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  3. Migrationsanteil in der Schule: Warum ich gern mit Ausländern zur Schule gegangen bin

Bild: dpa / Hendrik Schmidt

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In meiner Grundschulklasse hatten acht von zehn Kindern ausländische Wurzeln

06.03.2016, 08:32 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:27

Mir hätte nichts Besseres passieren können

Mit dreieinhalb Jahren bin ich mit meinen Eltern aus Kasachstan nach Deutschland gezogen, drei Jahre später, 1995, wurde ich eingeschult in Garbsen, Niedersachsen. Meine Mitschüler hatten russische Wurzeln, polnische, türkische, kurdische, arabische, teilweise lebten sie – wie ich – erst ein paar Jahre in Deutschland, teilweise schon in der zweiten Generation. Von 24 Schülern hatten 20 einen Migrationshintergrund. Noch heute liegt der Migrationsanteil an meiner alten Schule bei 60 Prozent, so hoch wie an keiner anderen Schule der Stadt.

Damals lernte ich die Spezialitäten der anderen schnell zu schätzen: In den Pausen teilten wir regelmäßig unsere Snacks. Spielerisch tauschten wir uns aus, lernten die Kulturen der anderen kennen und akzeptierten die Unterschiede.

(Bild: Privat)

An dieser Schule sah ich nicht nur eine Gesellschaftsschicht, sondern alle: Ich spielte mit Kindern, die gerade ausgewandert oder geflüchtet waren, deren Familien sich erst ein Leben in Deutschland aufbauen mussten. Ich spielte mit Kindern von Akademikern sowie mit Kindern, deren Eltern mehrere Jobs hatten, um finanziell zu überleben. Ich spielte mit Einzelkindern und Kindern, die sich Nachmittags um ihre acht Geschwister kümmern mussten. Manche Eltern meiner Mitschüler waren seit Jahren arbeitslos, andere nahmen Drogen, tranken, manche schlugen oder wurden geschlagen.

Es tat mir manchmal weh, das mitzubekommen. Es hat mich aber auch gut vorbereitet auf das Leben nach der Schule: Ich habe nicht nur mal in einem Zeitungsbericht gelesen, dass es soziale Unterschiede gibt. Ich habe sie erlebt.

Erst im Herbst forderte der Deutsche Philologenverband eine Flüchtlingsquote: "Schon wenn der Anteil von Kindern nicht deutscher Muttersprache bei 30 Prozent liegt, setzt ein Leistungsabfall ein", warnte Verbandschef Heinz-Peter Meidinger in der "Neuen Osnabrücker Zeitung". "Dieser wird ab 50 Prozent dramatisch." (SPIEGEL ONLINE)

(Bild: Privat)

Viele Akademiker-Eltern fürchten sich geradezu vor Schulen mit hohem Migrationsanteil: Sie wollen für ihre Kinder die beste Ausbildung und studieren deswegen Migrantenquoten, in der Hoffnung davon die Bildungserfolg abzuleiten. Eine Auswertung von mehr als 900.000 Zugriffen auf Online-Schulportalen in Berlin und Sachsen im Jahr 2012 bestätigt, dass Portalnutzer vor allem versuchen, den Ausländeranteil herauszufinden (Zur Auswertung als PDF).

Dabei haben Schulen in sozial schwachen Vierteln schon jahrelang Erfahrung, der Migrantenanteil steigt schließlich nicht von einem Tag auf den anderen. Natürlich gibt es auch Schulen, wo die Lehrer überarbeitet sind. Aber trotzdem: Meist haben diese Schulen ein Programm erarbeitet, das auf ihre Schüler zugeschnitten ist. Auch die Lehrer haben schon lange Klassen betreut und an weiterführende Schulen verabschiedet. Wie wäre es mit etwas mehr Vertrauen?

(Bild: Privat)

Ich bin heute dankbar dafür, dass ich an meiner Grundschule keinen Druck spürte. Die Leistungsstufen in der Klasse unterschieden sich, die Lehrer verteilten deswegen Zusatzaufgaben für die Leistungsstärkeren und sie unterstützten die Schwächeren. So sah ich schon als Kind, dass es gute und weniger gute Leistungen gibt. Vor allem aber sah ich, dass niemand ein schlechterer Mensch ist, nur weil er in der Schule nicht brillierte.

(Bild: Privat)

Gleichzeitig hat mich meine Grundschulzeit auch sehr motiviert: Ich wollte es weiter schaffen. Ich wollte später nicht zwischen drei Jobs hin- und herspringen wie die Eltern mancher Mitschüler oder gar jahrelang arbeitslos sein. So habe ich früh verstanden, dass es eigenen Ehrgeiz und Fleiß braucht, um aus dem Leben was zu machen.

Wer nach Deutschland flieht, tut es auch, um seinen Kindern ein besseres Leben zu ermöglichen. Oft weckt das in Kindern den Ehrgeiz, schnell Deutsch zu lernen und in der Schule gut abzuschneiden. Studien bestätigen, dass Schüler aus Auswandererfamilien häufig besonders motiviert sind einen höheren Bildungsweg einzuschlagen (SPIEGEL ONLINE).

Meine Grundschulzeit hat mir weder am Gymnasium noch jetzt an der Uni geschadet, nie hatte ich das Gefühl, dass andere mehr gelernt hätten als ich. Im Gegenteil: Ich bin mir sicher, dass ich durch meine 23 Mitschülern und ihre verschiedenen Kulturen viel über die Gesellschaft und das Leben erfahren habe. Kein Lehrbuch kann das vermitteln.