trash-TV – oder spielt in Butterwerbung mit.

Ganz gleich aber, in wie vielen englischen Realityshows Lydon auftaucht – und wie sehr er sein hart erarbeitetes Image damit konterkariert – die Rolle des Geburtshelfers für einige der bedeutendsten Bands der (britischen) Popgeschichte hat er für immer sicher.

In seinem Buch "I swear I was there: The gig that changed the world“ rekonstruiert der britische Musikjournalist David Nolan die Ereignisse um ein legendäres Konzert der "Sex Pistols". Bei einem Auftritt in Manchester am 4. Juni 1976 sei eine kausale Ereigniskette ausgelöst worden, schreibt Nolan: Nicht nur, dass zwei der Konzertveranstalter nach dem Konzert beschlossen, fortan als "The Buzzcocks“ Musik zu machen – zu den schätzungsweise 40 Anwesenden in der Konzerthalle gehörten ebenfalls Mark E. Smith, Peter Hook, Bernard Sumner und Steven Patrick Morrissey. Besagte Herren gründeten – angeblich unter dem Einfluss des Gesehenen – in den darauffolgenden Jahren die Bands "The Fall", "Joy Division" (bzw. "New Order") und "The Smiths".

ByteFM schreibt für bento über Musik. Hier kannst du den Livestream hören:

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