Musik

Warum auch du auf eine ESC-Party gehen solltest, obwohl du lieber Indie hörst

14.05.2016, 10:53 · Aktualisiert: 12.07.2016, 21:46

Lassen wir das, mit dem Schönreden. Der Eurovision Song Contest ist nicht unbedingt für das bekannt, was man im Allgemeinen unter Hochkultur versteht. Diesen einen Samstag macht genau das den Reiz aus. Statt im Club versammelt man sich vor dem Fernseher.

Grelle Lichter scheinen den verschwitzten Kandidaten ins Gesicht, ernsthaft bemüht tragen sie das vor, was andere unter der Dusche komponiert haben. Ihre Körper stecken in unvorteilhaften Kleidern, während es Glitter von der Decke regnet. Und das Publikum? Es macht einfach das Beste daraus.

In der Fotostrecke: Diese Dinge brauchst du für eine gelungene ESC-Party

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Der Abend verläuft immer gleich: Irgendjemand stellt eine WG zur Verfügung, in der ein wild zusammengewürfelter Haufen von Menschen aufeinandertrifft, um sich mit Hochprozentigem auf den Showact des Jahres vorzubereiten.

And I find it kinda funny, I find it kinda sad

Anders als bei Bundestagswahlen verspürt man beim ESC keinerlei Druck, sich zuvor Gedanken über die Qualität der Kandidaten zu machen und kann gleich zum Eskapismus übergehen. Songcontest-Partys, sie bieten seit Jahren die optimalen Bedingungen für Party-Blamagen.

Während die einen gar nicht mitbekommen, dass ihnen gerade die Chance auf einen kostenlosen Abend im Popzirkus genommen wird, bereiten sich andere wochenlang auf das Party-Spektakel vor. Zur letzteren Sorte würde auch ich mich gerne zählen; im Endeffekt tauche ich einfach dort auf, wo man mich eingeladen hat und hoffe als Österreicherin auf das Beste:

Kitschige Balladen, Männer mit pinkem Lidschatten und 0 Punkte für Germany.​

Auf ESC-Partys ist alles möglich, sogar, dass man sich nicht mit Tocotronic-Fans über den richtigen Musikgeschmack streitet. Selbst die Wahl eines Films fällt weg, womit zwei der größten Störfaktoren im zwischenmenschlichen Miteinander beseitigt wären.

Stattdessen konzentriert man sich auf das wirklich Wichtige im Leben: Buffets, deren fleischlastige Zusammensetzung an den 60. Geburtstag deines Onkels erinnert. Es gibt hier wie dort: Salat mit zu viel Mayonnaise und Hackfleisch in Igelform.

(Bild: bento )

All around me are familiar faces

Soziologisch betrachtet sind ESC-Partys wohl irgendwo zwischen Geburtstagsfeiern einer losen Bekanntschaft und Weihnachtsfeiern beim festen Freund einzuordnen. Die Szenerie ist weder zu familiär, noch zu szenig; jeder darf in Joggingshose kommen, ohne für das fehlende modische Engagement gerügt zu werden.

Sit and listen, sit and listen

Zum Start des Trash-Events begeben sich alle 30 Gäste gleichzeitig vor den 20-Zoll-Fernseher und hoffen auf einen komfortablen Sitzplatz auf der WG-Couch vom Sperr-Müll.

Wichtig ist, dass sich Essen und Getränke in unmittelbarer Nähe befinden und sich ein bis zwei Menschen für das professionelle Nachfüllen der Shots verantwortlich fühlen. Eingeladene Minderheiten wie Kroaten, Slowaken oder Rumänen tragen mit regionalen Alkoholika zum allgemeinen Wohlbefinden bei und versuchen gemeinschaftlich, das Rätsel um die Funktionsweise von Trickkleidern zu lösen.

Das Trinkspiel "Jedem Land sein Brand" organisiert sich dabei quasi von selbst. Getrunken wird, sobald die Windmaschine angeht. Spätestens nach dem vierten Track ist alles sehr, sehr lustig. Während einem Berliner Luft in die Hose läuft, regt man sich kollektiv über die unfaire Punktevergabe auf.

Fragen, die man sich außerdem stellt: Wird es dieses Jahr wieder brennende Pianos geben? Clowns mit Tutus? Ja, vielleicht sogar einen Gastauftritt von Dieter Bohnen? Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass auch ohne sein Zutun unter dem Vorwand der künstlerischen Ambition schief gereimt, schlecht geklaut und falsch gesungen wird. Hier liegt die Königsdisziplin: All das zu ertragen, obwohl man sonst am liebsten Radiohead hört.

Ja, vielleicht freut man sich sogar über die eigene kulturelle Erhabenheit, die Schwabos nur milde über Auftritte osteuropäpischer Babicas lächeln lässt. Endlich kann man wieder in Ruhe zusammen Pizza essen, ohne dabei an untergehende Flüchtlingsboote zu denken. Der ESC ist wie DSDS für Erwachsene, die am nächsten Morgen lieber angetrockneten Slivovice statt Crunchips aus ihrem Bauchnabel kratzen.

Ausnahmsweise.


Musik

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Als Sub-Label vom Berliner Sonar Kollektiv gegründet, schuf Dixon eine Institution, die den deutschen House aus dem Minimal-Sumpf herauszog, in dem er bis 2007 steckte. Wir sollten ihm dafür dankbar sein, während wir den exzellenten Sets aus dem Hause Innervisons auf der Terrasse lauschen.