Bild: dpa/Gian Ehrenzeller

Musik

Warum Caspers neues Album sein bestes ist

02.09.2017, 20:04 · Aktualisiert: 02.09.2017, 20:18

Anti alles für immer – jetzt aber wirklich!

„Anti alles für immer“ –  so erinnerte sich Casper 2011 in „Die letzte Gang der Stadt“ an die aufmüpfigen, aber harmlosen Zeiten mit seiner Jugendclique. Heute gilt das mehr denn je: Auf seinem neuen Album „Lang Lebe der Tod“ wehrt Casper sich gegen Hedonismus, den Druck der Medien und zeigt offen, wie sehr er mit sich selbst kämpft.

In den Songs lässt Casper so tief blicken, wie auf keinem anderen Album zuvor – und macht es damit zum besten seiner Karriere. Dafür hat der 34-Jährige sich Zeit gelassen, sogar die Tour verschoben, ihm war das Album noch nicht gut genug.

Das Warten zahlt sich nun aus: Zehn Songs sind auf der Platte, weniger als auf den Vorgängern „XOXO“ und „Hinterland“, Qualität statt Quantität. Dafür klebt Caspers Herzblut an jedem einzelnen Track.

Der Ton verschärft sich

Der Sound der neuen Tracks ist rauer, die Beats härter. Die Raspelstimme klingt noch kratziger als sonst. Ungewohnt düster erschienen die ersten Auskopplungen „Lang lebe der Tod“ und „Sirenen“, vor allem im Vergleich zu den Songs, die man von Casper gewohnt ist.

Bei Spotify gibt es eine Bonus-Playlist, in ihr verrät der Rapper, welche Songs und Künstler ihn bei der Arbeit am aktuellen Album beeinflusst haben. Im Vergleich zur „Hinterland“-Liste fällt auf: Haudegen wie die Nine Inch Nails und Kanye West haben Indie-Bands wie Daughter oder Okkerville River den Rang abgelaufen.

Als Playlist: Caspers Inspiration

Es stellt sich die Frage: Ey Cas, alles gut bei dir? Nee, nix ist gut, Casper hat keinen Bock auf fishing for compliments:

  • In „Lass sie gehen“ und „Meine Kündigung“ wehrt er sich Halbwahrheiten, die in den Medien über ihn verbreitet werden, kritisiert Homophobie in der Rapszene und verweigert das Heldenpodest, auf das ihn einige Menschen stellen wollen. 
  • „Morgellon“ handelt von Aluhut-Trägern und sonstigen Verschwörungstheoretikern, die sich ihre eigene Wahrheit schaffen.
  • „Wo die wilden Maden graben“ erinnert erst an den gleichnamigen Roman des „Muff Potter“-Sängers Nagel, ist aber eine Kritik Caspers an der nimmersatten Gesellschaft.

Caspers Ansage:

Alles, was ich will, ist kein Teil von euch sein.
Casper
  • In „Alles ist erleuchtet“ rechnet Casper mit Selbstdarstellern ab – und schießt direkt gegen Influencer und Kamerasuchtis.
  • „Deborah“ ist wie ein Schock: Die bleierne Schwere einer Depression wabert über dem Song, Casper spricht über die Lethargie und Einsamkeit, die die Krankheit mit sich bringt. Schließlich gipfeln seine Gefühle in den dunkelsten Gedanken – der „endgültigen Unerreichbarkeit.“ Die brutale Ehrlichkeit lässt einen schlucken.
  • Dann der Höhepunkt der Gefühlsachterbahn: „Flackern, flimmern“. Caspers emotionales Chaos steht nicht nur ihm selbst im Weg, auch seine große Liebe leidet darunter. Die Verlustängste des Rappers sind fast körperlich zu spüren.
Wenn Casper beginnt zu schreien, möchte man am liebsten mitbrüllen, um ihm den Schmerz zu nehmen.

Das Album ist ein Aufruf zur Rebellion, gegen alles und jeden.

Casper hat gekämpft – mit dem Druck von außen, mit der Gesellschaft – vor allem aber mit sich selbst und seinen inneren Dämonen.

Für den Hörer ist das Album wie der kratzigste Wollpullover im Schrank: Die ersten fünf Minuten juckt er unangenehm auf der Haut. Dann aber hält er warm, länger noch als das dünne Sweatshirt, das man so oft anzieht. Casper zwingt die Hörer zum Nachdenken, konfrontiert uns mit unbequemen Tatsachen: Depressionen, der instagramgeschwängerten Egozentrik der Gesellschaft, dem Druck, die Nummer Eins sein zu müssen, und nicht zuletzt der eigenen Endlichkeit. Was bleibt, ist eine von Bass und Finsternis erschütterte Seele.

Auf die Ohren: Caspers neues Album

„Lang lebe der Tod“ ist Caspers Blick in die Zukunft, das „Hinterland“ ist vergessen, das Ende könnte morgen kommen – und Casper bäumt sich noch mal auf.

Anti alles für immer eben.


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