Fühlen

Rebecca hat Vaginismus – kein Sex ohne Krämpfe und Schmerzen. Wie geht es ihr damit?

09.01.2017, 11:04

Rebecca, 26, hat lange einfach kein Glück mit Männern. Sobald es zur Sache geht, wird es schwierig für die Jurastudentin aus München.

"Manchmal hab ich vorher drei Schmerztabletten genommen und sie mit zwei Gläsern Wodka hinuntergespült", sagt sie.

Heute weiß Rebecca, die eigentlich anders heißt, dass sie an Vaginismus leidet. Eine unwillkürliche Verkrampfung der Vagina und des gesamten Beckenbodens, die vor allem beim Sex auftritt und deren Ursache bislang wenig erforscht ist. Bei Vaginismus ist eine ärztliche Untersuchung oder nur das Einführen eines Tampons oft nicht ohne Probleme möglich. Sex ist wegen der Krämpfe meist unerträglich.

"Ich kann schon von Glück reden, wenn der Typ überhaupt reinkommt", sagt Rebecca. "Alles weitere bedeutet dann aber purer Schmerz für mich. Bei meinem ersten Mal dachte ich noch, das sei normal. Jungfrau, unerfahren und so weiter."

Was bedeutet Sex, was bedeutet Liebe? Vielleicht steckt die Antwort in diesen Bildern:

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Rebeccas erste Beziehung dauert drei Jahre, zu Beginn ist sie gerade 17. Sex bereitet ihr jedes Mal große Probleme. Ein Brennen, ein Engegefühl, ein Stechen, das bis in die Beine strahlt: Das fühlt Rebecca, wenn sie mit ihrem Freund schläft.

Das Paar hat deswegen kaum Sex, in den letzten eineinhalb Jahren der Beziehung gar keinen mehr. "Ihm hat es natürlich auch keinen Spaß mehr gemacht. Immer musste ich mich überwinden, meist habe ich abgelehnt", sagt Rebecca. "Anfangs hat er geglaubt, er mache etwas falsch."

Sex wird für Rebecca ein notwendiges Übel, um den Mann, den sie liebt, bei Laune zu halten. Dabei ist sie selbst alles andere als lustlos – sie will. Aber sie kann nicht.

Vaginismus gehört, genau wie Impotenz, zu den offiziellen sexuellen Funktionsstörungen, so definieren es die ICD 10, die Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten. Wer an Vaginismus leidet, hat oft traumatische Missbrauchserfahrungen erlebt oder panische Angst vor Sex.

Manchmal sind auch körperliche Ursachen verantwortlich für die Verkrampfungen. Kleine Hautrisse, Verletzungen im Lendenwirbelbereich, Hormonschwankungen, organische Verformungen oder eine mangelnde Scheidenfeuchtigkeit können die Schmerzen auslösen.

Mit ihrem Problem geht Rebecca zum Frauenarzt – bevor sie sich jemandem anders anvertraut. Der Arzt kann allerdings nichts Körperliches feststellen.

"Das war eine sehr beschämende Erfahrung", sagt sie. "Da stehst du als Teenager vor einem Fremden und erklärst ihm, dass du glaubst, bei dir sei alles zu eng." Nach der Untersuchung habe er ihr andere Stellungen, Gleitgel und Massagen empfohlen. "Das war mir damals so unangenehm, dass ich den Arzt wechselte", sagt Rebecca.

Mir war das so unangenehm
Rebecca

Auch im Laufe der Jahre tut sie sich schwer damit, sich ihren Freundinnen zu öffnen.

"Man spricht ja ständig über Sex. Ich wollte da nicht hinterherhinken. Und auf keinen Fall diejenige sein, bei der irgendwas nicht stimmt. Ich hatte furchtbare Panik, dass ich eines Tages in die Schule komme und alle sich über mich lustig machen."

Die Unbeschwertheit ist dahin: “Es ging mir nur noch darum, nicht anders als alle anderen zu sein – die ja anscheinend viel Spaß an der Sache hatten."

Auch mit ihrer Familie will die Kommunikation nicht funktionieren. Geschwister hat Rebecca keine – den Eltern möchte sie nichts erzählen. Obwohl sie sie als liberal und nicht verklemmt beschreibt, fühlt sie sich von ihnen nicht ernst genommen.

"Ich suchte das Gespräch mit meiner Mutter. Aber sie war der Meinung, es sei einfach eine Frage der Zeit und Erfahrung."

Dann beginnt ein langer Weg, eine lange Suche nach Antworten.

Haben Sie einfach mal sanfteren Sex
Ärzte von Rebecca

Es geht von Arzt zu Arzt zu Arzt. Was viele ihre raten: "'Haben Sie einfach mal sanfteren Sex'", erinnert sich Rebecca. "Gerade Frauenärzte haben mir nie richtig zugehört. Es war unfassbar schwierig, zu erklären, dass ich eben gar keinen Sex haben kann."

Im ersten Jahr des Studiums zerbricht schließlich die Beziehung zu ihrem Freund. "Natürlich nicht nur wegen des miserablen Sexlebens. Aber das hat auf jeden Fall dazu beigetragen."

Ihm will sie aber keine Vorwürfe machen. Auch für ihn sei es eine schwere Zeit gewesen, sagt sie. "Er war ja ebenso jung und unerfahren."

