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Fühlen

Mein Weihnachten ist anders, seit ich es mit Hunderten Fremden feiere

24.12.2017, 11:21

Als ich mit vollem Bauch und einem letzten halben Knödel auf dem Teller den riesigen Tannenbaum betrachte und "Stille Nacht" singe, überrollt mich auf einmal ein so intensives Weihnachtsgefühl, dass ich kurz innehalten muss.

Ich sehe die Menschen um mich herum an – wir sind einander alle fremd und doch fühle ich mich gerade genau am richtigen Ort und in genau der richtigen Gesellschaft.

Seit fünf Jahren verbringe ich Heiligabend nun schon nicht mehr zu Hause, sondern feiere ihn mit Hunderten Menschen: Bei der Heiligabendfeier für Obdachlose und Einsame in der Hamburger St. Petri-Kirche.

Ich kann mir kein schöneres Fest vorstellen.

Wer schon in Hamburg war, der kennt die Petri-Kirche. Sie steht direkt an der Shoppingmeile Mönckebergstraße in der Innenstadt. Ein schlichter, kantiger Bau. In der Weihnachtszeit wird er durch ein paar kleine Glühwein- und Kunsthandwerksbuden aufgehübscht, die das Gebäude säumen.

Vor fünf Jahren hat die Kirchenleitung beschlossen, all denen einen Ort zum Feiern zu geben, die nicht wissen, wo sie sonst sein sollen.

Seitdem kommen jedes Jahr bis zu 200 Menschen. Zum Teil haben sie keinen festen Wohnort. Manchmal sind es Personen, die sich für sich und ihre Kinder kein eigenes Fest leisten können. Oder es sind einfach Menschen, die an diesem Abend nicht alleine sein möchten. Seit ein paar Jahren sind auch immer einige Geflüchtete dabei, die in Deutschland keine Familie haben.

Für das festliche Essen im Seitenschiff der Kirche wird jedes Jahr der 18-Uhr-Gottesdienst abgesagt.

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Auch in diesem Jahr wird das so sein. Ab 17 Uhr reihen wir Helfer, etwa 30 Leute, Tische und Stühle auf, zupfen Tischdecken zurecht, verteilen Deko und zünden Kerzen an. Kurz zuvor ging der letzte Weihnachtsgottesdienst zu Ende, erst um 23 Uhr ist der nächste.

Die Stunden dazwischen gehören uns – und den Gästen.

Während wir aufbauen, sammeln sie sich vor der Kirche. Im Eingangsbereich bekommen sie einen Begrüßungstee, warten auf das Öffnen der Türen und darauf, ihren Lieblingsplatz zu ergattern. Denn viele von ihnen kommen jedes Jahr.

Während tagsüber etliche Organisationen Feste veranstalten und Essen ausgaben, gibt es am heiligen Abend meist kein Programm. Die Ehrenamtlichen sind dann bei ihren Familien. Doch viele Menschen haben genau dann keinen Ort, an dem sie sein können oder möchten. Sie kommen hierher.

(Bild: privat)

Um 18.15 Uhr gehen die Türen auf. Ich stehe neben dem Tisch, den ich als Gastgeberin betreue. Zehn Stühle stehen darum, einer gehört mir, einer meiner Mutter – die auch jedes Jahr dabei ist. Die anderen müssen nun besetzt werden. Von wem, das weiß man vorher nie genau.

Ich erinnere mich noch gut an Peter*, der sich im vergangenen Jahr an meinen Tisch setzte. Ich freute mich über das bekannte Gesicht. Wir hatten uns in meinem ersten Jahr kennengelernt. Damals saß er zunächst schweigsam in der Runde. Ich wollte ihn ins Gespräch einbinden, wusste aber nicht genau wie.

Ich wollte ihn nicht fragen, warum er hier ist. Oder ob die Tüten neben ihm bedeuten, dass er auf der Straße lebt.

