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AnnenMayKantereit: Wenn die Lieblingsband fremdgeht

03.03.2016, 11:16 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:27

Meine Geschichte mit AnnenMayKantereit beginnt am 13. September 2014. Ich wohnte in München, meine beste Freundin Lisa war übers Wochenende zu Besuch.

Schon Wochen zuvor hatte sie mir geschrieben, dass sie unbedingt zu diesem Festival gehen wollte. Elf Bands sollten am Samstag im Feierwerk spielen, ganz zum Schluss: AnnenMayKantereit, vier Jungs aus Köln, die Lisa auf dem kleinen Festival in unserer Heimatstadt zum ersten Mal gesehen hatte. Der Frontmann Henning habe eine supergeile Stimme, sagte sie.

Wir kauften Tickets, 14 Euro, das ist ja nicht viel Geld, dachte ich.

Wir waren nur ein paar Minuten vor Beginn da, trotzdem bekamen wir ohne Probleme einen Platz in der dritten Reihe. Um uns herum standen vielleicht 400 Leute, einige kannten AnnenMayKantereit, viele nicht; man merkte es daran, wie fasziniert sie von Hennings Stimme waren, mich eingeschlossen: "Boah krass!", "So ein junger Typ und so eine alte Stimme!", "Wie macht er das?".

Das Debütalbum ist schon lange vergriffen. Bald gibt es die CD aber wieder zu kaufen, in einer Deluxe-Box zum neuen Album.

Das Debütalbum ist schon lange vergriffen. Bald gibt es die CD aber wieder zu kaufen, in einer Deluxe-Box zum neuen Album. (Bild: bento/Sophia Schirmer)

Nach dem Konzert wollte Lisa unbedingt zum Merchandise-Stand, ich ging mit. Henning war da, wir unterhielten uns über das Festival in unserer Heimatstadt, er erinnerte sich. Lisa ließ sich ihre CD signieren, ich kaufte auch eine; solche kleinen Bands muss man unterstützen, dachte ich.

Heute habe ich "AMK" im Regal stehen, das Debütalbum von AnnenMayKantereit, von dem die Band damals in Eigenregie 6000 Stück veröffentlichte. Auf eBay bekäme ich inzwischen 200 Euro dafür.

Damals, nach meinem ersten Konzert in München, fühlte es sich so an, als hätte ich die Band für mich entdeckt, ich spürte eine Nähe und Vertrautheit, die ich nicht teilen wollte. Einerseits. Andererseits hatte ich wie bei jedem anderen Geheimtipp das Verlangen, andere teilhaben zu lassen, ihnen zu zeigen, was ich gefunden hatte. Vielleicht auch, um mich mit dieser Entdeckung selbst ein wenig zu schmücken.

Seit diesem Abend im Feierwerk habe ich dabei zugesehen, wie AnnenMayKantereit einen beispiellosen Aufstieg hingelegt hat, inzwischen zählen sie zu den erfolgreichsten Newcomern Deutschlands. Irgendwo auf dem Weg zum Erfolg ist die Band abhanden gekommen, die ich im Herbst 2014 kennenlernte. Eineinhalb Jahre später versuche ich, sie in Hannover wiederzufinden.

Zum Greifen nah: AnnenMayKantereit beim Konzert im Feierwerk in München

Zum Greifen nah: AnnenMayKantereit beim Konzert im Feierwerk in München (Bild: bento/Lisa Baluschek)

In den Wochen nach dem Konzert in München hörte ich "AMK" auf dem Weg zur Arbeit – und begann, die Musik richtig zu mögen. Wenn ich anderen "meine" Band vorspielte, hörte ich Sätze wie: "Also nichts gegen deine Lieblingsband, aber diese drei Akkorde habe ich schon öfter gehört."

Vielleicht ist die Musik von AnnenMayKantereit nicht besonders anspruchsvoll, aber sie tut gut. Die Songs holen mich da ab, wo ich bin: im Leben eines ganz normalen jungen Menschen.

Irgendeiner der Texte passt immer.

  • "Du hast mich abgeholt und hingebracht, bist mitten in der Nacht wegen mir aufgewacht. Ich hab’ in letzter Zeit so oft daran gedacht." (Die Eltern zu Hause)
  • "Immer wieder schön, dich wieder zusehen. Wird immer schlimmer, wenn du gehst. Am Bahnhof stehst, um den Zug zu nehmen. Sich lang’ nicht wiedersehen." (Die Fernbeziehung)
  • "In meinem neuen Zimmer stehen noch immer die Kartons, und ich weiß nicht, was ich als Erstes machen soll." (Der Umzug in die neue Stadt)
  • "Und dann geh ich, weil mich irgendwas treibt, obwohl ich weiß, dass mein Kopf noch lange liegen bleibt." (Das Gefühl, wenn man morgens einfach keine Lust hat)

Christopher Annen (25, Gitarre), Henning May (24, Gesang und Klavier) und Severin Kantereit (23, Schlagzeug) machten schon am Gymnasium ab und an zusammen Musik. Nach dem Abitur gründeten sie die Band AnnenMayKantereit.

