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Fühlen

Wie ich mit meiner zweijährigen Tochter über den Tod sprach

11.10.2017, 10:27 · Aktualisiert: 11.10.2017, 11:30

Ulla ist innen hohl und aus Plastik. Sie trägt ein grünes Strickkleid, das meine Oma Ingrid genäht hat. Ulla ist eine Puppe.

Das erzähle ich meiner Tochter, die bald drei Jahre alt wird, während sie auf dem Boden sitzt und mit der Puppe spielt, mit der schon meine Mutter gespielt hat.

Wir sind zum Kaffeetrinken bei meinen Eltern.

"Wo ist Ingrid?" fragt meine Tochter. Puh.

Die Wahrheit ist nämlich: Oma Ingrid ist tot.

Wie erkläre ich einer Zweijährigen, dass wir alle sterben müssen?

Dass wir nur einen begrenzten Zeitraum auf dieser Welt haben? Und dass das ganz schön wehtun kann, aber irgendwie auch okay ist?

Ich denke an all die schmerzhaften Gefühle, die ich mit dem Tod verbinde. An meine Großmutter, die ich viel zu früh an den Krebs verloren habe.

Schließlich sage ich: "Oma Ingrid ist gestorben."

Sie ist auf dem Friedhof. Das ist da, wo du auch schon Kastanien gesammelt hast mit deinen Großeltern.

Sie guckt auf Ulla, in ihrem kleinen Kopf arbeitet es und sie zerrt an Ullas Jacke.

"Wie geht es Ingrid?", fragt sie dann mit zweijährigem Ernst. Ihr Blick ist offen, neugierig.

Sie scheint das Ganze okay zu finden.

Ich will ehrlich zu meiner Tochter sein, weil der Tod etwas ist, das uns im Leben begleitet.

Ich habe nicht das Gefühl, dass sie wirklich versteht, was Tod bedeutet, aber ich möchte trotzdem mit ihr darüber sprechen.

Sie soll nicht in ein paar Jahren davon erfahren und dann überfordert sein. Aber ehrlich gesagt bin ich gerade genau das: Überfordert.

Soll ich ihr sagen, wie weh es tut, wenn eine geliebte Person stirbt? Dass nicht alle Menschen friedlich einschlafen? Und vor allem: Dass manche viel zu früh gehen müssen?

Ich sage nichts davon. Meine Mutter schaltet sich ein:

"Ingrid geht es gut. Sie liegt auf dem Friedhof und hat dort ihren eigenen kleinen Garten", sagt sie.

"Oh Garten, da müssen wir sie mal besuchen", sagt meine Tochter.

Ein paar Tage später treffe ich zwei Freundinnen und erzähle ihnen von unserem Gespräch. "Wie redet ihr mit euren Kindern über den Tod?", frage ich.

Ziemlich schnell wird klar: So nicht.

Ich ernte irritierte Blicke.

Meine Freunde erzählen ihren Kindern, dass die Toten im Himmel sind und zu uns runter gucken.

Ich habe ein schlechtes Gewissen. Habe ich zu viel gesagt? Ist der Tod kein Thema für ein Kleinkind?

Ich gehe in den Verteidigungsmodus: "Sie kennt den Friedhof und hat dazu eine positive Verbindung. Es ist eine Art Park mit vielen Bäumen und vor allem wahnsinnig vielen Kastanien."


Und es stimmt. Sie war schon am Grab ihrer Ur-Großeltern, hat hier Blumen gepflanzt und Engel auf Grabsteinen bestaunt.

Und trotzdem nehme ich mir vor: Das nächste Mal, wenn meine Tochter fragt, dann werde ich den Himmel noch dazu nehmen.

Das ist ja auch eine schöne Vorstellung, dass die, die wir lieben, doch noch da sind. Irgendwie.

Ich denke an eine Geschichte, für die ich ein Paar getroffen habe, dessen Baby bei der Geburt gestorben ist.

Sie sind so gut mit dem Thema Tod umgegangen, so schien es zumindest.

Weil sie der Wahrheit nicht aus dem Weg gegangen sind, weil sie das Leben so angenommen haben, wie es ist. Weil sie sich aktiv mit ihrer Trauer auseinander gesetzt haben. Weil sie gezeigt haben, das Trauern Arbeit ist. Und ein Prozess.

Aber wie erklärt man einem Kleinkind Trauer?

Die Hebamme, die das Paar betreute, sagte im Interview:


Wir haben das Sterben verlernt. Wir wollen den Tod immer ausschließen, von uns fernhalten.

