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Fühlen

Ich habe einen Tag mit jungen Eltern verbracht und bin jetzt nervlich am Ende

29.05.2016, 16:00 · Aktualisiert: 29.05.2016, 16:56

Anna und Nils waren früher mal meine Freunde. Dann passierte ihnen das scheinbar größte Wunder, das einem jungen Paar widerfahren kann: Sie wurden Eltern. Die Geschichte einer Tragödie in mehreren Akten.

1. Akt: Flüstern ist das neue Reden

Ich betrete das Wohnzimmer meiner Elternfreunde. Achtung, ab hier bitte die Persönlichkeit drosseln. Seit das zweite Baby da ist, wird in diesem Raum nur noch geflüstert. "Könntest du das nächste Mal bitte nicht klingeln? Du weißt ja nie, wann Jonas-Jeremias schläft."

Anna schaut mich an, als sei ich eine Schildkröte, die hilflos auf dem Rücken liegt. Und genauso fühle ich mich. Entschuldigt das Klingeln, entschuldigt mein freudiges "Endlich sehen wir uns mal wieder!"

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2. Akt: "Scheiße" ist ab sofort verboten

Mein größter Feind in dieser Wohnung? Die "Spongebob"-Spardose.

In die muss jeder zwei Euro werfen, der vor den Kindern "Scheiße" sagt. Ich bekomme Schweißausbrüche, wenn ich die Spardose nur sehe, immerhin sage ich dieses Wort mehrmals am Tag. Aber seitdem Riga sprechen kann, darf die restliche Welt das eben nicht mehr – zumindest nicht ohne Maulkorb.

Wir haben's verstanden, ihr habt euch gern!

Wir haben's verstanden, ihr habt euch gern! (Bild: Pixabay)

3. Akt: Stattdessen ist alles "Pipi" und "Schlafi"

"Mama, ich will das rote Kleid tragen", schreit Riga, als wir gerade in ein Café gehen wollen. Das ist schnell geklärt, denke ich. Kleid drüber und fertig.

Doch den Eltern ist das rote Kleid zu schick für diesen Tag – und deswegen wird eine Familienkonferenz einberufen. Die Teilnehmer: zwei Kleine, die alles in den Mund nehmen, das nicht schnell genug vom Teppich gesaugt wurde – und ihre Eltern, deren Wortschatz auch nicht mehr aus viel mehr als "Pipi" und "Schlafi, Schlafi" besteht.

Nach zwei Stunden beschließe ich, das Theater zu beenden: "Soll sie das Scheißkleid halt tragen. Mann, die ist drei Jahre alt!"

Ich finde mich neben der "Spongebob"-Spardose wieder.

Könnte alles so schön sein.

Könnte alles so schön sein. (Bild: Pixabay)

4. Akt: Statt Wein gibt es Tee

Später am Tag stelle ich dann fest, dass offenbar ein schrecklicher Irrtum vorliegen muss: die Weißweinschorle auf dem Balkon ist durch Früchtetee am Familientisch ersetzt worden. Auf meinem Teller liegen keine Chips, sondern ein Radieschen in Herzform.

Vor dem Essen halten wir uns an den Händen, bedanken uns bei Gott für diese "Gaben". Ob dies der richtige Zeitpunkt ist, um die Anwesenden über meinen Atheismus aufzuklären? "Ich hab Kaka gemacht", sagt Riga.

Feiern, trinken, uns beschenken – wann machen wir das als Freunde mal wieder?

Feiern, trinken, uns beschenken – wann machen wir das als Freunde mal wieder?

5. Akt: Kinder haben bedeutet, das alles andere unwichtig wird. ALLES andere

"Overparenting" nennt Psychologin Wendy Mogel das, wenn Eltern die Bedürfnisse ihrer Kinder über die der Umwelt stellen. In ihren Vorträgen setzt sie sich mit Erziehungsberechtigten auseinander, die ihre Kinder nichts mehr allein regeln lassen: Freundschaften schließen, sich den Hintern abwischen, das Knie aufschlagen.

Auch zwei Drittel der deutschen Bevölkerung glauben, dass die heutigen Kinder übermäßig verwöhnt werden. Davon schreibt Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, in seinem Buch über "Helikoptereltern".

Junge Eltern wie Anna und Nils kommen mir manchmal so vor, als würden sie für ihre Kinder alles stehen und liegen lassen und das auch gern nach außen hin so kommunizieren: Ihr Habitat sind WhatsApp-Gruppen, die sie mit den Bildern und Videos ihrer Kleinen verstopfen. "Like dieses Bild, wenn du meine Kinder auch so süß findest", ist ihre Kampfsprache. Sie überfluten uns mit ihrer Meinung zu Ballerspielen, Impfstoffen, zum Urlaub mit Kind.

Sie halten jedem ihre Brut und dessen Eigenheiten vor die Nase, sagen alle Termine für sie ab, und wenn dann doch mal ein Treffen zustande kommt, ist das Thema Nummer Eins: das Kind oder die Kinder.

Toll, aber auch schade.

Toll, aber auch schade. (Bild: Pixabay)

6. Akt: Das Vorher vermissen

Längst habe ich mich damit abgefunden, dass spontanes Biertrinken gestrichen ist. Kinder verändern nun mal das Leben. Und sicher auch zum Guten. Dass ich in ihrem Leben aber die Rolle einer Blumenvase einnehmen soll, die fehlerlos in der Ecke herumsteht, gefällt mir nicht.

Es ist schwer mit Menschen in Kontakt zu bleiben, die ihre Kinder auf ein unerreichbares Podest heben. Die vergessen haben, warum wir mal befreundet waren.

Ich vermisse Anna und Nils. Vermisse unsere nächtelangen Gespräche und wie die beiden offen über ihre Beziehung sprachen. Für mich ist klar: Ich werde eine lange Zeit nicht mehr bei ihnen klingeln.

"Hier lieben, streiten und vertragen sich Anna, Nils, Riga und Jonas-Jeremias", lese ich auf dem Türschild, als ich das Haus verlasse. Wir führen jetzt verschiedene Leben.

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