Anfangs spielten AnnenMayKantereit auf den Straßen Kölns, nach drei Jahren organisierten sie ihre erste eigene Tour. 2014 dann stieß Malte Huck (22, Bass) dazu; seinen Nachnamen nachträglich in den Bandnamen zu integrieren, stand angeblich nie zur Debatte.

Die vier Jungs sind in meinem Alter, ich fühlte mich ihnen auch deswegen so nah, weil wir mir das Gefühl geben, dasselbe normale Leben wie ich zu führen. Das liegt natürlich auch daran, wie sie sich auf Facebook und Instagram inszenieren – von den Konzertfotos mal abgesehen: Fotos im Park, Fotos vom Skaten, Fotos vom Straßenfußball, Fotos vom Kochen, Fotos vom Tischtennis, Fotos vom Schlafen – normal eben.

Heute Geburtstags-Picknick im Grünen für Lars, den alten Sack. Konstanz und Frankfurt ihr wart der Hammer. Morgen gehts weiter nach Erfurt und übermorgen nach Bamberg.Liebst,AMK

Posted by AnnenMayKantereit on Donnerstag, 12. Juni 2014

Seit dem Konzert in München verfolge ich in den sozialen Medien, was Christopher, Henning, Severin und Malte treiben. Ich erfahre in einem YouTube-Clip, dass sie ihre zweite CD via Crowdfunding finanzieren. Ich lese auf Facebook, dass sie für "Barfuß am Klavier" den Webvideopreis gewinnen. Und ich sehe auf den Fotos, dass ihre Konzerte immer größer werden: AnnenMayKantereit vor einer Masse junger Menschen – mit der Zeit mischen sich solche Bilder immer häufiger in meinen Facebook- und Instagram-Feed.

Inzwischen spielen AnnenMayKantereit nicht mehr auf kleinen Festivals, sondern auf großen Bühnen, oft an zwei Tagen hintereinander. Die vier Jungs aus Köln haben schon mit K.I.Z., Milky Chance und den Beatsteaks zusammengearbeitet. Ihre Videos bekommen auf YouTube mehr Klicks als die der Sportfreunde Stiller.

Ihren Erfolg haben Christopher, Henning, Severin und Malte dabei vor allem sich selbst zu verdanken.

Jahrelang machten sie alles allein, organisierten Touren, drehten Videos, produzierten CDs – ohne die Hilfe einer Plattenfirma. Erst im vergangenen August unterschrieben sie einen Vertrag mit Universal, dem größten der drei Major-Label, bei dem auch Justin Bieber, Katy Perry und Helene Fischer unter Vertrag sind.

Seit Februar touren AnnenMayKantereit wieder durch Deutschland und Österreich, fast alle Konzerte sind ausverkauft. Am 18. März erscheint das erste offizielle Studioalbum "Alles Nix Konkretes". Plötzlich interessiert sich das gesamte deutsche Feuilleton für die Band aus Köln: Stern, SPIEGEL, Zeit und Neon planen große Geschichten. AnnenMayKantereit werden als Phänomen bezeichnet, als Stimme einer Generation.

Für eine Band ist wahrscheinlich genau das der große Traum: durchstarten, mit der eigenen Musik so richtig erfolgreich sein, den Weg nach ganz oben schaffen. Und natürlich gönne ich den Jungs ihren Erfolg. Trotzdem: Für mich als Fan fühlt es sich irgendwie seltsam an. Als wäre auf dem Weg nach oben meine Lieblingsband verloren gegangen.

Eineinhalb Jahre nach dem Konzert in München treffe ich AnnenMayKantereit wieder, diesmal in Hannover.

Ich spreche mit Henning und Christopher darüber, wie sie das eigentlich alles erleben (hier ist das ganze Interview). Wirklich überrascht über ihren Erfolg scheinen die beiden nicht zu sein: "Wir können gut nachvollziehen, wie sich das entwickelt hat", sagt Christopher. Warum inzwischen so viele Leute ihre Musik hören? "Weil diejenigen, die unsere Musik am Anfang hörten, nicht müde wurden, uns zu empfehlen", sagt Henning. So wie meine Freundin Lisa.

Im Februar 2016 treffe ich AnnenMayKantereit wieder, in einem Hotel in Hannover.