Nach der Trennung macht sie zwei Jahre lang einen großen Bogen um Männer. Intimität mit anderen gibt es für sie nicht. Sie lebt in völliger Abstinenz.

Ihr Problem kann sie so vorübergehend vergessen. Doch rückblickend findet sie, dass sie dadurch wichtige Dinge verpasst hat. Dates, WG-Partys, neue Kommilitonen kennenlernen – aus allem habe sie sich komplett herausgehalten.

Wann auch immer sich jemand für sie interessiert, geht sie auf Abstand. “Für viele Jahre habe ich keine sexuelle Identität entwickeln oder herausfinden können, was ich mag und was nicht."

Nun steht eine Menge Arbeit vor mir
Rebecca

Kurz nach ihrem 23. Geburtstag sind sich endlich zwei Experten einig: Ein neuer Frauenarzt und eine Osteopathin diagnostizieren, dass Rebecca tatsächlich Vaginismus leidet – unter einem Beckenbodenkrampf, der anatomisch nicht zu begründen ist.

Die Ärzte stellen fest, dass sich Rebeccas Beckenbodenmuskulatur bereits bei der Untersuchung verkrampft. "Ich konnte die Beine kaum auseinander machen", sagt sie. "Auf der einen Seite war ich erleichtert. Aber mir war klar, dass nun eine Menge Arbeit vor mir steht."

Sie weiß nun, dass sie weder verrückt, noch die einzige Frau auf der Welt ist, die diese Erfahrung macht. Eine wichtige Erkenntnis.

Zur Schmerzlinderung empfiehlt man ihr Dilatoren. Stäbe von geringem Durchmesser, mit denen die Vagina wieder an das Eindringen gewöhnt werden kann.

"Die Dinger sind grauenhaft", sagt Rebecca.

"Die Betroffenen verbinden oft qualvolle Erfahrungen mit dem Prozess des Eindringens", sagt Christine Horn, Physiotherapeutin, die in ihrer Praxis in Südtirol Patientinnen behandelt, die einen schamerfüllten Zugang zu Sex haben. "Ob eine Behandlung mit unangenehmen, kalten Metallstäben da hilfreich ist, mag ich bezweifeln."

Anstelle von Dilatoren könne ein Beckenbodentraining helfen, sagt sie. Dabei lernen die Frauen das bewusste An- und Entspannen ihrer Muskulatur, der Atem wird geschult, die Durchblutung und Nervenversorgung einzelner Organe stimuliert.

Während der letzten Züge des Studiums macht Rebecca Beckenbodentraining. Sie hat sich in einen Kommilitonen verliebt – und er sich in sie. Ihm ihr Leiden gestehen, das will sie aber nicht.

"Wie soll man das sagen? Wann ist dafür der richtige Zeitpunkt? Im Bett? Bei einem Bier?"

Doch das Training und Yoga-Meditation helfen ihr sehr. Als es zum ersten Mal zwischen ihr und dem Kommilitonen kommt, trinkt sie vorher trotzdem wieder ein wenig. Für den Mut.

Bald jedoch wird ihr klar, dass sie mit diesem Mann noch einmal schlafen will – nüchtern.

"Als ich mich schließlich dazu durchgerungen hatte, mit ihm zu sprechen, sagte er mir sofort, dass ich zusätzlich zum Training auch eine Psychotherapie machen sollte." Er sei erfahrener gewesen, ruhiger als ihr erster Freund, sagt Rebecca. "Wenn es eben mal nicht geklappt hat, zuckte er mit den Schultern und wir haben eben etwas anderes gemacht."

Du brauchst eine Psychotherapie
Rebeccas Freund

Rebecca kann sich nicht daran erinnern, jemals ohne Schmerzen Sex gehabt zu haben. Ein Missbrauch oder ein Trauma sei in ihrem Leben aber nie vorgefallen, sagt sie. Braucht sie also wirklich auch noch eine Psychotherapie?

Vor zehn Monaten beginnt sie eine. Es geht darum, herauszufinden, warum Sex nicht nur Schmerzen auslöst, sondern immer wieder auch Angst – ohne, dass es ein Schlüsselerlebnis gibt, anhand dessen man das erklären könnte.

"Der Körper hat eben ein Schmerzgedächtnis", sagt Beatrice Wagner, Sexualtherapeutin in München. Sobald sich Sex auch nur anbahne, löse der Organismus eine Panikreaktion aus. Das könne sich über die Zeit intensivieren. "Es ist ein Teufelskreis."

Rebecca sagt, dass sie unglaublich gern einmal Kinder haben und eine Familie gründen will.

Durch ihr Leiden ist dieser Wunsch für einige Zeit in unsichere Zukunft gerückt.

Doch der neue Freund, die Therapien und die Meditation zeigen erste Wirkung. Intimität könne sie mittlerweile genießen, sagt Rebecca. Auch, wenn es bei ihr nicht zwangsläufig immer zum Sex kommen muss. "Der ist zwar mittlerweile möglich aber noch nicht ideal. Doch ich mache nicht bei der ersten Berührung völlig dicht und verfalle in Panik".

Sie wünsche sich, dass der Vaginismus sie nicht mehr beeinflusse. "Ich bin eigentlich kein schüchterner Mensch. Ich will einfach endlich Spaß an der Sache haben."


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