Bild: Lana Petersen

Fühlen

Wenn wir uns küssen, starren alle

04.05.2016, 16:04 · Aktualisiert: 04.05.2016, 16:28

"Wann hört das endlich auf?", fragt unsere Sex-Kolumnistin.

Jetzt im Frühling ist es Zeit, über Zuneigung zu sprechen, über knutschen, fummeln, Händchenhalten auf der Straße, im Park oder auf Partys. Diese sichtbare Intimität kann sich sehr schön anfühlen, wenn man verliebt ist und das am liebsten allen zeigen möchte. Nur leider kann das nicht jeder.

Queere Paare zum Beispiel müssen mit blöden Kommentaren rechnen, wenn sie händchenhaltend spazieren gehen, manchmal werden sie bedroht oder sogar angegriffen. Auch Menschen, die mit mehr als einer Person zusammen sind, erregen Aufmerksamkeit. Oder Paare, die den gängigen Schönheitsidealen nicht entsprechen, weil einer etwa sehr dick, sehr groß oder sehr klein ist.

Über unsere Sex-Kolumnistin Gul

Gul ist Mittzwanzigerin, Großstädterin und gender/queer. Das heißt: Gul steht auf Frauen, Lesben, Femmes, Bois, Butches, Femmebois, Agenders und andere Personen, die spielerisch mit ihrem Gender umgehen.

Hetero-Paare können auf Partys aufeinander herumsitzen und Trockensex haben, vermutlich stört sich der ein oder andere daran, kommentieren tut es aber meist niemand.

Mir fällt es oft schon schwer, einem Date öffentlich meine Zuneigung zu zeigen – es sei denn, wir sind gerade von vielen anderen queeren Menschen umgeben, auf einer Party zum Beispiel. Meist fühle ich mich unsicher, wenn ich die Hand der Person nehme oder sie küsse – zu oft habe ich schon schlechte Erfahrungen gemacht. Fremde gafften uns an, beschimpften uns als "Scheißlesben", fragten, ob sie uns beim Sex zuschauen oder sogar mitmachen dürfen. Deswegen schließe ich mich meist auf dem Klo ein, wenn es um mehr geht als ein paar Küsse.

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Ich halte mich aber nicht nur aus Angst vor den Reaktionen anderer in der Öffentlichkeit zurück: Ich finde es einfach nicht so cool, bei jeder Gelegenheit als Paar sichtbar zu sein.

Auf Deutschlands Straßen sehe ich gefühlt dreißig Paare auf 100 Metern, heterosexuelle Paare. Dieses Bild vermittelt den Eindruck, als gehöre eine romantische Mann-Frau-Beziehung zum normalen Leben dazu. Dieses Bild hat sich so stark verfestigt, da ist es kein Wunder, dass alle davon abweichenden Paare be- und schlimmstenfalls abgewertet werden.

Ich kann und will natürlich niemandem verbieten, in der Öffentlichkeit zu knutschen.

Ich finde, wer sich als heterosexuelles Paar ständig inszeniert und gleichzeitig für "die Rechte von Homosexuellen" einsteht, sollte sein Paar-Verhalten mal überdenken. Denn viele Homosexuelle verstecken sich auch deshalb, weil es für sie keinen Raum gibt, in dem sie ihr Begehren ausdrücken könnten – den nehmen nämlich schon die ganzen Heten ein. Wer also Raum für Queerness wünscht, muss ihn schaffen, in vielen Fällen heißt das: Platz abgeben.

Ich kann und will natürlich niemandem verbieten, in der Öffentlichkeit zu knutschen. Ich möchte aber dafür sensibilisieren, dass viele queere, dicke, polygame Personen ihre Liebe in der Öffentlichkeit verbergen. Dass es ein Privileg von heterosexuellen Paaren ist, sich immer als Paar auf der Straße zu zeigen – und sich dabei sicher zu fühlen.

Im Optimalfall dürften sich natürlich alle Menschen so verhalten, wie sie wollen, ohne sich vor Übergriffen oder Kommentaren fürchten zu müssen. Bis es soweit ist, könnten wir alle unsere Rituale der Zuneigung mal überdenken.

Was bedeutet der Hinweis "Meinung"?

Unsere Autoren und Redakteure argumentieren klar, meinungsstark, manchmal polemisch. Unsere Kommentare sind, das liegt in der Natur der Sache, absolut subjektiv und müssen nicht der Meinung der gesamten Redaktion entsprechen. Wir wollen weder unseren Lesern noch unseren Kollegen vorschreiben, wie sie über einen Sachverhalt zu denken haben; wir wollen zur Debatte anregen – und freuen uns auf den Dialog. (Mehr Fragen und Antworten zum Redaktionsalltag findet ihr hier: FAQ)

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Man darf annehmen, dass der EU-Digitalkommissar auch kein Verständnis für weniger prominente Nutzer hat, die den eigenen, nackten Körper auch fotografisch festhalten wollen - und die Fotos vielleicht sogar mit anderen teilen.