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Bild: Homa Arkani

Musik

Wie Musiker in Iran gegen das Regime rebellieren

11.03.2016, 16:13 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:28

Was macht den Untergrund in Iran eigentlich aus? Kurzum: Alles, was gegen die moralische Auslegung des Regimes gelebt und praktiziert wird.

Für die Musik gibt es strenge Vorgaben: Während eine Frau im Background einen Mann begleiten darf, sind Soloauftritte von Frauen verboten. Wichtig ist, dass die Frau mit ihrer Stimme keinen männlichen Zuhörer erregt.

Filmtipp

Der Dokumentarfilm "No Land’s Song" zeigt, was Künstlerinnen erwartet, wenn sie eine Erlaubnis für einen offiziellen Auftritt haben möchten. Zu sehen ist der Film seit dem 10.3.2016 in den Kinos.

Die Regeln werden seit der Revolution 1979 mal strenger mal weniger streng ausgelegt. Das Ministerium für Kultur und islamische Führung (Erschad) ist die zentrale, verantwortliche Instanz für die Überwachung der Medien, Musikveranstaltungen, das Internet, Publikationen, Theatervorstellungen und Kunstausstellungen.

(Bild: Homa Arkani)

Derzeit erlebt die Kulturlandschaft einen Boom an alternativen Ansätzen, die der konservativen Obrigkeit nicht unbedingt schmecken dürften. Lange Zeit waren sie es, die mit ihrer konservativen Auslegung der islamischen Werte für eine restriktive Kulturpolitik sorgten.

Wo Verbote sind, da gibt es auch Wege diese zu umgehen. In Iran saugt man die Lebensweise des "Umgehens" bereits mit der Muttermilch auf. "Zirzamin", "Keller", so nennen die jungen Iraner ihre Musik, die im Untergrund stattfindet. Das Wort ist über die Jahre zu einem Synonym für den aktiven Protest geworden.

Ganz so ungefährlich ist dieser Protest nicht.

Zwei Mitglieder der iranischen Metal-Band "Confess" sitzen derzeit im "Evin" Gefängnis in Haft. Die Vorwürfe:

  • Gotteslästerung
  • betreiben eines illegalen und satanischen Labels im Untergrund
  • Kontakt zu verbotenen Radiostationen
  • das Schreiben von anarchistischen und antireligiösen Texten

Den Inhaftierten droht die Todesstrafe und es ist noch nicht klar, wie die Sache ausgehen wird. Es heißt, dass sie sich mit ihren Anwälten auf den bevorstehenden Prozess vorbereiten. Ihr Song "I'm Your God Now!" war Anlass für die Revolutionswächter, die Jungs zu verhaften.

Dabei ist das strenge Vorgehen des Regimes nur eine Farce: Alles, was zensiert wird, findet meist trotzdem statt, auch wenn man dafür sein Leben aufs Spiel setzt – ob in einem Studio im Keller, ob durch eine als Forschungsprojekt getarnte Aufführung an der Uni, ob bei einer Party in einer Villa am Kaspischen Meer oder in einem Garten am Rande der Stadt hinter hohen Mauern.

Impulse und Inspirationen holt sich die junge Generation aus dem Internet, von der Verwandtschaft, die aus L.A. zu Besuch kommt oder vom letzten Türkeiurlaub. Ihre Musik zeigt: Iran ist einfach näher an Europa und Amerika dran, als es manch einem vielleicht bewusst oder gar lieb ist.

Wir stellen einige Bands vor:

1/6

Erfan & Sogand

Rap mit persischen Songtexten? Das geht und klingt gar nicht mal so fremd für westliche Ohren. Neben Texten über das harte Leben in Iran, den Protest, den Aufruf zum Zusammenhalt, gibt es auch die romantischen Songs. Themen, die eine lange Tradition in der persischen Literatur und Lyrik haben. Rap legt diese lange Tradition, die von vielen sehr gern angenommen wird, auf moderne Art aus. Erfan & Sogand sind beide als Produzenten und Solokünstler sowohl in Iran als auch in der Diaspora sehr erfolgreich.

Hichkas

Hichkas ("Niemand") repräsentiert über die Landesgrenzen hinaus den iranischen Straßen-Rap. 021, die Vorwahl Teherans, ist das Zeichen der Zugehörigkeit der Gruppe um Hichkas herum. Gebildete Jungs, die auf der Straße herumlungern, weil das System für sie keine Perspektiven bietet.

King Raam

King Raam ist ein Künstler, der es geschafft hat, aus dem Untergrund an die Oberfläche zu treten. Er wurde mit seiner Punkband "Hypernova" in Teherans Untergrund bekannt. Aufgrund der Repressionen entschloss er sich, das Land zu verlassen, um im Exil musikalisch Fuß zu fassen. Doch seine Solokarriere als Singer-Songwriter zwischen London, New York und Los Angeles gestaltete sich nicht so erfüllend, wie er es sich wahrscheinlich dachte. Dafür wuchs seine Fanbase in Iran stetig an.

Die neue liberale Aura, die von der jungen Generation vor Ort vorangetrieben wird, beflügelte ihn dann so sehr, dass er 2014 wieder nach Teheran gezogen ist, wo er zum ersten Mal in seiner Heimat offiziell mit seinen neuen Songs auftreten durfte.

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