1. Startseite
  2. Musik
  3. Interview mit Juicy Gay - Der erste offen schwule Rapper Deutschlands

Musik

Juicy Gay: "Homosexualität sollte kein Tabuthema sein - auch im Hip-Hop nicht"

11.01.2016, 17:23 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:25

"Ich spritze mit meiner Wasserpistole in dein Gesicht"

Juicy Gay dürfte der erste offen schwule Rapper Deutschlands sein, er ist damit ein Novum in einem Land, in dem Angela Merkel sagt, dass sie sich ja nicht als einzige damit schwer tue, homosexuelle Paare 100 Prozent gleichzustellen. Um dann im Nachsatz zu verlangen, dass man so etwas sagen dürfen muss, "ohne damit Menschen diskriminieren zu wollen". Nicht verwunderlich also, dass in so einer Gesellschaft "Schwuchtel" auch immer noch als Punchline in Rap-Battles funktioniert.

"Rapper sagen No Homo, aber lutschen mir den Schwanz. Und danach putzen sie die Guns und küssen meine Hand."
Juicy Gay - Bei Tag

Die Musik von Juicy Gay, 19 Jahre alt, bewegt sich jedenfalls zwischen Trap, Cloud Rap, R'n'B, Swag Rap und Boom Bap. Er selber möchte das nicht kategorisieren, weil er von Projekt zu Projekt die Stile variiert. War seine EP "Musik ist Haram" (Soundcloud) noch stark von Trap geprägt, überwiegen auf seiner aktuellen EP "HipHop stirbt für mich" (Soundcloud) R'n'B und Cloud-Rap-Einflüsse. Die EP gehört bereits jetzt zu einer der spannendsten Rap-Veröffentlichungen der 2016er Spielzeit und sind ein wunderbarer Grund für ein Interview:

Deine aktuelle EP heißt "HipHop stirbt für mich". Im gleichnamigen Song stellst du die These auf, dass du und deine Musik nur existieren können, wenn der Hip-Hop stirbt, der vor dir da war. Was willst du damit sagen?

Auf Twitter hat mir mal ein Typ geschrieben, dass er schon seit Jahren Hip-Hop hört, aber bevor er meine Musik freiwillig hört, würde er lieber sterben. Dann denke ich, wenn er so true ist, dann soll er halt sterben für mich. Juckt mich doch nicht. Dasselbe passiert ja auch, wenn Hip-Hop-Portale meine Songs posten und dann irgendwelche "Real-Keeper" darunter schreiben: "Das ist kein Hip-Hop." Wenn man dann auf deren Profile geht, sind das halt immer so alte Leute, die auf den Neunziger Jahren hängengeblieben sind.

Das Witzige daran ist ja, das du unter dem Namen "Kellerkind" selber Neunziger-Rap machst. Dein "HipHop stirbt für mich" Cover ist eine Referenz an Ice Cubes "Death Certificate"-Cover (discogs) von 1991. Und wenn du Musik von Savas hörst, dann ist es immer sein Frühwerk aus den Neunzigern.

Deswegen verstehe ich den Konflikt auch nicht. Ich finde das megalustig, dass die meine "Kellerkind"-Sachen feiern würden. Aber ich glaube auch, dass die Ablehnung daher kommt, dass sie meine Juicy-Gay-Videos nicht mal anklicken. Die schreiben einfach darunter: "Was 'ne Scheisse".

Wieso ist es für dich kein Wiederspruch, Neunziger-Boom-Bap und den modernen Sound gleichzeitig zu machen?

Weil ich beides genau gleich viel höre. Ich habe früher nur Boom Bap gehört. Als Trap in Deutschland aufkam, habe ich das schon mitbekommen. Aber es hat mich nicht interessiert. Vor etwa einem Jahr habe ich dann angefangen, Money Boy zu hören. Durch den habe ich begonnen, diese US-Trap-Sachen zu checken. Ich finde diese beiden Welten auch nicht so weit auseinander. Für mich ist beides Rap.

Trotzdem hast du dir für deine aktuelle Musik einen neuen Namen gesucht. Warum hast du dich für Juicy Gay entschieden?

So etwas hat in Deutschland gefehlt. Dann ist mir der Name in den Sinn gekommen, und ich dachte: Der juckt, kann man machen. In Amerika gibt es unter anderem Mykki Blanco, sie geht auch öffentlich mit dem Thema um (Anmerkung: Mykki Blanco ist Transvestit und rappt.) Also habe ich erst mal so einen Track gemacht. Ich dachte, das interessiert eh keinen. Dann hat mich Money Boy angeschrieben, und wir haben Tracks gemacht. Alle haben positiv reagiert, und ich habe mich bestätigt gefühlt.

"Ich bins, Deutschraps Revoluzzer. Martin Luther, yeah! Ich bin Gay. Ich bin Juicy. Ich bin fame. Ich hab Groupies, yeah!"
Juicy Gay - Bei Tag

Bist du eigentlich Mitglied der Glo Up Dinero Gang von Money Boy?

Ich bin affiliated. Ich hänge ab und zu mit denen auf Konzerten ab. Die sind alle sehr nett und sehr höflich. Ich kann nichts Negatives sagen. Auch Money Boy ist ein richtig höflicher Typ.