Im Februar 2016 treffe ich AnnenMayKantereit wieder, in einem Hotel in Hannover. (Bild: bento)

AnnenMayKantereit haben nicht den Anspruch, politisch zu sein, sie wollen Menschen mit ihrer Musik berühren, ihnen ein gutes Gefühl geben. "Sie machen Musik, so wie sie ihnen gefällt", das steht auf ihrer Website.

Daran werde sich auch mit dem Label nichts ändern: "Wir sind uns ziemlich klar darüber, wie wir sein wollen", sagt Christopher. Sie hätten von Anfang an klargestellt, dass sie einen Partner für ihr Projekt wollen – nicht mehr und nicht weniger. "Wir machen unser Ding", sagt Henning.

Wir sind uns ziemlich klar darüber, wie wir sein wollen.
Christopher

Und es stimmt ja: Die Musik von AnnenMayKantereit hat sich eigentlich nicht verändert – auch wenn das neue Album ein bisschen anders klingt, irgendwie perfekter. Laut Henning und Christopher liegt das daran, dass viele Songs schon älter sind und Zeit hatten, "nachzureifen". Und daran, dass sie die CD in einem guten Tonstudio produziert haben.

Was sich verändert hat, ist das Gefühl, das ich habe, wenn ich die Musik von AnnenMayKantereit höre. Das Freundschaftliche ist weg, das Exklusive, das Gefühl, einen Geheimtipp zu kennen, von dem nur Wenige wissen. Wahrscheinlich fühlen sich Musikliebhaber immer so, wenn eine ihrer Entdeckungen plötzlich groß wird. Es ist ein komisches Gefühl.

Als mich meine Mutter an Weihnachten 2015 vom Bahnhof abholte, lief "Oft gefragt" im Radio, inzwischen ist das wohl der bekannteste Song von AnnenMayKantereit. Ich schaltete ab. Irgendwie passte das nicht zusammen: Es fühlte sich an, als würde die Band, mit der ich so lange eine so intime Beziehung geführt hatte, plötzlich mit der Masse fremdgehen.

Geht es den Jungs von AnnenMayKantereit genauso? Sie antworten wie erwartet: "Wir sind dankbar und glücklich, dass unser Lied im Radio läuft", sagt Henning. Und auch wenn immer mehr Leute ihre Musik hören und zu ihren Konzerten kommen, haben sie nicht das Gefühl, die Nähe zu ihren Fans zu verlieren, sagen sie. Schließlich würden sie sich immer noch Mühe geben, mit ihnen in Kontakt zu kommen.

Henning spielt bei einem Konzert in Hannover vor mehr als tausend Fans.

Henning spielt bei einem Konzert in Hannover vor mehr als tausend Fans. (Bild: bento/Lisa Baluschek)

Eineinhalb Jahre nach der ersten Begegnung in München stehe ich jetzt, im Februar 2016, wieder mit meiner besten Freundin Lisa vor einer Bühne, auf der gleich AnnenMayKantereit spielen sollen. Wieder sind wir fast ganz vorne, diesmal waren wir aber mehr als eine Stunde vor Konzertbeginn da.

Um uns herum warten ein paar Jugendliche, ein paar Eltern, vor allem aber sind da Hipster-Mädchen in schwarzen Klamotten und mit Jutebeuteln. Das Konzert ist ausverkauft, insgesamt sollen mehr als 1000 Leute in die Halle passen – nicht riesig, aber für eine Newcomer-Band doch ziemlich viel.

"Hast du damals in München schon gedacht, dass AnnenMayKantereit mal so groß werden?", frage ich Lisa.

"Ich fand die damals schon gut, deshalb bin ich nicht so richtig überrascht. Ich freue mich", antwortet sie.

"Aber findest du es nicht irgendwie komisch, dass jetzt jeder AnnenMayKantereit hört?"

"Nö, wenn man was Gutes kennt, muss man das ja weitersagen."

Als Henning wenig später am Keyboard sitzt und "3. Stock" spielt, fühlt es sich einen Moment lang an wie am Anfang meiner Geschichte mit AnnenMayKantereit: nah, intim, vertraut. Vielleicht liegt es an seiner Stimme, vielleicht am Text, der mal wieder so gut passt.

Fünf Songs später dann "Wohin du gehst", einer der ältesten Songs von AnnenMayKantereit, er stand schon damals in München auf der Setlist. Diesmal können alle den Text auswendig, tausend Menschen singen mit. Der Typ hinter mir brüllt mir ins Ohr – so laut, dass ich Hennings Stimme nicht mehr höre. Und plötzlich ist es wieder da, das Gefühl, in einer Masse unterzugehen.

Nach dem Konzert gehen wir zum Merchandise-Stand. Wir warten eine Stunde, so lange, bis der Betreiber der Konzerthalle uns rauswirft. AnnenMayKantereit kommen nicht.

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