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Fühlen

Wie ich Darstellerin in einem feministischen Porno wurde

01.10.2015, 07:10 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:20

Die meisten Pornos sind frauenverachtender Mist. Regisseurin Erika Lust will das ändern. Ich habe einen ihrer feministischen Pornodrehs besucht – und kam als Sexfilm-Statistin zurück.

Als ich wirklich realisiere, dass ich gerade in einem Porno mitspiele, sitze ich bereits am Tisch und rede mit Lana Sue über ihre Oma. Seit heute weiß ich, sie hat blondes Schamhaar und eine Blinddarmnarbe. Lana, nicht die Oma. Neben mir plappert Bel Gris. Er ist ein kleiner Mann mit viel Kopfhaar und einem enormen Penis. Ich bin Teil eines Sexfilms und fühle mich entgegen aller Erwartung richtig gut dabei.

Natürlich bin ich wahnsinnig nervös, als ich am Morgen die zum Studio umgebaute Wohnung in der Innenstadt Barcelonas betrete. An dem perfekt eingerichteten Altbau ist aber eigentlich nichts in irgendeiner Form anstößig oder eklig. Na gut, da ragt ein Vibrator aus dem Berg aus Requisiten hervor. Aber im Prinzip könnten wir hier genauso gut die Mordszene für einen "Tatort" oder ein paar Streitereien für eine Vorabendsoap drehen.

Machen wir aber nicht. Die Menschen um mich herum sind gekommen, um den erotischen Kurzfilm "Dear Brother in Law" aufzunehmen. Dabei handelt es sich nicht um irgendeine Erotikproduktion, sondern einen feministischen Porno. Regisseurin ist die 38-jährige Erika Lust. Die gebürtige Schwedin lebt seit 15 Jahren in Barcelona und hat den feministischen Porno zu ihrem Beruf gemacht.

Feministisch heißt dabei nicht, dass hier Lesbensex gedreht wird. Die Intention ist für Erika eine ganz andere: "Früher wollte ich gar keine Pornos machen, weil man sie immer mit etwas Dreckigem und Obskuren verbindet." Erst im Studium habe sie verstanden, dass Sex und Pornografie echt wichtig sind. "Porno beeinflusst, wie wir über Sex und Geschlechterrollen denken. In den meisten Filmen sind die Männer die Hauptfiguren und die Frauen nur hübsche Dekoration." Das gefiel ihr nicht. Logische Konsequenz: die Sache selbst in die Hand nehmen und sich in der Männerdomäne Porno als Regisseurin etablieren.

Tatsächlich sind fast alle in Erikas Filmteam Frauen. Bis auf Hauptdarsteller Bel Gris natürlich, und bis auf Noel Hortas – so schwul wie spanisch -, der als Postproduzent dafür sorgt, dass der Film nach dem Schnitt auch so aussieht wie er soll. Es wird viel gelacht und gealbert und doch bis zur Perfektion professionell gearbeitet. Auf jedes Detail achten Erika und ihr Team – eine Spiegelung in der Ofenklappe oder das zu ordentliche Haar der Darstellerin. Hier entsteht kein klassischer Porno, sondern ein ästhetischer Kurzfilm mit echtem Sex.

Trotz der lockeren Atmosphäre ist ein Mensch am Set mindestens genauso aufgeregt wie ich: Lana Sue. "Dear Brother in Law" ist erst ihr dritter Film und ihren Spiel- und Sexpartner Bel Gris trifft sie heute zum ersten Mal. Er ist ein lustiger Kerl, klein zwar, aber dafür umso mehr Rampensau. Seit etwa fünf Jahren dreht er erotische Filme und hat schon oft mit Erika Lust gearbeitet. In den Pausen zwischen den Takes knetet er Lana die Schultern oder streicht ihr im Gespräch zärtlich über die Arme, um langsam das Eis zu brechen.

Erst als Bel die Nase zwischen Lanas Pobacken vergräbt, erinnere ich mich wieder, warum ich eigentlich hier bin.

Erika erklärt Lana gerade mit lauter Stimme, dass sie die Szene noch ein drittes Mal drehen muss. "Das hat aber nichts damit zu tun, dass du das nicht gut machst. Ganz im Gegenteil! Wir haben leider nur die eine Kamera und müssen gleich die Schnittbilder filmen", sagt sie. Erikas Budget ist klein, für zwei der geliehenen 40.000-Euro-Kameras reicht das Geld nicht. Trotzdem hat die Regisseurin gute Laune, die Freude am Dreh ist ihr wichtig.

