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Cloud Rap: Ist das Kunst oder kann das Rap?

22.12.2015, 16:43 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:24

Alles über Hustensaft-Musik

Nonsense-Texte, verträumte, aber wuchtige Beats und jede Menge eigentlich verschreibungspflichtigen Hustensaft für den Codein-Rausch, um besser drauf zu sein: So lässt sich Cloud Rap beschreiben. Klingt skurril? Ist es auch.

Wegdiskutieren oder kleinreden lässt sich das Phänomen nicht mehr. Dabei ist der Begriff Cloud Rap weder einheitlich definiert, noch in der Hip-Hop-Szene wirklich beliebt. Es handelt sich eher um eine Spielart, sich Hip-Hop zu nähern. Ein Blick auf die Szene:

LGoony

LGoony fliegen die Herzen der Rapszene zu. Der junge Kerl kann bereits Features mit etablierten Rap-Größen wie Zugezogen Maskulin und Casper aufweisen. Das Spannendeste: Er gehört zwar zu den größten Cloud-Rap-Stars 2015, verweigert sich aber der völligen, textlichen Bedeutungslosigkeit und der ständigen Wiederholung, was ja eigentlich zu den Charakteristika des Cloud Rap gehört. Sein Zeugnis für die Deutschrapklasse von 2015 ist dementsprechend auch eine der am meisten zitierten Textpassagen des Jahres:

"Wie ich schon sagte, im Game sind nur Bitches, ihr denkt nur an Business, wie hoch die Klicks sind, wie hoch der Profit ist, und sei es mit Fitness, jeder vergisst es, das ist gar nicht wichtig, es geht nicht um Zahl’n, es geht um Musik und nicht um Profit, wen jucken die Charts? Ihr betrügt die eigenen Fans mit Gimmicks, die man irgendwann wegwirft Ich will, dass jeder scheiß Rapper mit Premium-Box sich angesprochen und schlecht fühlt"


Crack Ignaz

Auch das Debutalbum von Crack Ignaz erfreute sich 2015 größter Beliebtheit: "Kirsch" erschien auf dem Kölner Label Melting Pot, das sonst eher für klassische Boom-Bap-Beats und durchdachte Texte steht. Schön old school: Swag und Geld spielen keine Rolle. Inhaltlich sind Crack Ignaz' Zeilen nicht so schwanger wie die von LGoony. Aber auch er unterscheidet sich vom Rest der Szene: Die sonst im Cloud Rap oft übertrieben stark und häufig angewendeten stilistischen Merkmale finden sich bei ihm kreativ, abwechslungsreich, stilvoll oder ironisch eingesetzt. Im Januar 2016 kommt das Album "Geld Leben". Die erste Single davon, "James Dean", macht bereits jetzt Lust auf mehr.


Lil B

Der 1987 geborene Lil B ist seinen eigenen Aussagen nach 2 Pac, der Vater von Gott und der "based god". Seine Fans, oder besser gesagt Jünger, rekrutierte er bei MySpace, Twitter und YouTube, seine Musik veröffentlicht er seit jeher überwiegend in Form von Videos oder kostenlosen Mixtapes, wovon er bisher um die 50 veröffentlicht hat.

Zusammen mit acht Alben und zahllosen Freestyles ergibt sich eins der Kernmerkmale von Cloud-Rap: Man spart sich den Umweg über Labels und Marketingpläne - teils werden Songs soundtechnisch nicht mal ordentlich fertigproduziert. Was "fertig" ist, wird per Soundcloud, YouTube oder als kostenloser Download veröffentlicht. Masse statt Klasse also. Das ergibt in der Folge keine Diskografien oder katalogisierbaren Veröffentlichungen, sondern eine Wolke.


Yung Lean

Einer von Lil Bs Twitter-Followern in Schweden, Yung Lean, eiferte Anfang der 2010er Jahre mit seiner Crew, den Sad Boys, dem "based god" nach. Er übernimmt den Vertriebsweg von seinem Vorbild und wird so zu einem der ganz großen Cloud-Rap-Vorreitern in Europa. Fischermütze auf, Scheibenwischer-Gesten im Video und dazu Beats, die deutlich eher nach Lil B, Strip Clubs und Crack-Höhle klingen als nach schwedischem Jugendzimmer. In Zeiten der Cloud ersetzt gefühlte Authentizität die Realness.