(Bild: privat)

Immerhin konnte es sein, dass er nicht darüber sprechen wollte. Also fragte ich ihn nach seiner Lieblingsmusik, als er zu dem gerade angestimmten Weihnachtslied zwar in sein Textbuch schaute, aber nicht mitsang. Das war offenbar ein gutes Thema, denn ab da summte er lächelnd vor sich hin – und kaum eine halbe Stunde später schmetterte er weihnachtliche Gospelsongs.

Eine Frau am Nachbartisch, die sich extra Perlenkette und Pelzmantel für den Anlass angezogen hatte, wiegte sich fröhlich im Takt.

Neben ihr unterhielten sich drei hübsch gekleidete Frauen, die sich schon vom Vorjahr kannten und extra zu dem Essen verabredet hatten. Ich hörte dem Mann neben mir zu, der den Tisch mit seinen Witzen unterhielt. Beim dritten Nachschlag ächzte er, dass er viel zu voll sei – aber seit drei Tagen nichts mehr gegessen habe und sich deshalb gern noch eine vierte Portion mitnehmen würde, wenn das denn ginge. Es ging.

(Bild: privat)

Jeder kann hier sein, wie er oder sie ist. Manche reden sehr frei von ihrer Geschichte. So wie Michael*, den ich in meinem zweiten Jahr kennenlernte.

Er erzählte mir, dass er früher ein erfolgreicher Geschäftsmann war. Er lebte im Luxus, fuhr teure Autos. Bis er alles verlor.

"Glücksspiel", sagte er. Er wohne nun in einer kleinen Wohnung im Hamburger Osten. Von seinem alten Leben war nicht viel geblieben. Er kam zur Feier, weil er hier einen netten Abend verbringen kann. Auf seinen Tellern lagen Gänsekeule, Rotkohl und Knödel. So ein Festmahl würden sich viele, die hierher kommen, alleine nicht zubereiten.

Das Essen wird jedes Jahr von einem Caterer spendiert. Damit seine Angestellten am Heiligabend nicht arbeiten müssen, steht der Chef einfach selbst mit seiner Familie hinter der Essensausgabe.

Im Hintergrund spielt einer der Helfer Klavier, seine Tochter singt dazu. Kinder spielen zwischen den Kirchenbänken fangen.

Die Stimmung ist so friedlich – ich möchte in diesem Moment nirgendwo anders sein.

Denn ich lerne hier jedes Jahr Menschen kennen, mit denen ich sonst kaum Berührungspunkte hätte. Diese Begegnungen bereichern mich und ich hoffe, dass es den anderen Menschen genau so geht.

Mein Eindruck ist, dass sich alle freuen, den Abend zusammen zu verbringen. Dadurch entsteht ein besonderes Gefühl der Gemeinsamkeit. Klingt kitschig, aber dieses Gefühl kannte ich vorher nur aus Weihnachtsfilmen, in denen plötzlich alle zusammen in Gesang ausbrechen.

Wenn nach und nach jeder mit einer Geschenktüte in der Hand geht, denke ich jedes Mal über vergangene Weihnachtsfeste in meinem Leben nach. Früher war meine ganze Familie immer bei meinen Großeltern. Sie hatten ein gemütliches Haus auf dem Land bei Hannover. Vor einigen Jahren starb mein Opa, kurz darauf verkaufte meine Oma das Haus. Meine Eltern sind ohnehin geschieden, deshalb war Weihnachten für mich seitdem nur noch dieses Gefühl, miteinander zu essen und Spiele zu spielen. Aber es gab nicht mehr diesen einen sentimentalen Ort.

Bis ich die Heiligabendfeier in der Hamburger Innenstadt entdeckte. Und die ist für mich jedes Jahr das schönste Geschenk zum Fest.

*Die Personen, die in dieser Geschichte vorkommen, baten darum, dass ihre Namen geändert werden.


Fühlen

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Dann lässt die Wehe nach und mit ihr die Kraft der Gebärenden. Kathis Schulter wird entlastet. Beide atmen durch.