In den den Texten der GUDG sind immer wieder Textpassagen, in denen festgestellt wird, dass man "no Homo" sei. Oder Worte wie "Schwuchtel" und "Faggot" werden als Schimpfwörter benutzt. Wie denkst du darüber?

Ich bin das gewohnt von Rap-Musik. Auch all das frauenverachtende Zeugs. Das ist eben der Battle-Shit. Ich finde, man muss im "real rap" alles sagen dürfen. Deshalb hat mich aber die GUDG niemals abgeschreckt.

Für dich sind das also "Battle-Lines", und du empfindest das nicht als homophob?

Nein.

"Oh nein. Ich sag dir eins. Bist du gay so wie Juicy. Kann es passieren, dass du ein Headchop bekommst mit der Uzi."
Juicy Gay - Musik ist Haram

Was sagst du den Kritikern, die davor warnen, dass Jugendliche diese Worte übernehmen und im Alltag unreflektiert nutzen?

Es kommt darauf an, wie man es sagt. Wie bei vielen Sachen. Meinst du, die Jugendlichen checken nicht, wie es gemeint ist? Das ist natürlich die Frage. Dann sollen die Kritiker doch die Kinder aufklären. Statt immer rumzuheulen, sollen die mal lieber Klartext mit denen sprechen.

Du hast grob drei Kernthemen: Deine Sexualiät, die absurd gehaltenen Cloud-Rap-Einlagen, und dann hast du stark politisch geprägte Texte - woher das letztere?

Gute Frage. Ich weiß es nicht. Ich schreibe halt über das, was mir auf dem Herzen liegt. Wenn ich irgendwas sagen will, dann sage ich das ganz offen in meinen Texten - und politisches gehört halt dazu.

Kann es sein, dass du häufiger als andere mit diesen Themen konfrontiert bist, und es deshalb deine Art von Mittelfinger an "besorgte Bürger" und Nazis ist?

Ich habe ehrlich gesagt noch nicht wirklich darüber nachgedacht. Wo du es jetzt sagst, kann schon sein. Mir liegen die Sachen jedenfalls am Herzen.

Wenn du einen Song machst wie "Musik ist Haram", wie kommst du auf die Idee?

Ich habe das Video geschaut, in dem diese Aussage von Dennis Cuspert getroffen wird und irgendwann macht es Klick. Dann will ich den Song sofort aufnehmen. Was mich inspiriert, sind diese Absurditäten. Ich interessiere mich für absurde Sachen. Kennst du die Serie "Black Mirror" (Wikipedia)? Da sind nur krass absurde Sachen zu sehen. Und die regen mich zum Nachdenken an. Ich finde so etwas unfassbar faszinierend. Ich habe es all meinen Freunden gezeigt, und die finden es alle scheiße (lacht).

Dann hast du mit Kool Savas etwas gemeinsam, er schwärmt auch für diese Serie. Zufällig spielt er in einem deiner Songs auch eine sehr wichtige Rolle. Du hast seine Line "Alle MC's sind schwul in Deutschland" aus seinem Neunziger-Klassiker "Schwule Rapper" genommen und konsequent zu Ende gedacht: Was wäre, wenn wirklich alle MCs schwul wären? Also berichtest du auf deinem "Trapgaylord" Mixtape im Lied "Schwule Rapper 1" davon, dass Kool Savas dir in seinem Pool einen bläst, dass du mit Farid Bang zärtliche Zungenküsse austauschst, dass du Samy Deluxe durch sein Haar streichst, und er dir im Gegenzug oral Sex anbietet. Wie bist du auf diese Ideen gekommen?

Nun ja, seit Jahren sagen Rapper zueinander "Ich ficke dich, ich ficke dich", wenn die Beef haben. Und immer, wenn ich so was höre, finde ich das natürlich etwas lustiger als die anderen Zuhörer.

Ist dir bewusst, dass du wahrscheinlich der erste offen schwule Rapper in Deutschland bist?

Kann schon sein. In Amerika gibt es ja ein paar. Und in Deutschland gibt es Sookee (YouTube), die erste offen lesbische Rapperin hierzulande.

Sookee im bento-Interview

Wie gehst du damit um, dass du wahrscheinlich in Zukunft von Medien sehr stark auf das Image des "schwulen Rappers" reduziert werden wirst?

Ich weiß, dass das Image sehr helfen kann, Aufmerksamkeit zu erzeugen. Aber ich hoffe auch, dass ich nicht nur darauf reduziert werde und die Musik mehr in den Vordergrund rückt. Homosexualität sollte kein Tabuthema mehr sein - auch im Hip-Hop nicht. Aber bis dahin ist es noch ein weiter Weg. "Wasserpistole" habe ich einigen Leuten aus meiner Klasse gezeigt, und tatsächlich keiner hat den Track verstanden. Die haben alle gedacht ich rappe nur über Wasserpistolen.

Zum Abschluss eine Frage für die Insider: Stimmt es, dass du an einem Album arbeitest, das "Schwuler Samt" heißen soll?

Yes, sir. Zur Zeit mache ich aber etwas anderes und habe das Thema "Schwuler Samt" etwas in den Hintergrund gedrängt, aber es droppt auf jeden Fall in den nächsten zehn Jahren. Würde ich mal sagen.

Noch mehr Cloud-Rap