Optisch fährt Yung Lean den gleichen Film wie akustisch: Atmosphärischer Nonsens überwiegt. Transformers, Geldscheine, Blütenblätter, Windows-Screenshots, Grafik-Glitches und natürlich Fast Food und Soft Drinks aus den USA. Vieles davon findet sich bald in den Videoclips und Album-Artworks deutschsprachiger Rapper wieder. Auch den Hustensaft (engl. "Lean") trägt der junge Schwede übrigens nicht nur in Videos regelmäßig in der Hand, sondern auch in seinem echten Namen: Jonatan Leandoer Håstad.


Hustensaft Jüngling

Ob Hustensaft Jüngling, einer der Sprösslinge aus Money Boys Crew, die Faszination für das Medikament von Yung Lean oder von diversen anderen US-amerikanischen, dauerhaft an Husten leidenden Lyrikern hat, spielt keine Rolle. Die Glo Up Dinero Gang um Money Boy zelebriert nicht nur das im Rap kanonisierte Gras, sondern auch allerlei chemische Aufputsch- und Entspannungsmitel, zum Beispiel Dirty Sprite (Limo mit Hustensaft):


Money Boy

Und damit wären wir dann auch endlich bei Money Boy und seiner Glo Up Dinero Gang, bestehend aus einem harten Kern um Hustensaft Jüngling und Medikamenten Manfred. Veröffentlicht wird mindestens im Wochentakt, mangelhafte Sing Skills werden mit Autotune ausgeglichen, beim Ausbleiben neuer Songs über mehrere Tage werden Fans mit lustlos vorgetragenen "Freestyles" und wackligen Facebook-Videos (fast 200.000 Views!) bei Laune gehalten.

Abgesehen von komödiantischen Glanzmomenten wie zum Beispiel MC Smooks "Grinden mit Delfinen" oder dessen neuen Hotline-Bling-Weihnachts-Smash-Hit "Baby Pinguin Love" sorgt die GUDG bei den meisten Rapfans eher für Verwirrung. Die Omnipräsenz des von Anglizismen durchsetzten "Money Boy Sprech" (sogar bei Circus Halli Galli) und dass "der Boy" dieses Jahr seinen Turn-Up sogar beim Rap-Event des Jahres, dem Splash-Festival, zelebrieren durfte, stieß so einige vor den Kopf.

Man munkelt, Sebastian Meisinger, der als Money Boy mit "Dreh den Swag auf" 2010 so richtig durchstartete, habe irgendwann nach seiner Uni-Abschlussarbeit über Gangsta Rap (kein Witz!) die Bodenhaftung verloren. Oder schlicht vergessen, wo Sebastian Meisinger aufhört und Money Boy anfängt. Nonstop Nonsens. Im Ernst. Ironie des Schicksals.


Cloud-Rap-Hoffnungsträger

Damit der Artikel nicht so trübe endet, gibt's hier noch drei KünstlerInnen, die wohl ohne Money Boys Vorarbeit heute nicht so präsent wären, wie sie es zum Glück heute sind. Dabei repräsentiert keiner von ihnen, genau wie keiner der vorhin genannten Künstler, DEN Cloud Rap. Aber sie borgen sich alle in verschiedener Intensität die Ästhetik, die atmosphärischen von Snare & tiefen Bässen geprägten Soundteppiche, die Autotune-Stimmenverzerrung und die programmatische Bedeutungslosigkeit sich immer wieder wiederholender Worthülsen.

Haiyti aka Robbery

Haiyti aka Robbery aus Hamburg schwimmt auf der Cloud-Popularitätswelle mit, spielt mit der trashigen Ästhetik und nimmt gerne Money Boy Features mit. Andererseits scheint sie stärker vom Dirty South der USA und vom Trap geprägt zu sein und liefert cloud-untypisch wenige, dafür aber nicht so cloud-typisch sinnentleerte und dahingerotzt wirkende Releases ab.


Juicy Gay

Juicy Gay ist "der Schwule aus der neuen Schule" und führt Kool Savas's klassisches Mantra "alle MCs sind schwul in Deutschland" mit seinen Texten regelmäßig ad absurdum. Auf seiner jüngsten EP lässt er Hip-Hop für sich sterben und singt von Autotune-Effekt unterstützt über Liebe, Versace und Tee trinken.


Yung Hurn

Und dann ist da noch Yung Hurn, der mit "Opernsänger" und "Nein" 2015 richtig abgefahrenes Zeug abgeliefert hat und damit als einer der Fahnenträger der Cloud-Rap-Bewegung in nächster Zeit gelten dürfte - ohne, dass er im engeren Sinne rappt.

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