Fühlen

Warum ich mich im Bett gern unterwerfe – und trotzdem Feministin bin

04.01.2017, 17:07 · Aktualisiert: 04.01.2017, 17:17

"Lila ist die Farbe der sexuell unbefriedigten Frauen." Zum ersten Mal hörte ich diesen Spruch in der achten Klasse. Als der gleiche Klassenkamerad mich "Emanze" nannte, protestierte ich schneller, als ich nachdenken konnte.

Mit 13 Jahren wollte ich vor allem sexy sein, auch wenn mir Gleichberechtigung eigentlich schon damals wichtig war. Die Idee, dass sich Feminismus und ein gutes Sexleben ausschließen, hält sich hartnäckig. Wer sie verbreitet, verfolgt vor allem ein Ziel: Frauen zu verunsichern. Inzwischen habe ich gelernt, dass beides geht.

Doch bis es soweit war, habe ich mir viele Fragen gestellt: Muss, soll, darf ich mich sexy kleiden? Ist es okay – oder gar wünschenswert – beim Blasen auf die Knie zu gehen? Ist Ejakulation ins Gesicht per se erniedrigend?

Vor allem verunsicherten mich meine Fantasien, handelten sie doch oft von Unterwerfung: Manchmal stellte ich mir beim Masturbieren vor, Unbekannte würden mich auf einer geheimnisvollen Sexparty festhalten und mich lecken. In der Realität hingegen war es extrem wichtig für mich, dass meine Grenzen respektiert werden. Jedes Drängen verursachte Panik.

Wer ist Livia?

Livia Augustin, Mitte 20. Kaffee, Wein und Worte sind ihr Elixier. In der bento-Sexkolumne resümiert sie Schlüsselmomente, durch die sie lernte, was sie (nicht) will – im Bett und im Leben.

Als ich "My Secret Garden" von Nancy Friday las, wurde mir einiges klarer. Friday beschreibt darin sexuelle Fantasien von Frauen, die teilweise politisch unkorrekt sind, auch die höchst umstrittene Vergewaltigungsfantasie. Deshalb waren manche Feministinnen entsetzt von ihrem Werk.

Ich hingegen fühlte mich erleichtert. Später lernte ich den Unterschied zwischen sexuellen Fantasien und Wünschen: "Fantasien finden (nur) im Kopf statt, sexuelle Wünsche zielen darauf, in der Wirklichkeit ausgelebt zu werden", schreibt der Sexualtherapeut Michael Petery in seinem Blog.

Wenn ich davon fantasiere, überwältigt zu werden, dann geht es um Kontrollverlust und den damit verbundenen Adrenalinkick; ich möchte das aber nie in Wirklichkeit erleben. Ich weiß, wovon ich spreche – ich habe zwei Mal sexuelle Übergriffe erfahren. Sie waren furchtbar und ekelerregend.

Manche meiner Fantasien entwickelten sich jedoch zu sexuellen Wünschen. Ich setzte sie nach und nach mit Partnern um, denen ich vertraute. Mit Frauen habe ich bisher keine solchen Machtspiele im Bett ausprobiert – hoffentlich ändert sich das noch...

Mit meinen Partnern vereinbarte ich Safewords, meist war ich diejenige in der submissiven Rolle. Ich bin keine Hardcore-Masochistin, aber ich mag Schläge auf den Po (härter) und ins Gesicht (sanfter), an den Haaren ziehen, Worte, die für mich im Alltag beleidigend wären, und Rollenspiele, bei denen ich mich unterwerfe.

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Lana Petersen
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Allerdings: Was heißt überhaupt dominant? Was bedeutet unterwürfig?

Als ich meiner Mitbewohnerin erzählte, dass ich meinen Liebhabern klar sage, dass ich hart behandelt werden möchte, lachte sie nur: "Du bist nicht submissiv. Du sagst den Typen ja genau, was sie mit dir machen sollen!"

Stimmt irgendwie. Wenn ich fordere: "Schlag mich! Zieh an meinen Haaren! Talk dirty to me!", und der Mann diesen Anweisungen folgt… wer dominiert da wen?

Sex ist für mich eine Spielweise. Ein Fantasiereich, in dem ich Identitäten ausprobieren kann, wo das Wilde und Verrückte regiert und ich Abstand gewinne zum Alltag. Im Bett möchte ich mir keine Gedanken über politische Korrektheit machen, sondern über Genuss und Fantasie. Dass jedoch Konsens herrschen muss – bei allen Beteiligten – ist selbstverständlich.

Bin ich deswegen keine Feministin mehr?

Doch, denn den einen Feminismus gibt es sowieso nicht. Manche Feministinnen lehnen beispielsweise Pornos generell ab (Wikipedia), andere schaffen ihre eigenen (PorYes).

Für mich bedeutet Feminismus die Gleichberechtigung aller Geschlechter, auch beim Sex. Alle tun nur das, womit sie sich wohl fühlen. Das schreibt keine bestimmten Praktiken vor, sondern schließt nur diejenigen aus, die Beteiligten schaden oder widerstreben.”

Gegenseitiger Respekt ist schließlich viel wichtiger als perfekte Performance. Dass diese sowieso nie garantiert ist, ist mir über die Jahre klar geworden. Vor Pannen, Erektionsproblemen oder vaginaler Trockenheit schützen auch Offenheit und Erfahrung nicht immer. Ich finde das aber nur halb so wild. Mehr dazu in meiner nächsten Kolumne.

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Lana Petersen
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Trip

​Wie Kolumbien an "Narcos"-Touristen verdient

04.01.2017, 16:52 · Aktualisiert: 05.01.2017, 18:49

Geschmacklose Geldmacherei oder wichtige Aufklärung über Escobar? Unsere Autorin hat sich vor Ort umgesehen.

Woran denkt ihr, wenn ich sage, ich bin in Medellín? An eine Metropole? An Sonne? An Kolumbiens modernste Infrastruktur? Oder doch eher an Pablo Escobar?

Auch ich hatte als erstes sein Antlitz vor Augen, als ich meinen Trip in Kolumbiens zweitgrößte Stadt plante. Serien wie "Narcos" haben daran ihren Anteil. Dabei ist Escobar seit 1993 tot – und vielen Kolumbianer würden ihn gern einfach ruhen lassen. Denn der berüchtigte Drogenbaron terrorisierte mit seinem Medellín-Kartell das Land mehr als zwei Jahrzehnte lang, er ging gegen jeden vor, der sich ihm und seinen Drogengeschäften in den Weg stellte.