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Bild: Pixabay/BhaktiCreative

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Best Friends Forever? Warum Freundschaften nach der Schule oft zerbrechen

02.01.2016, 09:12 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:24

Damals, in der Realschule, gab es nur Lea und mich. Wir waren überall zusammen, in den Pausen, im Klassenzimmer, in der Turnhalle. Wenn die eine zu spät kam, kam die andere auch zu spät. Wenn ich beim Sport nicht mitmachte, saß sie mit mir auf der Bank. Wir lernten gemeinsam für Klausuren, schrieben voneinander ab. Außerhalb der Schule trafen wir uns regelmäßig, sie wohnte nur ein paar Straßen von mir entfernt. Wir redeten über den Zoff mit den Eltern, lästerten über Lehrer und über unsere Zukunft nach der Realschule.

Wir wohnten damals keine 800 Meter voneinander entfernt. Egal was passieren würde, wir bleiben für immer beste Freundinnen. Das war ein Versprechen.

Es hielt nicht lange.

(Bild: Julia Caesar)

Nach dem Abschluss der Realschule, wechselte ich in die gymnaisale Oberstufe, und Lea, die eigentlich anders heißt, begann eine Ausbildung. “Wir bleiben trotzdem in Kontakt”, versprachen wir uns.

In den ersten Wochen ging das noch gut. Wir telefonierten viel und trafen uns regelmäßig, wenn auch nicht mehr so oft wie früher. Nach ein paar Monaten wurde das immer weniger. Sie musste lange arbeiten. Ich lernte viel für die Schule und traf neue Schulfreunde.

Was war passiert?

Horst Heidbrink forscht an der Fernuni Hagen zum Thema Freundschaft, er sagt, viele Freundschaften würden zufällig entstehen. Man geht zufällig zusammen zur Schule, man arbeitet in der gleichen Firma. Räumliche Nähe helfe, eine Freundschaft entstehen zu lassen, sagt Heidbrink. “Wir filtern unbewusst nach Kriterien, wie Geschlecht und Alter.” Wenn eine Person uns in vielen Dingen ähnelt und sympathisch wirkt, spreche schon viel für eine gute Freundschaft.

(Bild: Flickr / Hamed Saber / CC BY)

Nach fast einem Jahr hatten Lea und ich nur noch gelegentlich Kontakt. Da klingelte das Telefon. Am anderen Ende der Leitung erzählte sie mir schluchzend, dass sie sich mit ihrem Freund gestritten habe. Es war aus. Ich versuchte, sie aufzuheitern - wir gingen ins Kino und redeten über früher.

“Was gibt es so Neues”, fragte sie.

“Nichts”, sagte ich.

Dabei gab es so viel zu erzählen. Neue Schule, neue Freunde. Ich wusste, dass ich nach dem Abitur studieren wollte, aber sagte es ihr nicht, weil ich Angst hatte, dass sie mich nicht verstehen würde. Sie arbeitete schon und wollte schnellstmöglich ausziehen, ich lernte noch bei meinen Eltern zuhause für mein Abitur.

Es war nicht mehr wie früher.

Eine Freundschaft gehe oft kaputt, wenn einer ungeschriebene Regeln verletzt habe, sagt Forscher Heidbrink. Wenn der eine Freund das Vertrauen des anderen missbraucht zum Beispiel. Oder wenn der beste Freund nicht beim Umzug hilft und nur sagt: "Du packst das schon“.

(Bild: Flickr / Nishanth Jois / CC BY)

Viel häufiger lebten sich Freunde allerdings auseinander, sagt Heidbrink. Denn oft schließen wir Freundschaften, weil wir gerade in der gleichen Lebenssituation sind. Wir studieren gemeinsam und wohnen zusammen in einer WG. Nach der Schule, dem Studium, dem Auszug kann es schnell vorbei sein, weil der Freund oder die Freundin nicht mehr in die neue Lebenssituation hinein passt. So wie bei Lea und mir.

Mittlerweile hat sie ihre Ausbildung beendet und ist in der Firma geblieben – das weiß ich aus ihrem Facebook Profil. Ich habe angefangen zu studieren. Während der vergangenen Jahre hatten wir noch ein paar Mal Kontakt über Facebook. Es waren kurze Nachrichten

“Wie geht es dir?”

“Gut und dir?”

“Gut.”

Die letzte Nachricht war am 08. April 2014.

Hätten wir verhindern können, dass wir uns immer weiter voneinander entfernen?

“Wenn die Bilanz von Geben und Nehmen in einer Freundschaft im Gleichgewicht ist, kann es auch über größere Distanzen und unterschiedlichen Lebenssituationen funktionieren”, sagt Heidbrink. Das heißt: Wir beide hätten uns umeinander bemühen müssen. Es geht nicht, dass nur einer sich meldet, dass nur einer den anderen ständig zum Essen einlädt, sich seine Sorgen anhört.

Das Gefühl von Nähe sei wichtig, sagt Heidbrink. Dabei könne Nähe auch in sozialen Netzwerken entstehen, eine WhatsApp-Nachricht oder ein Skype-Anruf reichen auch, wenn die beste Freundin gerade im Ausland studiert.

Ich überlege, ob ich Lea wieder eine Nachricht schreiben soll. Dann lasse ich es doch. Es ist zu viel Zeit vergangen.

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