"Wir machen Unterhaltung. Unsere Filme sollen Spaß machen und eine angenehme Stimmung vermitteln", sagt Erika. Wenn sie über ihre Produktionen spricht, benutzt sie selten das Wort Feminismus – lieber beschreibt sie sich und ihre Kollegen als "sex-positive". „Wir alle können sehr natürlich über Sex reden und denken“, sagt sie.

Jetzt geht’s an die Pick-up-Szene: Das ist das Rumgeplänkel vor dem Sex. Und während Lana dabei sichtlich entspannter wird, fühle auch ich mich immer mehr wie an einem gewöhnlichen Filmset. Erst als Bel auf Erikas Anweisung hin die Nase zwischen Lanas Pobacken und seine Zunge in ihrer Vagina vergräbt, erinnere ich mich wieder, warum ich eigentlich hier bin.

Bis auf Kamera, Ton und Fotografin verlassen nun alle den Raum, um den Darstellern ihre Privatsphäre zu lassen (wenn man es denn so nennen möchte). Ich starre also gespannt auf einen Bildschirm im Nebenzimmer – und fühle mich zu meinem eigenen Erstaunen sehr, sehr gut. Ich ekle mich nicht und bekomme auch keine schamroten Ohren. Allerdings macht es mich auch nicht an, denn was ich da sehe, ist zwar eindeutig Sex, aber vor allem harte Arbeit. Bei 30 Grad ohne Klimaanlage vögeln sich Lana und Bel etwa 40 Minuten lang durch ein erstaunliches Repertoire an Stellungen. "Deswegen drehen wir die Sexszene immer zuerst. Ich möchte, dass sich jeder dabei noch gut und frisch fühlt und die Energie dafür hat", flüstert Erika mir zu, während sie mit ihrem iPhone ein Bild von jeder Stellung macht, um hinterher die richtigen Schnittbilder filmen zu können.

Über zehn Jahre sind Erika und ihr Freund Pablo Dobner mittlerweile im Pornogeschäft. Und doch feierte ihre Produktionsfirma Lust Films ihren Durchbruch erst im vergangenen Jahr. In zwölf Monaten wuchs das Medienunternehmen von vier auf zwölf Mitarbeiter an. Das gelang dank der Reihe XConfessions, zu der auch "Dear Brother in Law" gehört. Zwei Kurzfilme macht die Regisseurin pro Monat aus den sexuellen Fantasien, die User und Erika-Lust-Fans über die XConfessions-Website einsenden. "Unsere Käufer sind etwa 60 Prozent Männer und 40 Prozent Frauen", sagt Erika. Die Fantasie heute ist die einer Frau, die sich vorstellt, wie es wohl wäre, mit dem Bruder ihres Mannes im Bett zu landen.

Echter Sex mit echten Menschen. Oder so

Echter Sex mit echten Menschen. Oder so (Bild: XConfessions)

Erika sitzt neben mir und rutscht aufgeregt hin und her. "Das ist gut! Sehr schön, wow!" Immer wieder zeigt sie auf den Bildschirm und erkennt dort offenbar ästhetisches Potenzial, das ich nicht sehe. „Klar sollen die Filme natürlich und echt sein, aber sie sind immer noch eine Illusion“, sagt sie, "Wenn du möchtest, dass alles genau so ist, wie wir es aufgenommen haben, dann hast du mit einer sehr guten Kamera gedrehten Amateursex. Und der ist nicht hübsch. Es ist ein Puzzle, die Szenen schön aneinanderzureihen."

Mir wird langsam klar, dass ich mir die letzte Woche vollkommen grundlos ins Höschen gemacht habe. Den ganzen Tag hatte ich nicht ein Mal das Gefühl, dass hier etwas Anstößiges passiert. Bel Gris beschreibt es beim Mittagessen sehr schön: "Porno ist wie McDonalds, aber das was Erika macht, ist die hohe Kunst des Kochens!" Und was für mich tags zuvor noch undenkbar gewesen wäre (eine Statistenrolle im Porno, was sollen nur die vielen potenziellen Arbeitgeber denken, wenn die mich googeln?), bereitet mir am Nachmittag keine Bauchschmerzen mehr.

Als ein Komparse für eine Dinnerszene fehlt, sage ich sofort zu. Denn, liebe Arbeitgeber: Ein feministischer Porno ist nichts, wofür man sich schämen sollte. Immer wieder betonen wir, dass Sex die "natürlichste Sache der Welt" sei. Feministische Pornografie ist ein Statement genau dafür, dass er natürlich ist – und schön. Porno, sagt Erika, sei ein wichtiger Teil unserer Kultur, mit dem vielleicht sogar das oft so verkorkste Bild von Sexualität gerade gerückt werden kann. Es muss halt nur einer machen. Oder noch besser: eine.