Viele Menschen haben Angst vor dem Tod. Die Geburt und der Tod sind zwei Gewalten, denen wir uns hingeben müssen. Und das in einer Welt, in der wir alles in der Hand halten und steuern wollen.

Hier sind wir machtlos. Und müssen geschehen lassen. Das sind wir nicht gewohnt.

Und das macht etwas mit uns: Wenn Jemand um uns herum stirbt, dann fragen wir uns: Habe ich selbst genug gelebt? Habe ich etwas bewirkt? Sinn gestiftet? Habe ich genug geliebt? Intensiv genug gelebt?

Und wohin gehen wir dann eigentlich?

Verlust, Trauer, Schmerz: All das sind eigentlich keine Themen für eine Zweijährige.

Das Thema beschäftigt mich: Ich rufe meine Bekannte Mary an, sie arbeitet als Koordinatorin im ambulanten Hospizdienst Winterhude in Hamburg. Sie hat viele Menschen in den Tod begleitet, hat ihnen geholfen, mit der Angst umzugehen.

Ich rufe sie an, weil ich denke: Wenn sich jemand auskennt mit dem Tod, dann sie.

"Hätte ich das mit dem Sterben nicht sagen sollen? Und dem Friedhof?", frage ich sie.

Quatsch! Wenn wir offen über das Leben und den Tod sprechen, dann wird das irgendwann so selbstverständlich wie das Eichhörnchen, das einen Baum hochläuft.

"Es gibt da kein Richtig und Falsch", sagt sie. "Und trotzdem wird es immer schwer sein, die richtigen Worte zu finden, weil wir einfach tief traurig sind, wenn wir jemanden verloren haben."Für die Kinder sei das Thema oft nichts Schlimmes, weil sie selbst noch keine Erfahrungen mit Verlust gemacht hätten.

Man sollte den Fragen nicht aus dem Weg gehen, sondern ihnen offen und ehrlich begegnen.

"Kinder können sich sonst in einem Trauerprozess ausgeschlossen fühlen, sie sind eben sehr empathisch. Sie merken, wenn etwas nicht stimmt."

"Ja....", sage ich. "Aber meine Tochter will jetzt unter die Erde krabbeln und Ingrid besuchen."

"Das ist doch eine schöne Vorstellung", sagt Mary. "Sie will halt 'hallo' sagen."

Ein bisschen geht das in die Richtung: In Gedanken bei den Verstorbenen sein, sich an die schönen Momente erinnern – so wie dieses Gespräch bei diesem Besuch mit meiner Mutter und meiner Tochter.

Der Tod gehöre zum Leben dazu, sagt Mary. Wir gehen alle unterschiedlich damit um, und das ist okay.

Aber: "Es ist doch gut, wenn schon Kinder wissen, was da passiert. Dass wir geboren werden und irgendwann sterben."

Letztens ist Puppe Ulla auf den Boden gefallen, sie hat jetzt ein großes Loch in ihrem kleinen Plastik-Puppenkopf.

"Sie ist tot. Sie muss auf den Friedhof", sagte meine Tochter da.

Und dann, fast etwas glücklich: "Dann kriegt Ulla jetzt auch einen eigenen Garten."


Ich finde es im Nachhinein gut, dass ich so offen zu meiner Tochter war. Natürlich wird es dauern, bis sie das Wort "Tod" so versteht wie wir. Bis sie versteht, was "sterben" bedeutet.

Und natürlich spricht jede Familie, jeder Mensch, anders über das Thema.

Einfach, weil wir alle unterschiedliche Erfahrungen gemacht haben. Manche müssen noch expliziter mit ihren Kindern darüber sprechen, weil ein Elternteil gestorben ist.

Andere lassen das Thema erst mal ganz beiseite.

Ich bin froh, dass ich so offen war.

Ich will weiter darüber sprechen. An Weihnachten werde ich mit meiner Tochter die Kekse backen, die meine Oma immer für uns gebacken hat und von ihr erzählen.

Und über alles Weitere rede ich mit meiner Tochter, wenn sie mehr dazu wissen will. Denn dass der Tod ein Thema bleibt, das ist sicher.


Gerechtigkeit

Erstes schwules Paar in Deutschland adoptiert Pflegekind

11.10.2017, 08:39

Es soll deutschlandweit das erste homosexuelle Paar sein, das gemeinsam ein Kind adoptiert hat: Michael, 42, und Kai Korok, 46, sind jetzt ganz offiziell die Eltern eines Jungen, der seit seiner Geburt als Pflegekind bei den beiden lebt. 

Das Amtsgericht Tempelhof-Kreuzberg habe dem Antrag der beiden zugestimmt, teilte der Lesben- und Schwulenverband Berlin-Brandenburg mit.